„Wir wollen a weng kuscheln“, sagt die Frau, als sie sich durch die Sitzreihe bewegt. Der „Knabe“, der dafür sorgt, dass die Braut zu einer Geisterbraut wird, will sich auch nur an die einstige Verlobte schmiegen – nur leider ist er schon tot.
Antonín Dvořáks Geisterbraut, eine Dramatische Kantate, wie man in Hof das Stück werbewirksam betitelt, laut Textbuch eine Ballade nach der Dichtung von Karel Jaromir Erben, ist ein sehr seltenes Stück – umso schöner, dass das Theater Hof es jetzt nicht allein in einer konzertanten, sondern in einer quasi halbdramatischen Form auf die Bühne bringt. Denn Bewegung findet am Abend durchaus statt, da man die ukrainische Sandmalerin und -zeichnerin Svetlana Telbukh eingeladen hat, das 85 Minuten währende Werk mit ihrer Kunst zu begleiten. Ihre Hände stehen denn auch nur einmal still: am meditativen Höhepunkt des Werks, an dem selbst eine vollszenische Interpretation vermutlich kontemplative Ruhe einkehren lassen würde. Das Mädchen bittet da in höchster Not zur Jungfrau Maria, sie möge sie vor dem Bösen beschützen. Dvořák hat dieses Gebet mit aller Inbrunst und lyrischen Kraft ausgestattet. Natürlich siegt am Ende die Glaubenszuversicht über den den Untoten, aber vielleicht verhindert auch nur der erste Hahnenschrei, dass das arme Mädchen in den Tod gerissen wird. Da es sich aber um ein Werk von Dvořák handelt, klingt die Kantate, das Oratorium, die Ballade denn auch nicht in doppeltem Forte, sondern still und leise aus, so wie es beginnt.
Vorher hat uns die Sandkünstlerin mit ihren Bildern fast eineinhalb Stunden begeistert: freilich um den Preis, das manch musikalisches Detail, manch Passage eher unbewusst ins Ohr klang, aber Dvořáks Geisterbraut ist so gut, dass es sich lohnt, das Ganze noch einmal, mit der Partitur vor Augen, aufmerksam durchzuhören; innere Bilder entstehen übrigens schon da, wo man die Augen schließt. Der Komponist selbst war während der Komposition der Meinung, dass das 1884 entstandene und in Birmingham erfolgreich uraufgeführte Opus „all seine bisherigen übertreffen“ würde. Es stimmt zwar nicht, aber begegnet man dem Stück in einer guten Aufnahme oder einer Live-Aufführung, nimmt man sofort wahr, dass es besser ist als der Ruf, den es hierzulande schon deshalb nicht hat, weil man es so gut wie nie live zu Gehör bekommt. Dvořáks Muse hat all jene Naturbilder des Grauens und die tiefen Gefühle inspiriert, die der Musiker sogar dem Untoten schenkte; auch er ist ein Mensch, der sich nach der Liebe sehnt, zu dumm, dass er schon gestorben ist.
Insofern ist die Begründung, die der Intendant des Hofer Theaters, Lothar Krause, angesichts der Bildhaftigkeit der Geisterbraut für den ungewöhnlichen Einsatz des Kunstmittels gegeben hat, zugleich richtig und falsch: richtig, weil die Chorkantate, das Oratorium, die halbe Oper, absolut dramatische Elemente enthält, falsch, weil die Kunst Svetlana Telbukhs keiner Begründung bedarf, man andererseits jedoch daran zweifeln kann, ob die Gleichzeitigkeit von Bild und Ton wirklich zwingend ist: Die „dramatische Kantate“ rufe, so Krause, „beim Hören eine Fülle von inneren Bildern hervor. Sandmalerei bietet hier eine Möglichkeit, diese Bilder sanft und ohne feste Form sichtbar zu machen. Die Bilder entstehen aus wenigen Strichen und lösen sich wieder auf – genauso wie die Eindrücke, welche die Ballade hinterlässt, während man sie liest oder hört.“ Die Sandmalerei ermögliche einen Zugang zu Dvořáks Werk, der die mystische und düstere Dimension sichtbar mache.
