Mailand: „Götterdämmerung“, Richard Wagner

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Publikum feierte bei dieser Premiere nach dem musikalischen Marathon Solisten, Dirigent und Orchester, buhte aber das Regieteam aus. Persönlich kann ich mich den Buh-Rufen nicht anschließen, aber auch nicht einem uneingeschränkten Lob für die sängerischen Leistungen.

© Brescia & Amisano / Teatro alla Scala

Wie bereits von den vorangegangenen Inszenierungen der „Ring“-Teile berichtet, setzt Regisseur David McVicar auf eine märchenhafte Auslegung des Mythos in Richard Wagners Monumentalwerk. Die von ihm gemeinsam mit Hannah Postlethwaite entworfene Bühne setzt auf starken Gegensatz zwischen den mit wenigen steinernen Blöcken einfach gehaltenen Szenen der Nornen, der Rheintöchter oder dem Abschied Siegfrieds von Brünnhilde und den am Hof der Gibichungen spielenden, wo viel Gold und spektakuläre Kostüme (Emma Kingsbury) zum Einsatz kommen. Hier ist auch der von den anderen Abenden bekannte goldene Totenkopf zu sehen, während auf den Zwischenvorhängen zahllose gierige Hände nach dem zentralen, immer anders beleuchteten Ring zu greifen versuchen. Fast leer bleibt die Szenerie auch bei Siegfrieds Erzählung, als ihm die Erinnerung wiederkehrt, und seiner anschließenden Ermordung durch Hagen. Nur die primitiven, auf hohen Stöcken sitzenden, Masken unterstreichen die gespenstische Stimmung. Die Schlussszene mit der nach „starken Scheiten“ verlangenden Wotans Tochter wird von zwei Mauerblöcken gerahmt, deren einer sich dann mittels Drehung als die im „Rheingold“ gesehene, nach Walhall führende, Treppe herausstellt, auf der Wotan schließlich herabstürzt. Eine große Rolle spielt den ganzen Abend hindurch die raffinierte Beleuchtung von David Finn. Beeindruckend ist auch die Choreografie von Gareth Mole der den Chor der Mannen unterstützenden Krieger mit ihren Drohgebärden. Nach in Chemielabore verlegten oder die Protagonisten in Feinripp zeigenden Produktionen tut McVicars durch überaus präzise Personenführung gekennzeichnete Regie richtig gut, weshalb mir die von den Galerien kommenden Buhrufe ein Rätsel sind, wurden doch bisher zum Großteil als (im besten Sinne) fortschrittlich angesehene Regieleistungen lautstark abgelehnt.

© Brescia & Amisano / Teatro alla Scala

Wie bei den ersten drei Teilen dieser „Ring“-Produktion teilen sich auch hier Alexander Soddy und Simone Young die musikalische Leitung, der Engländer dirigiert die ersten drei Vorstellungen, die Australierin die letzten beiden. Soddy führte das konzentriert spielende Orchester des Hauses zu beeindruckender, manchmal leicht übersteuerter Klangfülle (Blech!). Insgesamt aber ein brillanter, überzeugender Goldklang. Der Dirigent dankte dem Orchester für seine Leistung, indem er den Publikumszuspruch gemeinsam mit diesem auf offener Bühne entgegennahm. Der wieder auf höchstem Niveau singende Herrenchor unter Alberto Malazzi ließ bedauern, dass er nur in diesem den „Ring“ beschließenden Abend seinen Auftritt hat.

