Hamburg: „Ruslan und Ljudmila“, Michail Glinka (zweite Besprechung)

Was die Staatsoper Hamburg mit ihrer neuen Ruslan und Ljudmila-Produktion zeigt, hat mit einer traditionellen Märchenoper wenig zu tun. Schon während der Ouvertüre wird deutlich, dass hier niemand in eine Zauberwelt entführt wird.

© Matthias Baus

Das Regieduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka verlegt Glinkas Oper, die man sonst eher als farbenfrohes Fantasystück kennt, in eine düstere Zwischenwelt. Zwei Bildräume stehen sich gegenüber: die kalte, durchreglementierte Strenge des Eiskunstlaufs und ein finsterer U-Bahn-Untergrund. Aus dieser Reibung gewinnt die Inszenierung ihre Spannung. Das Eis markiert ein System aus Perfektion, Kontrolle und Erwartung, in dem Ljudmila zunehmend erstarrt. Die U-Bahn dagegen ersetzt den Märchenwald durch ein labyrinthisches Geflecht psychischer Tiefenzonen. So entsteht ein Ort für Ängste, Sehnsüchte und verdrängte Wahrheiten, rau, unberechenbar und offen für Identitäten jenseits gewohnter Zuschreibungen. Zusammengehalten wird das von Bildmotiven der späten Sowjetzeit: bröckelnde Architektur, institutionelle Kälte, latent spürbare Überwachung. Als Gegenpol wirbelt eine queere Subkultur dieses starre Koordinatensystem auf, in neongetränkten, clubartigen Szenen voller Ironie und Körperlichkeit.

So rückt die Regie Ljudmilas Weg in eine psychologische Perspektive, ohne ins Theoretische abzudriften. Projektionen und Bildüberlagerungen lassen eine beschädigte Wahrnehmung aufscheinen. Das Märchen verwandelt sich in ein modernes Psychodrama. Die Zuschauer erleben weniger eine Entführungsgeschichte als die Suche nach einer Identität, die unter Druck geraten ist. Und trotz des konzeptionellen Ansatzes wird es nie trocken; die Regisseurinnen arbeiten mit spürbarer Fantasie.

© Matthias Baus

Musikalisch öffnet sich ein noch größeres Panorama. Unter Azim Karimov entfaltet das Philharmonische Staatsorchester Hamburg Glinkas Partitur mit kluger Balance: Momente kammermusikalischer Zerbrechlichkeit stehen neben kraftvollen Ausbrüchen, die den Saal hörbar mitnehmen. Die Ballettmusiken bleiben erhalten, allerdings ohne Tanz. Der Chor der Hamburgischen Staatsoper (Alice Meregaglia) präsentiert sich präzise, kraftvoll und durchgehend präsent.

Barno Ismatullaeva gestaltet Ljudmila mit einem Sopran von großer Klarheit und Strahlkraft, der zugleich eine erstaunliche Palette an Farben zeigt. Jede Phrase sitzt, jede Nuance ist bewusst gesetzt. So gelingt ihr eine Darstellung, die technische Souveränität mit echter Emotionalität verbindet. Ilia Kazakov zeichnet einen Ruslan fern aller Heldenpatina: ein Mann, der zweifelt, kämpft und seine Verletzlichkeit nicht versteckt. Sein schlanker, dennoch tragfähiger Bass trägt diese Lesart mühelos.

Alexei Botnarciuc setzt als Farlaf auf markantes Bassprofil und komödiantische Zuspitzung. Nicky Spence (Bajan / Finn) überzeugt mit hell timbriertem Tenor, auch wenn er inszenatorisch wenig hervorgehoben wird. Artem Krutko gestaltet Ratmir mit klangschönem, satt geführtem Countertenor und feinem lyrischen Gespür. Angela Denoke ist als Naina ein Ereignis: eine wandlungsfähige, schillernde Figur zwischen Verführung und Bedrohung und geradezu luxuriös besetzt für eine Nebenrolle. Natalia Tanasii verleiht Gorislawa Wärme und Kontur; Tigran Martirossians autoritärer Bass macht Swetosar überzeugend greifbar.

© Matthias Baus

Wer eine traditionelle Märchenoper erwartet, dürfte irritiert sein. Wer sich auf eine zeitgenössische, politisch geschärfte Lesart einlässt, erlebt einen bemerkenswerten Opernabend. Man muss dafür nicht einmal das Programmheft studieren. Trotz aller intellektuellen Schärfung bleibt die Inszenierung ein Märchen – nur eines, das im hier uns jetzt spielt.

Marc Rohde, 28. November 2025


Ruslan und Ljudmila
Große Zauberoper in fünf Akten von Michail Glinka

Staatsoper Hamburg

Besuchte Vorstellung: 27. November 2025
Premiere am 9. November 2025

Inszenierung: Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka
Musikalische Leitung: Azim Karimov
Philharmonisches Orchester Hamburg

Trailer