„Diese Auszeichnungen“, schreibt der Intendant Sebastian Ritschel, „sind weit mehr als bloße Zierde – sie sind ein Zeichen lebendiger Theaterarbeit, hervorragender künstlerischer Qualität in allen Abteilungen, großer kreativer Leistungsbereitschaft und Ausdruck unseres künstlerischen Mutes“.
Der Intendant ist der des Theaters Regensburg – demnächst des Staatstheaters Regensburg, worauf man am Abend gleich mehrmals stolz hinweist –, das zu den Prämierten gehört. Als „Bestes Opernhaus“, ausgezeichnet vom Kuratorium, das von der Zeitschrift „Oper!“ unter seinem Chefredakteur Ulrich Ruhnke gestellt wurde, ist es zugleich der Ort, an dem am Abend die 19 Preise verliehen wurden. Dass es das oder die „beste“ XY in der Kunst und den Künsten nicht gibt und niemals geben kann, weil Äpfel nicht mit Birnen verglichen werden können und die Kunstgeschichte keine Olympiade ist, wird jeder Intendant und Laudator (unter ihnen Uwe Friedrich und Franziska Stürtz) insgeheim einsehen, doch für Regensburg, für viele Opernfreunde sicher immer noch ein sogenanntes „Provinztheater“, ist es ein großer Tag, denn welcher lokale Opernfreund kann behaupten, an einem Abend Cecilia Bartoli, Jonathan Telemann, Barrie Kosky und Jürgen Rose auf dem Podium gesehen zu haben? Nb: „Provinz“ existiert nur in den Köpfen; man merkt es auch an diesem Abend.

Worum geht’s, wenn es um die „beste“ Sängerin, den „besten“ Sänger, die „beste“ Inszenierung, Ausstattung, Gesamtedition oder Uraufführung geht? Auf jeden Fall um eine „Exzellenz“, auf die sich ein Gremium von Kennern einigen kann. In Regensburg hat man das Rechte und Richtige ausgezeichnet, also Bekannte(s) und Unbekannte(s), scheinbar Abseitiges und öffentlich schon Berühmtes, Klassiker und Novitäten. Befestigt wird das alles durch die „Show Acts“, die mehr sind als musikalische Einlagen – gewiss, das sind sie auch, doch dürfen sich die Sängerinnen und Sänger, wenn sie nicht gerade krankheitshalber verhindert sind, stimmlich und/oder tänzerisch präsentieren. So erhielt Jonathan Tetelman den Titel „Bester Sänger“ verliehen, um sich anschließend mit La donna è mobile stimmschön-tenorstark vorzustellen. Miina-Liisa Värelä musste zuhause bleiben, sodass Katharina Wagner, auf deren Bayreuther Bühne Värelä bereits als Ortrud stand („eine Hochdramatische, die mit stärkstem Ausdruck Wagners Ansicht, dass eine politische Frau etwas Furchtbares sei, zugleich konterkariert und glücklicherweise bestätigt“, wie ein Kritiker des Opernfreunds damals schrieb) den Preis entgegen nimmt, bevor Catherine Foster, als vokale und improvisatorisch bereite, also zwischen Terminen eingeklemmte Super-Einspringerin und -Sängerin, zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Regensburg unter GMD Stefan Veselka den Schlussteil aus Brünnhildes Schlussmonolog hinreißend ins Haus am Bismarckplatz hineinschickt.

Noch etwas weniger bekannt als Tetelman und Foster resp. Värelä ist die „beste Nachwuchskünstlerin“ Nadezhda Karyazina, die in Salzburg als Marfa und als Einspringerin in Hotel Metamorphosis die Zuhörer so begeisterte wie die der Donau-UNESCO-Welterbestadt; mit ihrem wundersam dunkel gefärbten Mezzo gibt sie Vivaldis Nel profondo cieco mondo aus dessen Orlando furioso zum Allerbesten.
Dass der Opernschöpfer Vivaldi gegenüber dem Konzertkomponisten Vivaldi unbekannt ist, wird kein langjähriger Freund der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts mehr behaupten können, doch stimmt’s, dass Vivaldis Bühnenwerke nach wie vor zu den Raritäten der aktuellen Theaterpraxis gehören. In diesem Sinn hat Hotel Metamorphosis, uraufgeführt bei den Salzburger Pfingstfestspielen, tatsächlich Wesentliches für die Akzeptanz des Opern-Vivaldi gemacht. Uraufführung? Hotel Metamorphosis ist ein Pasticcio, also eine Opern-Pastete im Sinn des 18. Jahrhunderts, aber ist, wie die künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli hintersinnig-sprudelnd anmerkt, nicht jede Oper ein Pasticcio?

