Diese mit begeistertem Applaus bedankte Neuproduktion, der weltweit beliebtesten aller Opern von Gioachino Rossini wirft in meinen Augen eine überaus wichtige Frage auf, zu der ich am Schluss dieser Besprechung kommen will.
Die Inszenierung des Südafrikaners Matthew Wild (im Theater an der Wien für „Porgy and Bess“ gepriesen, im Opernhaus Frankfurt für „Tannhäuser“) entspricht in ihrer fast surrealen Bewegtheit genau dem vom Komponisten vorgegebenen Rhythmus. Das Bühnenbild von Dirk Hofacker zeigt eine Häuserzeile in der Bonner Altstadt mit Apotheke, Barbierladen, Schlüsseldienst und asiatischem Lokal (treffende Kostüme von Raphaela Rose).

Der Mittelteil dieser Ansicht kann durch Drehungen geöffnet werden – zu sehen sind das Innere des Barbiersalons und daneben die Praxis des Dr. Bartolo (der hier Zahnarzt ist). Darüber befinden sich die von Bartolo und seinem Mündel Rosina bewohnten privaten, durch eine Treppe mit dem Untergeschoß verbundenen Räumlichkeiten. Rosina ist in den Tenorstar Almaviva verknallt, dem sie einen Brief mit beigefügtem Photo von sich geschrieben hat. Das hat seine Wirkung nicht verfehlt, und Almaviva macht sich auf die Suche nach dem hübschen Mädchen. Das haben wir aus gefilmten Szenen (Clemens Walter) während der Ouvertüre erfahren.
Ab da läuft die Handlung an sich wie bekannt ab, aber wie! Da Rossinis Rhythmen laut Regisseur Wild zum Tanzen auffordern, hat er eine Gruppe von vier Hip-Hop-Tänzern eingefügt. Anfänglich irritiert, musste ich mich der Brillanz von Jessica Alino, Corina Wodwarka, Gabriel de Freitas Rolfs und Kacper Iwanow in der rasanten Choreographie von Rudi Smit geschlagen geben, auch weil die Figuren im Laufe der Handlung als Helfer fuer Figaros Pläne auftreten, speziell beim Aufstellen der Fluchtleiter im letzten Bild.

Ein Auszug aus dem Reichtum der Regieeinfälle: Almaviva holt sich das Geld fuer die ihn bei seinem Ständchen begleitenden Musiker aus einem Bankomaten, der offenbar defekt ist und die Geldscheine ohne Unterlass ausspuckt, was die schon in der Musik so freudige Reaktion der Instrumentalisten bestens zeigt. Basilios Verleumdungsarie wird per Social Media illustriert: Unbewiesene Anklagen gegen Tenor Almaviva und entsprechender shitstorm – ein Abbild dessen, was sich derzeit in den „sozialen Medien“ und darüber hinaus abspielt. Die Soldatenkluft für Almavivas Verkleidung wird nach und nach erworben, indem sie einem Klienten Figaros abgekauft wird. Überaus komisch „Un dottor della mia sorte“, während einer Wurzelbehandlung mit Rosina als Assistentin dargebracht. Im 2. Akt wird Bartolo seine Arietta „Quando mi sei vicina“ auf Deutsch singen, mit dem Hinweis à la Fischer-Dieskau. Und so geht es ungebrochen weiter bis zum Happyend, in das Bartolo nicht einstimmt, sondern vergrämt hinter einem Fenster seiner Wohnung zu sehen ist.
Die Leistung des Beethoven Orchester Bonn war der szenischen Wirkung ebenbürtig. Die Schwierigkeiten nördlich der Alpen beheimateter Orchester mit dem Belcanto Stil sind bekannt, was die Qualität der Arbeit von Matteo Beltrami besonders unterstreicht. Der Dirigent muss bei den Proben geduldig, aber unerbittlich an Idealstil und -klang gefeilt haben, und das Ergebnis gab ihm recht, denn die Brillanz des Orchesterklangs war beeindruckend. Bravo!

In der Titelrolle beeindruckte der noch nicht 30-jaehrige armenische Bariton Grisha Martirosyan, 2. Preis 2025 bei Domingos Wettbewerb Operalia. Eine ausladende, aber weich timbrierte Stimme und ein quicklebendiger Darsteller, der mit großer Sicherheit seinen Weg machen wird. Ein weiterer Gast war der Russe Anton Rositskiy, dessen Tenor sich umso wohler fühlte, je höher er hinaufmusste, was in der Rolle des Almaviva bekanntlich überaus häufig der Fall ist. Koloratur und Behandlung der Rezitative können noch verbessert werden, aber insgesamt eine gute Leistung. Der dritte Gast war Enrico Marabelli, der dem Bartolo stimmlich wie szenisch scharfes Profil verlieh. Eine beindruckende Leistung bot das russische Ensemblemitglied Pavel Kudinov mit seinem stimmlich imposanten Basilio, dem auch die duckmäuserische Art der Figur nicht fremd war. Zum Ensemble gehört auch Charlotte Quadt mit gepflegtem Mezzo und sehr natürlichem Spiel als Rosina. Und in der seit dem Vorjahr fest engagierten Schweizerin Nicole Wacker hat das Haus einen Schatz, denn ihre Berta (hier Empfangsdame der Praxis) war von köstlicher, aber nie aufdringlicher Präsenz, und ihre Arie sowie das Finale krönte sie mit einem beeindruckenden sovracuto. Mehr als solide der vom Chorsolisten Miljan Milovic interpretierte Fiorello und zufriedenstellend Seogjung Jang als Polizeioffizier.
Was ist nun die eingangs erwähnter Frage? Es geht hier um nichts weniger als eine nicht gegebene Balance zwischen den überbordenden Einfällen der Regie und der Wahrnehmung der Musik durch das Publikum. Ich habe das Geschehen auf der Bühne zugegebenermaßen genossen, muss aber dazu sagen, dass ich das Werk zum 34. Mal gesehen und gehört habe. Ich konnte zum Glueck auch die Generalprobe sehen und mich somit bei der Premiere ganz auf die Musik konzentrieren. Aber wie geschieht es bei solchen Produktionen einem Neuling? Die Musik wird zur Begleitung oder gar zum Nebengeräusch, er/sie hat sich einmal bestens unterhalten, aber wurde ihnen klar, was Oper ist und wollen sie wiederkommen? Es ist dies eine Grundsatzfrage, welche die hervorragend gemachte Produktion in keiner Weise in Abrede stellt, aber zu über sie hinausgehende Überlegungen anregen soll.
Eva Pleus, 2. Februar 2026
Il Barbiere d Siviglia
Gioachino Rossini
Oper Bonn
25. Januar 2026 (Premiere)
Inszenierung: Matthew Wild
Musikalische Leitung: Matteo Beltrami
Beethoven Orchester Bonn