Hagen: „Platée“, Jean-Philippe Rameau

Wenn ein deutsches Theater eine Barockoper zeigen möchte, greift es zumeist auf eine Oper oder neuerdings auch auf ein Oratorium von Georg Friedrich Händel (1685-1759) zurück, und zwar zurecht, denn hier findet es menschliche Figuren, deren glaubhafte Emotionen farbenreich in lebendige, abwechslungsreiche Musik umgesetzt werden. Trotzdem muss man dem Theater Hagen dankbar sein, dass es das Publikum mit Platée von Händels Zeitgenossen Jean-Philippe Rameau (1683-1764) bekannt macht, und das in einer rundum gelungenen, mitreißenden Produktion. Anders als Händel, der auf historische oder literarische (einschließlich biblische) Stoffe zurückgriff, lässt Rameau in diesem Werk die am voraufklärerischem französischem Hofe beliebte barocke Götterwelt lebendig werden. Dies dann aber doch in aufklärerischer, satirischer Weise, denn Platée ist ein „Ballet bouffon“, ein närrisches Ballett, oder auch eine Comédie-lyrique. Die erfolgreiche Uraufführung fand 1745 in Versailles statt und verhalf dem Komponisten zum Titel des königlichen Hofkomponisten mit einem beachtlichen Einkommen. Unter Fachleuten ist Rameau als bedeutender Musiktheoretiker bekannt, da er die moderne Harmonielehre begründete.

© Leszek Januszewski

Mit dem Libretto von Adrien-Joseph Le Valois d’Orville nimmt Rameau sich die höfische Gesellschaft vor, die das Stück entweder nicht verstanden hat oder in der Lage war, über sich selbst zu lachen. Oder sie hat, wie viele Opernbesucher heute, einfach die Musik genossen und sich keine Gedanken über den Inhalt gemacht. Denn einige mythische Figuren von der Theatermuse Thalia über den Spottgott Momus bis zum Liebesgott Amor planen, Göttern wie Menschen eine Lehre zu erteilen: „Lasst uns überall spotten, lasst uns Himmel und Erde unserem Gelächter unterwerfen“. Da trifft es sich gut, dass Juno gegenüber ihrem Gatten Jupiter voller Zorn und Eifersucht ist. Um sie von ihrer Eifersucht zu heilen, organisieren die Götter eine fingierte Hochzeit zwischen Jupiter und der Sumpfnymphe Platée. Diese gilt als hässlich und dumm, denn sie glaubt, attraktiv für alle Männer zu sein und fühlt sich erst recht am Ziel ihrer Träume, als sie erfährt, dass Jupiter höchstpersönlich es auf sie abgesehen hat. Nur La Folie (der Wahnsinn) warnt Platée vor der Liaison. Doch die fingierte Hochzeit soll stattfinden. Juno sieht der ausgiebigen Feier aus einem Versteck zu. Als sie am Ende Platée wutentbrannt in letzter Sekunde den Schleier herunterreißt und die hässliche Nymphe zum Vorschein kommt, erkennt Juno, dass es eine Maskerade ihr zur Lehre war. Für Platée ist es auch eine Lehre, und sie versinkt gedemütigt und voller Zorn im Sumpf. Diese knappe Geschichte wird von Librettist und Komponist mit viel Irrwitz und Tempo, Balletten und Effekten erzählt, was der Oper zum Erfolg verhalf, obwohl der König in Gestalt Jupiters ebenso kritisiert wird wie der Umgang des Adels insgesamt mit dem niederen Volk in Gestalt der Sumpfnymphe. Man kann hier den Vorläufer einer Operette von Jaques Offenbach erkennen.

