Lieber Opernfreund-Freund,
Tschaikowskys wohl größter Bühnenerfolg Eugen Onegin nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Puschkin, ist seit gestern in Aachen zu erleben. Regisseurin Verena Stoiber stellt dabei einzig die Titelfigur und ihre inneren Nöte in den Mittelpunkt – und das beschert dem Publikum im ausverkauften Haus einen vielschichtigen Opernabend.

Ein junger, unschuldiger Teenager verliebt sich in einen emotional abgebrühten Außenseiter und der bereut Jahre später die brüske Zurückweisung. So schlicht lässt sich Alexander Puschkins Versroman aus dem Jahr 1833 zusammenfassen. Onegin tötet in dessen Verlauf sogar seinen einzigen Freund in einem Duell, das der wegen einer Lappalie vom Zaun gebrochen hat und das schon in der Vorlage und ebenso in der gut 50 Jahre später entstandenen Oper an einer Mühle am See stattfindet. Deshalb wählt Ausstatterin Clara Hertel genau diese Szenerie für ihr Einheitsbühnenbild, lässt See und Mühle durch die Jahreszeiten wandern – vom Früh- über Spätsommer bis hin zum eisigen Winter, auf dem Eiskunstläuferinnen und Sängerpersonal auf der Bühne Pirouetten drehen. Im Hier und Jetzt spielt die Oper bei Verena Stoiber, die detailverliebte Alltagskleidung wird dabei zum Spiegel des Wesens der Protagonisten: die in sich gekehrte Tatjana in unscheinbarem Braun, die kokette und weltoffene Olga figurbetont und freizügig, Mutter Larina offensichtlich im zweiten Frühling (Irina Popova als echter Hingucker) und Lenski als schlichter, unbeholfener junger Dichter. Onegin erscheint im mondänen Mantel und erlebt die Geschichte als Erinnerung, die ihn nicht los lässt. Dass er seinen Freund, mit dem ihn mehr als eine platonische Liebe verbindet, erschossen hat, kann er nicht verwinden. Doch er kann die Zeit nicht zurückdrehen. Auch wenn Stoiber die Oper zeitlich angepasst hat, so spielt sie auch bei ihr doch nicht in einer modernen Gesellschaft, sondern in einer, die im traditionellen Denken verhaftet ist. Deshalb will und kann Lenski seine Gefühle Onegin gegenüber nicht zulassen – der hingegen, der ohnehin schon als Einzelgänger im gesellschaftlichen Abseits steht, lebt seine Liebe zu Mann und Frau gleichermaßen offen aus. Am Ende dieses vierschichtigen, mit lebendiger Personenführung schlüssig erzählten Psychogramms bleibt die Frage, ob die hypothetische Zukunft Onegins mit Tatjana, wenn er denn anders auf ihr Liebesgeständnis reagiert hätte, je mehr als zweite Wahl, mehr als ein Glück zweiter Klasse hätte werden können.

Erfrischend jung setzt sich das Ensemble des Theaters Aachen am gestrigen Abend zusammen. Selbst Gremin ist hier kein alter Fürst mit einer Frau, die seine Tochter oder vielleicht gar Enkelin sein könnte, er ist ein junger Vater, der seine kleine Familie verantwortungsvoll zusammen hält und in Manuel Winckhler mit seinem frischen und doch eindrucksvollen Bass einen hervorragenden Interpreten findet. Larisa Akbari und Sophie Kidwell sind ein herrliches Schwesternpaar, das auch stimmlich nicht unterschiedlicher sein könnte und dennoch bestens harmoniert: Larisa Akbaris Tatjana wandelt sich auch stimmlich vom verträumten Gör zur knallharten Realistin – dazu bringt die aus Russland stammende Sängerin einen wandlungsfähigen, in allen Lagen überzeugenden Sopran mit – während Sophie Kidwell mit samtweichem Mezzo ihr Rollendebüt als hingebungsvolle Olga gibt. Àngel Mácias scheint sich für seine große Szene im zweiten Akt ein wenig aufzusparen und packt mich in der ersten Hälfte des Abends wenig. Zwar ist der junge Mexikaner ein überzeugender Schauspieler, doch sein klangschöner Tenor berührt mich emotional nicht wirklich. Das ändert sich erst nach der Pause, als er die Abschiedsarie voller Herzschmerz zum Besten gibt. Sein Landsmann Jorge Ruvalcaba hingegen überzeugt mich in der Titelrolle von der ersten Sekunde mit seinem kraftvollen und ausdrucksstarken Bariton. Ich nehme dem jungen Sänger seine innere Zerrissenheit in jeder Minute ab, singt er doch voller Leidenschaft und Inbrunst.

Auch die kleineren Partien sind durch die Bank mehr als adäquat besetzt und doch will ich den auf der Webseite des Theaters Aachen als Chorsänger zu findenden Stefan Hagedorn ausdrücklich erwähnen. Er verleiht der Figur des Saretzki, die mir sonst in der Oper kaum je überhaupt aufgefallen war, in seinem kurzen Auftritt mit eindrucksvollem Bass enormes Profil. Der von Alexander Einarsson betreute Chor darf im ersten Akt die die an russische Weisen angelehnten Melodien nur aus dem Off präsentieren, nach der Pause aber kommt zum vokal eindrucksvollen Eindruck eine wunderbare Bühnenpräsenz.

Im Graben schlägt Christopher Ward mitunter flotte Tempi an, zeigt jenseits von folkloristischen Klängen und üblichem russischen Pathos bei aller Schwere eine beschwingte, fast leichte Version von Tschaikowskys Partitur und macht den Abend so musikalisch perfekt. Das findet auch das Publikum, dass am Ende dieses sehens- und hörenswerten Abends nicht mehr auf den Sitzen zu halten ist.
Ihr
Jochen Rüth
8. Februar 2026
Eugen Onegin
Oper von Pjotr I. Tschaikowsky
Theater Aachen
Premiere: 7. Februar 2026
Regie: Verena Stoiber
Musikalische Leitung: Christopher Ward
Sinfonieorchester Aachen
weitere Vorstellungen: 13. und 28. Februar, 17. März, 12. April, 17. und 25. Mai sowie 14. Juni 2026