Bei der Bewertung der gesanglichen Leistung von Klaus Florina Vogt muss etwas weiter ausgeholt werden: Wie jeder Wagnerianer weiß, sind die historischen Zeiten der Svanholm, Lorenz oder gar Melchior genauso vorbei, wie die der der Hopf oder Beirer (wobei Andreas Schager die Ausnahme ist), und schon Wolfgang Windgassen wurde zu lyrisches Stimmmaterial, vor allem für den Alt-Siegfried, vorgeworfen. Mit den Jahren wurden die Stimmen allgemein schlanker, aber für diesen Siegfried hat Vogts Tenor einfach nicht genug Gewicht. Der Künstler artikuliert ausgezeichnet, ist hochmusikalisch und hat immer noch le physique du rôle des Helden, doch besteht eine gewisse Einförmigkeit der Leistung, so ganz ohne Möglichkeit, an den Höhepunkten stimmlich auch einmal aufzutrumpfen. Ihm ist zugutezuhalten, dass er nie forciert, und jedenfalls änderte sich nichts am Publikumszuspruch für ihn. Auch Camilla Nylund ist keine Hochdramatische, aber es gelingt ihrem bestens fokussierten Sopran, mit glänzenden Höhen immer über das Orchester zu kommen; auch sie forciert nie. Ihre Darstellung vom Moment des Abschieds vom Geliebten über die Fassungslosigkeit wegen seines Verrats und den Durst nach Rache bis zum Verständnis der Intrige und ihrem Abschied mit einem berührenden „Ruhe, ruhe, du Gott!“ ist so menschlich wie hoheitsvoll. Einen rabenschwarzen Abend hatte leider Günther Groissböck bei seinem Debüt als Hagen. Nicht nur fehlte seinem Bass das tiefe Register für die Rolle, auch Mittellage und Höhe fielen schwach aus, und er war trotz Rücksichtnahme durch den Dirigenten manchmal wenig zu hören. Hoffentlich nur eine Episode, denn darstellerisch schuf er eine überzeugend böse Figur. Ausgezeichnet war der zwar hellstimmige, aber nachdrücklich singende Alberich von Johannes Martin Kränzle, und einen echten Höhepunkt setzte Nina Stemme mit genuiner Wagnerstimme in ihrem Rollendebüt als Waltraute, deren Verzweiflung sie anrührend über die Rampe brachte. Russell Braun überzeugte als feiger Duckmäuser Gunther, seine Schwester Gutrune war bei Olga Bezsmertna darstellerisch besser aufgehoben als gesanglich. Gut ausgewogen das Terzett der Nornen Christa Mayer, Szilvia Vőrős und Olga Bezsmertna, was auch fuer Lea-Ann Dunbar (Woglinde), Svetlina Stoyanova (Wellgunde) und Virginie Verrez (Flosshilde) gilt.

© Brescia & Amisano / Teatro alla Scala

Von der Reaktion des an leichte Stimmen offenbar gewöhnten Publikums war schon die Rede, doch nun noch einige Bemerkungen zur Spielplangestaltung der Scala: Der komplette „Ring“ kommt in zwei Zyklen im Maerz; in das Projekt wurde viel Energie gesteckt, denn rund um das stark beworbene Ereignis gibt es Vorträge und Symposien, die monatliche Zeitschrift des Hauses widmet sich ausschließlich dieses Themas, allein das Programmbuch der „Götterdämmerung“ wiegt 850 Gramm. Aber der Preis dafuer ist hoch, denn nach der letzten Vorstellung der „Lady Macbeth von Mzensk“ am 30. Dezember 2025 gab es im Januar 2026 keine Opernaufführung, im Februar nur fünfmal „Götterdämmerung“, im Maerz die beiden Zyklen, also acht Vorstellungen. Erst im April wird mit „Turandot“ wieder ein anderes Werk gespielt. Wenn man bedenkt, dass andere Häuser den ganzen „Ring“ inmitten des gesamten Repertoires stemmen, darf man sich doch ein wenig wundern.

Eva Pleus, 9. Februar 2026


Götterdämmerung
Richard Wagner

Teatro alla Scala, Mailand

Premiere: 1. Februar 2026

Regie: David McVicar
Musikalische Leitung: Alexander Soddy
Orchestra del Teatro alla Scala