Wie gesagt: Die Begründung für das Engagement Svetlana Telbukhs ist so naheliegend wie bemüht, denn schon beim Anhören des Werks dürfte die Düsternis wie die mystische Qualität der Geisterbraut offenbar werden. Unterm Strich aber wird man über die Dauer der – schon aufgrund der permanent entstehenden und neukontruierten Bilder – kurzweiligen Aufführung von den Zeichnungen gebannt, die die Bildkünstlerin dem dem Ton-Text-Kunstwerk abgewann. Die Virtuosität dieser Zeichnerin ist schlichtweg phänomenal. Die Bilder entstehen und werden verändert, werden also nicht einfach weggewischt. Wir sind Zeugen von beständigen Metamorphosen: Aus einer Landschaft wird ein Schmetterling, eine Blume, ein Mond, daraus das Mädchen, das seit drei Jahren auf ihren verschollenen Liebsten wartet und sich in einem Nest der Erinnerung und der Sehnsucht birgt, daraus der Kopf des jungen Mannes, während der Mond zu einer Mitternachtsuhr changiert. Der Jüngling und das Mädchen stehen plötzlich in einer Nachtlandschaft, das Mädchen hält das Gebetbuch, das ihm der Untote entreißt, „Käuzchen und Totenrab“ akzentuieren die Szene. Des Mädchens Hände halten plötzlich einen Rosenkranz, auch der wird ihm, wie noch das Kreuz, entrissen, nun ist es nicht mehr der Schmetterling, sondern die nächtliche Fledermaus, Symbol des unchristlich Anderen, die durch die Nacht fliegt. Man sieht eine Stadt, davor einen Friedhof, man sieht die weißen Kreuze und das Leinenhemd, das dem Werk den Titel gab, denn im tschechischen Original heißt es nicht Die Geisterbraut, sondern Svatebni košile, also Hochzeitshemden. Am Ende werden die Fetzen des Leinengewands, wie in so manch internationaler Sage, nach Sonnenaufgang auf den Gräbern verstreut sein. Bevor es dazu kommt, flieht das Mädchen vor dem begehrlichen Untoten, der sie in sein „Schloss“, also die Gruft an der Kirche führen will. Das Leichenhaus am Friedhof ist ein schlechter Fluchtort, auch wenn das Mädchen auf einem Einhorn, dem Symboltier der Mutter Maria, reitet, denn da liegt schon ein frischer Toter, der, durch magische Kraft angespornt, dem Untoten die Tür öffnen soll, doch bevor es dazu kommt, betet sie, sündenbewusst wie Maria Magdalena, auch mit ihren langen, langen Haaren versehen, zur Madonna. Dann kräht der erste Hahn und alles ist gut. Das letzte Bild ist ein Standbild: Die Sünderin, die die Schwäche besaß, dem Ruf des Untoten zu folgen, steht im Schutz der überdimensionalen, leuchtenden Madonna.
Ist das nicht alles Kitsch? Ja – aber er ist gut gemacht. Ist es nicht die Bestätigung eines objektiv falschen, weil zwanghaft religiösen Bewusstseins aus dem Geist des naiven 19. Jahrhunderts? Ja – aber das Kunstwerk, also Dvořáks Geisterbraut und Telbukhs Illustrationen, müssen erst einmal für sich ernst genommen werden: die Kantate als Zeugnis großer Kunst, die Bilder als Belege für eine reizvolle Anverwandlung eines fantastischen und nach wie vor bewegenden Sujets. Sind die Zeichnungen nicht niedlich? Ja – aber sie in dieser metamorphotischen Technik derart kunstvoll und genau zu entwerfen, als würden sie gerade in den Sand improvisiert, nötigt größten Respekt ab.
So betrachtet, ist die Sandmalerin und -zeichnerin der Star der Aufführung, auf die man denn auch oft schaut, wenn man sich nicht der Live-Projektion widmet, die über dem Orchester hängt. Die Hofer Symphoniker sitzen unter der Leitung von Peter Kattermann auf dem hinteren Teil der Bühne, so dass der Klang gelegentlich eher diskret ist und die drei Solisten alle Chancen haben, durchzudringen. Links steht der 21köpfige Chor, rechts die Sängerin und ihre zwei Kollegen; Inga Lisa Lehr ist ein „Mädchen“, das die Jugendlichkeit der Figur mit der Erfahrung einer dramatisch-lyrischen Sopranistin elegant verbindet. Der Erzähler wird von James Tolksdorf gesungen, sein Bassbariton bringt die Horror-Geschichte kräftig-deutlich heraus, und Minseok Kim, der lyrische Tenor des Hauses, singt die Gefühle des toten „Knaben“ sensibel heraus.
So scheint Die Geisterbraut beim Publikum gut angekommen zu sein – dies wohl nicht allein aufgrund der spektakulären Live-Sandmalerei, die für die äußere Bewegung der Produktion gesorgt hat. Dass immer wieder eine innere Bewegung zu bemerken war, liegt an Beidem: auch an Dvořáks großer Kunst, die am Abend sauber über die Rampe kam und selbst dann innere Bilder produziert hätte, wenn man „nur“ die Musik gehört und den Text mitgelesen hätte. Dass Svetlana Telbukh ihre Kunst-Art ins Spiel brachte, war ein Pluspunkt, der aus der konzertanten Aufführung eine halbkonzertante, oder besser: etwas durchaus Neues machte: vielleicht nicht zum Kuscheln, aber zum permanenten Mitempfinden. So spricht denn Einiges dafür, dass die Thesen zur Kombination von Musik und Malerei auf irgendeine Art denn doch ihre Richtigkeit haben.
Frank Piontek, 1. März 2026
Die Geisterbraut
Konzertante Aufführung mit Sandmalerei
Antonín Dvořák
Theater Hof
Premiere: 30. Januar 2026
Besuchte Aufführung: 28. Februar 2026
Hofer Symphoniker
Musikalische Leitung: Peter Kattermann