Das Hotel heimst gleich mehrere Preise ein: für die beste Regie, also Barrie Kosky, der an der Entwicklung des Stoffs wesentlich mitgearbeitet hat, die beste Aufführung, auch den besten Dirigenten, also Gianluca Capuano, und für Nadezhda Karyazina, die Newcomerin. Allein, auch ein Hotel Metamorphosis, das macht der Preis für die „beste Aufführung“ klar, ist weder das Werk eines einzelnen Regisseurs noch eines einzelnen Dirigenten. Immer wieder wird, quasi vom ersten bis zum letzten Takt der dreieinhalb Stunden währenden und doch kurzweiligen Veranstaltung, darauf hingewiesen, dass Theater immer Teamwork, ja, wenn’s glückt, Kollegialität ist. Nur so ist es verständlich, dass Jürgen Rose, der am Abend, mit 88 Jahren, den „Lebens- und Ehrenpreis“ erhält, der als Kostüm- und Bühnenbildner, als Regisseur und denkender Theatermensch auf eine mit über 300 Inszenierungen höchst eindrucksvolle Vita zurückschauen kann, in der sich Roses Qualitätsanspruch glücklicherweise immer auf Häuser und Partner verlassen konnte, die diesen Qualitätsanspruch im Kollektiv realisieren konnten. Insofern ist auch eine vergleichsweise „kleine“ Produktion wie die „beste Gesamtedition“ aller auf acht CDs eingespielten 200 Donizetti-Lieder nicht das Werk eines Klavierspielers und einer Solistin, sondern das Produkt eines längeren und komplexen Weges, den der Pianist Carlo Rizzi ausführlich erläutert. Ermonela Jaho gibt dann mit Donizettis Liedhommage auf den toten Bellini die Praxis zur Theorie hinzu, um, quasi durch die Hintertür, zwei der größten italienischen Opernkomponisten auf die Regensburger Bühne zu bringen. Ansonsten ist es Leonard Bernstein mit seiner Ouvertüre zu Candide (einem Gemeinschaftswerk eines Komponisten, mehrerer Librettisten und Orchestratoren…), der sich immer dann zitathaft ins Gehör und Gedächtnis bohrt, wenn es gilt, die Exzellenzen auf die Bühne zu bitten.
Eigentlich – und uneigentlich – müsste man nun jeden Preisträger nennen. Belassen wir es beim „besten Orchester“, der Staatskapelle Berlin (die u.a. durch Christian Thielemann und die Intendantin Elisabeth Sobotka vertreten ist, wobei vornehmlich auf die Erstaufführung von Strauss’ ungewöhnlich schwer zu machender Schweigsamer Frau hingewiesen wird), bei der „besten Wiederentdeckung“, Eugen d’Alberts Die Toten Augen am Theater Altenburg Gera, beim „besten Entrepreneur“, zu Deutsch: beim besten „Unternehmer“, also dem Regisseur Christoph Loy, der eine Zarzuela-Compagnie gegründet hat, auch, um diese bei uns stark unterbelichtete Gattung des spanischen Musiktheaters bei uns populär zu machen. Als „beste Uraufführung“ firmiert Il nome della rosa an der Scala, komponiert von Francesco Filidei und getextet von Stefano Busellato in collaborazione con Hannah Dübgen e Carlo Pernigotti; Dübgen ist auch anwesend, um, stellvertretend für das Heer der Librettisten, ohne die keine Oper möglich wäre, sich neben dem Komponisten für die Auszeichnung zu bedanken.
Und die „Einlagen“? Man hört die Glöckchen-Arie aus Léo Delibes’ Lakmé: eine Kostbarkeit des französischen Repertoires, feinziseliert ausgesungen von Erin Morley, ausgezeichnet als Sängerin des „besten Albums“. Man hört und sieht die Showtruppe aus der hauseigenen Produktion The Ghosts of Versailles, einem zwischen „Opernspektakel“ und Musical changierenden Werk von John Corigliano, Carlos Moreno Pelizart singt einen köstlichen Schmachtfetzen aus Joseph Beers wiederentdeckter Operette Der Prinz von Schiras, und man beendet den Abend nicht mit dem Ring-Finale, sondern dem Schluss aus Bernsteins Candide: Make our garden grow. Schöner und hoffnungsfroher kann kein neueres Musiktheaterwerk enden, und besser kann sich das Theater Regensburg mit Chor, Solisten und Orchester nicht präsentieren; das wird sich nicht allein der in der ersten Reihe des Orchestergrabens sitzende Barrie Kosky gedacht haben.

Der Regensburger Opernfreund kann es daher auch verschmerzen, dass in den verbleibenden fünf Monaten bis zum Ende der Spielzeit 2025/26 das „beste Opernhaus“ in 34 Aufführungen nur noch vier Opern, 13mal die im Moment allgegenwärtige Alcina und sechsmal das Repertoirestück Rigoletto (neben einer separaten Butterfly), sowie immerhin zwei junge Stücke (zehnmal der Psychohorror-Thriller Shining und viermal die Kammeroper Lucidity) bringt, um, wie es in der Laudatio heißt, „mehr Neues als Bekanntes“ ins Haus zu bringen. Im Übrigen: The show must go on. Das weiß auch Jürgen Rose (88, wie erwähnt), der „morgen früh nach Dresden muss“, denn „um halb 2 hat der Onegin Anprobe“. Nicht weniger als gut 30 der Bühnenausstattungen des großen, erzählfreudigen (man hätte ihm noch Stunden zuhören können) Bühnenbildners und Kostümgestalters werden aktuell noch gespielt: realisiert und immer wieder reanimiert von, wie der nach wie vor agile Altmeister sagt, „einem Team von Individualisten“. Also von genau jenen Opern- und Theatermenschen, die in Regensburg ausgezeichnet worden sind.
Frank Piontek, 25. Februar 2026
Oper! Awards
Preisverleihung
Theater Regensburg
23. Februar 2026