
Mit Merrily We Roll Along erlebte Stephen Sondheim 1981 einen veritablen Broadway-Flop, was in seiner gesamten Karriere ansonsten eher nicht der Fall war. Nach 44 Voraufführungen und nur 16 regulären Vorstellungen musste die Show wieder schließen. Die Gründe hierfür waren vielfältig und lagen vor allem in der Produktion und Umsetzung des Stücks. Interessanterweise wurde das Musical nach einigen Überarbeitungen im Jahr 2023 an derselben Stelle ein riesiger künstlerischer und finanzieller Erfolg. Es gewann 2024 gleich vier Tony Awards, unter anderem in den Kategorien „Bestes Musical-Revival” und „Beste Orchestrierung”. Im vergangenen Jahr fand am Theater Regensburg die deutschsprachige Erstaufführung statt, die wegen des großen Erfolgs in die aktuelle Spielzeit übernommen wurde.

Erzählt wird die Geschichte von Franklin Shepard, einem reichen und berühmten Songschreiber und Filmproduzenten im Jahr 1976, und von seinen beiden Freunden Charley Kringas und Mary Flinn. Das Besondere hierbei ist die rückwärts gerichtete Erzählweise, die den Zuschauer von 1976 ins Jahr 1955 führt. So erlebt man Franklins beruflichen Aufstieg an besonders wichtigen, die Zukunft verändernden Stationen mit. Doch hinter der glitzernden Fassade entwickelt sich Shepard gleichzeitig vom jungen Menschen voller Ideale zu einem drogenabhängigen, machtbesessenen Narzissten, wodurch seine Freundschaft zu Charley und Mary schlussendlich in die Brüche geht. Neben dem Thema Freundschaft wird im Musical die Vergänglichkeit der eigenen Ideale stark thematisiert. Die rückwärts gerichtete Erzählweise hat dabei den großen dramaturgischen Vorteil, dass dem Zuschauer stets die Auswirkungen einer Entscheidung in der Zukunft bekannt sind. Dies sorgt für eine ganz besondere Sichtweise auf die Handlung und schafft tragische wie humoristische Momente, etwa wenn Franklins Ehefrau die Warnung ihrer Freunde nicht ernst nimmt, dass der große Broadway-Star Gussie Carnegie es auf ihren Ehemann abgesehen hat. Zu diesem Zeitpunkt ist dem Zuschauer die spätere Affäre der beiden bereits bekannt. Ebenso interessant ist, dass man beispielsweise erst viel später fast beiläufig erfährt, dass Gussie nur ein Künstlername ist und auch sie zuvor ein ganz anderes Leben geführt hat. Die große Frage, die an diesem Abend über allem schwebt, lautet: Wo sind wir im Leben vielleicht falsch abgebogen?

Sebastian Ritschel inszeniert die Geschichte geschickt, indem er zu Beginn eine oberflächliche Partygesellschaft zeigt, die in ihrer schwarzglitzernden Kleidung wie eine austauschbare Masse den erfolgreichen Franklin Shepard umgibt und sich in seinem Ruhm sonnt. Die Bühne ist mit einigen Spiegeln versehen und im Hintergrund befinden sich unzählige Glühbirnen, die allesamt einzeln angesteuert werden können (Ausstattung: Barbara B. Blaschke in Zusammenarbeit mit dem Regisseur). So ist es möglich, auf der Rückwand die jeweilige Jahreszahl anzuzeigen, wodurch das Publikum der Handlung jederzeit gut folgen kann. Hierzu trägt auch die exzellente deutsche Übersetzung von Sabine Ruflair und Jana Mischke bei, durch die man über gute zweieinhalb Stunden tief im Stück versinken kann. Im Verlauf des Abends kommen immer mehr Requisiten zum Einsatz, sodass sich die anfängliche Scheinwelt voller Oberflächlichkeiten zunehmend in eine reale Welt verwandelt. Gleichzeitig wird die Hauptrolle immer sympathischer, bis das Stück mit dem Kennenlernen der Freunde Mitte der 50er-Jahre in einem kurzen, aber sehr wirkungsvollen musikalischen Finalmoment endet, dessen genialer Kniff an dieser Stelle aber nicht verraten werden soll. Nach Come from Away ist diese Inszenierung eine weitere gelungene Umsetzung einer wahren Musical-Perle, die in Regensburg als deutschsprachige Erstaufführung zu sehen ist. Damit etabliert sich das Theater weiter als Anbieter hochwertiger Musical-Produktionen in Deutschland.

Hochwertig ist auch die Besetzung des Stückes. Mit Andreas Bieber steht ein etablierter Musicaldarsteller in der Rolle des Franklin Shepard auf der Bühne. Felix Rabas und Friederike Bauer sind als Charley Kringas und Mary Flinn ebenfalls treffend besetzt. Auch die weiteren Besetzungen wissen zu gefallen. Musikalisch kann Merrily We Roll Along ebenfalls vollkommen überzeugen. Stephen Sondheim schuf mit diesem Werk eine vielschichtige Komposition, die neben einem wiederkehrenden Leitmotiv eine große musikalische Bandbreite bietet. Im Gegensatz zu anderen Sondheim-Stücken sind viele Stücke im Stil großer, traditioneller Broadway-Shows geschrieben. So erklingt gleich zu Beginn eine für Sondheim eher unübliche große Ouvertüre, die die Zuschauer und Zuschauerinnen wahrlich in die Sitze drückt. Hervorragend hier das Philharmonische Orchester Regensburg unter der musikalischen Leitung von Andreas Kowalewitz. In dem Buch Sondheim on Music wird der Komponist wie folgt zitiert: „Merrily war die schwierigste Partitur, die ich jemals schreiben musste, und das lag zum Teil daran, dass ich versuchte, wiederzugeben, wie ich mit fünfundzwanzig war.” Dies ist ihm zweifelsfrei gelungen, daher sollten sich alle Intendanten, Operndirektoren und Dramaturgen für die zukünftige Spielplangestaltung gerne etwas genauer mit Merrily We Roll Along befassen. Dieses Musical ist sicher nicht alltäglich und vielleicht auch nicht für jeden gleichermaßen zu empfehlen. Allen an Musicals interessierten Lesern, die sich für Produktionen abseits des Mainstreams interessieren, kann jedoch ein Besuch der beiden verbleibenden Vorstellungen in Regensburg wärmstens ans Herz gelegt werden.
Markus Lamers, 19. Januar 2026
Merrily We Roll Along
Musical von Stephen Sondheim
Theater Regensburg
Deutschsprachige Erstaufführung: 24. Mai 2025
Wiederaufnahme: 4. Oktober 2025
besuchte Vorstellung: 18. Januar 2026
Inszenierung: Sebastian Ritschel
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Weitere Aufführungen: 8. Februar und 13. März 2026