Im Advent eine Märchenoper zu präsentieren, verspricht jedem Opernhaus einen nachhaltigen Erfolg. Die Sächsische Staatsoper Dresden wählte für ihre Weihnachtspremiere ein Werk des 1952 geborenen dänischen Komponisten Hans Abrahamsen, The Snow Queen, das am 13. Oktober 2019 in dänischer Sprache in Kopenhagen uraufgeführt wurde. Dresden entschied sich bei seiner Neuproduktion für die Fassung in Englisch, welche am 21. Dezember 2019 an der Bayerischen Staatsoper München herausgekommen war. Der Komponist selbst schrieb gemeinsam mit Henrik Engelbrecht das Libretto nach dem Märchen von Hans Christian Andersen. Es erzählt von den Kindern Gerda und Kay. Er wird von der Schneekönigin in ein Reich von Kälte und Eis entführt, sie bricht auf, zum ihn zu suchen, und trotzt dabei allen Gefahren. Auf ihrem Weg begegnet sie sprechenden Blumen, aufgeregten Krähen, einem Prinzen mit seiner Prinzessin und einem hilfreichen Rentier. Das alles klingt nach einem abenteuerlichen, kindertauglichen Sujet, doch ist das Stück nicht eben geeignet für kleine Zuschauer.

Das liegt vor allem an der anspruchsvollen Musik, geschrieben für großbesetztes Orchester. Im Kontrast aus Passagen von monoton tröpfelnden Klängen, wisperndem Raunen und nervösem Flirren bis zu exzessiven Klangballungen mit viel Schlagwerk und Blech reizt sie die dynamische Spannbreite voll aus. Nur selten vernimmt man melodische Inseln – so beim Zwiegesang des Rentiers mit der Finnenfrau im 3. Akt („She is a sweet and innocent child“) oder dem jubelnden Duett von Kay und Gerda am Ende. Insgesamt gewinnt die Musik im letzten Akt an Dichte und Expressivität, gipfelnd in der rauschhaften Schlussapotheose, wenn die Kinder sich wiedergefunden haben und nun erwachsen geworden sind. Bei seinem Hausdebüt durfte der Schweizer Dirigent Titus Engel, ein profunder Kenner zeitgenössischer Musik, sich über einen verdienten Erfolg freuen. Mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden sicherte er dem Werk mit seinen vielfältigen Facetten und Gegensätzen eine starke Wirkung.
Auch an das Ensemble stellt die Komposition höchste Ansprüche. Bis an die Grenzen gefordert wird vor allem Louise McClelland Jacobsen in der Partie der Gerda. Ihr werden Töne in stratosphärischer Lage abverlangt, nicht selten muss sie sich gegen das geballte Orchester durchsetzen und insgesamt eine Balance finden zwischen expressivem, bis zum Schrei reichendem Gesang und feinsten Valeurs in sphärischen Dimensionen. Die dänisch-neuseeländische Sopranistin in roter Strickjacke oder einem Kleid von sonnigem Gelb entledigte sich dieser Herausforderung mit Bravour. Als Mezzosopran ist Kay besetzt, womit der Komponist an die Rollenverteilung in Humperdincks Hänsel und Gretel erinnert. Valerie Eickhoff in bunt gestreiftem Wollpullover und Kniehosengefiel mit lebhaftem Spiel und munterem Gesang.

Die Titelrolle ist eine Partie en travestie für einen Bass. Mit Georg Zeppenfeld, renommierter Hans Sachs und Gurnemanz auf dem Grünen Hügel, war sie prominent besetzt. Im langen weißen Mantel mit silbern glitzernden Revers hatte er einen wirkungsvollen Auftritt, gesanglich freilich wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Später gab er noch das Rentier in imposanter Maske mit größerer stimmlicher Autorität. Auch die Bayreuth-erfahrene Christa Mayer trat in mehreren Episodenrollen auf – zunächst als Großmutter, die den Kindern die Geschichte von der Schneekönigin vorliest, dann als Alte Frau, in deren Garten die Blumen berichten, dass Kay noch am Leben ist, und schließlich als Finnenfrau, die erklärt, dass Gerda Kay auch ohne Superkräfte befreien könne. Die Altistin absolvierte ihre Szenen solide und kam vor allem bei der höher notierten Partie der Finnenfrau zu vokaler Wirkung.
Effektvoll sind einige Nebenrollen, so die Waldkrähe mit dem amerikanischen Charaktertenor Simeon Esper und die Schlosskrähe mit dem balsamisch singenden Counter David DQ Lee. Auch der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jonathan Becker) kommt hier mit bizarrem „Caw-caw“-Gekrächze zum Zug. Mit der Sopranistin Jasmin Delfs als Prinzessin und dem Tenor Mario Lerchenberger als Prinz gibt es ein weiteres Paar.

Sie alle hat Nicola Reichert in fantastische Kostüme gekleidet, welche das Märchenhafte und Surreale der Handlung unterstreichen. Da sind die Schneeflocken in langen weißen Gewändern mit Schleiern und kalt leuchtenden Eiswürfeln, die Blumen mit Blütenkränzen im Haar in marionettenhaften Bewegungen, die Krähen im schwarzen Federkleid mit engelsgleichen Flügeln. Fabian Posca hat sie choreografisch geführt und hohen Anteil am szenischen Geschehen, das Immo Karaman als Regisseur arrangiert hat. Alles geschieht in einem Innenraum, den Arne Walther erdachte und der sich in der Tiefe vervielfältigt. Mit seinen dunkelgrauen Holzwänden atmet er Düsternis, ist ärmlich möbliert mit Kleiderschrank, Bett und Tisch. Der Raum kann auch bedrohlich kippen oder sich in einzelne Elemente zerteilen. Nach hinten verjüngt er sich bis in die Unendlichkeit. Am Ende sind Gerda und Kay wieder zurück bei der Großmutter – um sie herum die Schneeflocken, Blumen, Krähen und Kinder. Den Schlussjubel des Premierenpublikums am 7. Dezember 2025 für das gesamte Ensemble durfte auch der anwesende Komponist entgegennehmen.
Bernd Hoppe, 12. Dezember 2025
The Snow Queen
Hans Abrahamsen
Semperoper Dresden
Premiere am 7. Dezember 2025
Inszenierung: Immo Karaman
Musikalische Leitung: Titus Engel
Sächsische Staatskapelle Dresden