Das packende „Dramma tragico“ in drei Akten mit dem Libretto von Salvadore Cammarano nach dem Roman „The Bride of Lammermoor“ von Walter Scott, das Belcanto-Meisterwerk von Gaetano Donizetti, war überaus mitreißend und höchst eindrucksvoll im Erler Festspielhaus zu erleben.
In der Inszenierung von Louisa Proske wurde die Hauptfigur Lucia, sozusagen in einer Rahmenhandlung, als Patientin in einer psychiatrischen Klinik dargestellt. Das fremdbestimmte Festhalten ihrer Person, die Verletzungen und Qualen dieses unfreiwilligen, psychischen Terrors wurden sehr drastisch sowie hochemotional wiedergegeben. Durch die extremen, äußeren Umstände wird Lucia dazu gezwungen in eine Traumwelt zu flüchten, in der sie ihr Wunschleben zu verwirklichen versucht.
Das ermordete Mädchen, worüber Lucia in ihrer ersten Arie erzählt, geistert in dieser Inszenierung den ganzen Abend durch das Stück. Lucia, die zum „Spielball“ zwischen zwei verfehdeten Familienclans gemacht wird, zur Mörderin mutiert und letztendlich im Wahnsinn mit Todesfolge endet, repräsentiert eine starke Persönlichkeit, die schonungslos ausgenützt und letztendlich vernichtet wird.

Louisa Proske reflektiert aber auch den Historismus dieser „Lucia di Lammermoor“, um auch die historischen Hintergründe dieses ergreifenden Seelendramas offen darzulegen. Zwei Parallelwelten, die massiv aufeinanderprallen. Maßgeblich unterstützt von der Bühne von Darko Petrovic, den Kostümen von Kaye Voyce und dem Licht von Jiyoun Chang. Die eindrucksvolle Kampfchoreografie lag in den Händen von Ran Arthur Braun.
Diese Inszenierung trägt sogar autobiographische Züge, da Donizetti selbst, am Ende seines Lebens, unfreiwillig in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde und sich nicht mehr befreien konnte. Ein wahrlich grauenvolles Schicksal!
Musikalisch war diese „Lucia di Lammermoor“ in Erl ein Ereignis! Das exzellente Orchester der Tiroler Festspiele Erl unter der souveränen, musikalischen Leitung von Sesto Quatrini, entfachte ein hochkarätiges, belcanteskes Feuerwerk, geprägt von enormer Feinfühligkeit, Differenziertheit, Klangtransparenz gepaart mit hochmusikalischem Impetus, um das Donizetti‘sche Ouevre grandios zu repräsentieren!
Ein fantastisches Sängerensemble komplettierte den sensationellen Eindruck dieser überwältigenden Erler „Lucia di Lammermoor“! Allen voran die phänomenale Sara Blanch in der Rolle der Miss Lucia. Ihre brillant gesungenen Arien, Belcanto in Vollendung, perfekt gesetzte Spitzentöne, perlende Koloraturketten, virtuose Kantilenen, stets geprägt von überragender Ausdruckskraft, beherrschten die exzeptionelle Dramatik dieser Aufführung. Die sensationelle Wahnsinnsarie der Lucia riß das Publikum, wohlverdient, zu minutenlangen Beifallsstürmen hin.
Auch schauspielerisch durchlebte Sara Blanch fesselnd und mitreißend die Seelenqualen dieser außergewöhnlichen Lucia.

In der Rolle des Lord Enrico Ashton beeindruckte Lodovico Filippo Ravizza mit pastoser, mächtiger Stimme und „furchterregender“ Präsenz. Aufhorchen ließ mit markanter, durchschlagskräftiger Stimme und bühnenbeherrschender Persönlichkeit der junge australisch-chinesische Tenor Kang Wang in der Rolle des Sir Edgardo Di Ravenswood. Profund und verläßlich Francesco Domenico Doto als Lord Arturo Doto. Hervorragend die überaus präsente Bassstimme von Adolfo Corrado in der Rolle des Raimondo Bidebent. Er ließ sich zwar vor der Aufführung erkältungsbedingt ansagen, was aber den positiven Eindruck seiner außergewöhnlichen Stimme nicht im Geringsten schmälerte. Sehr gut ergänzend Verena Kronbichler (Alisa), Aleksandre Khukhushvili (Normanno), Sonja Golubkowa (Ravenswood Girl), Aliaksandr Chumakou, Anna Zangerle (Statisten).
Großartig, homogen und spielfreudig der Chor der Tiroler Festspiele Erl (Chorleitung: Olga Yanum). Eine sensationelle „Lucia di Lammermoor“ bei den Tiroler Festspielen Erl, die im ausverkauften Erler Festspielhaus, zu Recht, stürmisch bejubelt wurde!
Marisa Altmann-Althause 17. Januar 2026
Besonderer Dank an unsere Freunde und Kooperationspartner vom MERKER-online (Wien)
Lucia di Lammermoor
Gaetano Donizetti
Tiroler Festspielen Erl, Festspielhaus
2. Januar 2026
Inszenierung von Louisa Proske
Sestro Quatrini
Orchester der Tiroler Festspiele Erl