© Leszek Januszewski

Will man heute Platée erfolgreich auf die Bühne bringen, muss man berücksichtigen, dass es nicht mehr genügend Bildungsbürgertum gibt, das sich mit antiken Göttern und Mythen auskennt, um alle Plätze im Saal besetzen zu können. Zudem sind zum Glück die Zeiten vorbei, in denen Menschen öffentlich dazu missbraucht werden, um auf ihre Kosten andere zu belustigen. Die von genauer Personencharakterisierung, rasantem Bühnengeschehen und viel Witz geprägte Inszenierung von Anja Kühnhold versetzt die Handlung in die Gegenwart, konkret in ein Grand Hotel, einem typischem Ort, an dem heutzutage Menschen verschiedenster Typen und Klassen aufeinandertreffen.  Dort feiern Juno und Jupiter zu Beginn ihr Hochzeitsjubiläum. Dabei erweist sich Jupiter als untreuer Lebemann; Junos Eifersucht ist also berechtigt, oder, wie später gesungen wird: „Die Götter der Liebe und der Ehe treten selten gemeinsam auf.“ Die Götter und mythischen Figuren sind in diesem Prolog besonders gewitzte Partygäste – man kennt diese dominanten Stimmungskanonen, die desto schräger werden, je mehr Alkohol sie intus haben. Für ihren Plan, Juno vorzuführen, haben sie sich das Zimmermädchen Platée ausgeguckt. Sie ist ein etwas tollpatschiger, gefühlvoller Mitmensch voller natürlicher Lebensfreude von etwas robustem Äußerem, weshalb sie einem Tenor zugeteilt wird. Diese Partie singt und spielt als unter den Sängern einziger echter Gast des Abends Theodore Browne absolut rollendeckend mit sauberer, beweglicher Stimme ohne Effekthascherei (außer wo es gefordert wird). Dank seiner überzeugenden Leistung avanciert Platée schnell zum Sympathieträger für das Publikum. Ihm zur Seite stehen zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer, die Platées Stimmungen und Gefühle zum Ausdruck bringen. Weil Musik im französischem Barock noch nicht Individuen so charakterisieren kann wie die von Mozart oder erst recht in der Romantik, überzeugt dieses Mittel hier vollständig. Auch Merkur, Thalia und La Folie haben ein Gefolge, das aber lediglich dekorativ ist. Cithéron, König der Berge und einer der Verschwörer, wird in dieser Inszenierung zum Portier des Hotels, über den einige Intrigen laufen, und Amor zur oftmals verzweifelten Hauswirtschaftsleiterin. Er wird von Kenneth Mattice mit gewohnt dünnem Bariton gesungen, sie von Nike Tiecke mit hellem und zartem Sopran. Anton Kuzenok überzeugt mit seinem ausdrucksvollem, lyrischen Tenor und großer Spielfreude als (Götter-)Bote Merkur in legerer Kleidung.

© Leszek Januszewski

Einen recht späten Einsatz hat Dong-Won Seo in der Rolle des Anzug tragenden Jupiter, die er mit ebenso mächtigem wie kantablem Bass ausfüllt. Leider noch später erst darf die noch junge Hyejun Melania Kwon ihren Zorn als eifersüchtige und alsbald verzeihende und elegant gekleidete Juno äußern, denn ihr runder, beweglicher und leuchtender Mezzo klingt sehr vielversprechend. Hagen-Goar Bornmann, vor einem Jahr noch als Popolino in Ritter Blaubart mit einer tragenden Rolle in Hagen zu erleben, muss sich diesmal, wieder ganz in schwarz, mit der kleineren Rolle des Momus begnügen. Dafür kann Angela Davis wieder alle Register ihres Könnens zeigen, indem sie Thalia sowie La Folie verkörpert und dafür ihre flexible Sopranstimme genauso überzeugend einsetzt wie ihre dominierende Bühnenpräsenz. Dabei darf sie schicke, teils barock anmutende Kostüme und Perücken zur Schau stellen. Der Chor des Theaters Hagen macht seine Sache bestens, ebenso die Tänzerinnen und Tänzer des hauseigenen Balletts, abwechslungsreich und fantasievoll einstudiert vom Gastchoreografen Giovanni de Domenico. Es ist nicht nur Zierde, sondern unterstützender Bestandteil der Handlung. Der Chor ist in die Gesamtchoreografie eingebunden, ist also auch darstellerisch gefordert. Sowohl dasBallett als auch einige Solisten dürfen öfters die Kostüme wechseln, wobei man die Kostüme von Julia Katharina Berndt durchweg als angemessen bezeichnen kann. Von ihr ist auch das Bühnenbild, das aus einigen hohen, beweglichen Elementen auf der Drehbühne besteht, die zu den verschiedenen Räumlichkeiten angeordnet werden können, gelegentlich mit Treppen für große Auftritte oder Vorhängen als Rückzugsmöglichkeiten. Das ist nicht spektakulär, aber zweckdienlich. Hier Foto: Angela Davis… Für das Premierenpublikum war ein Höhepunkt das komödiantisch inszenierte Erscheinen Jupiters vor Platée zunächst in anderen Körpern, wozu zwei Tänzer herhalten müssen. Einen Schuss Tragik gibt es hingegen später, wenn die zwei Tänzer, die Platée begleiten, als düstere Schicksalsraben verkleidet sie umkreisen und somit eine Vorahnung auf ihre Enttäuschung liefern. Als Juno im letzten Moment, bevor die Ehe geschlossen wird, den Schleier hebt, um zu sehen, wen Jupiter sich ausgesucht hat, lacht sie – über sich selbst und über Platée. Diese lässt ihrem Zorn angesichts des Spottes, der über ihr ausgegossen wird, freien Lauf („Seid still. Oder ich werde euch alle mit dem Tod bestrafen.“), bevor sie sich wieder in ein Zimmermädchen verwandelt.

Die musikalische Verantwortung liegt in den erfahrenen Händen des Gastdirigenten Nicholas Kok. Routiniert leitet er das gut eingeübte Ensemble durch den Abend. Das Philharmonische Orchester Hagen ist mit allen Stilrichtungen vertraut und liefert unter seiner Leitung eine virtuose Leistung ab. Es meistert die brillante Partitur mit viel Schwung und sattem, trockenem barockem Klangbild, kann auch bei Bedarf silbrige empfindsame Töne anstimmen. Es sitzt im nicht ganz abgesenkten Graben, weshalb es und der Dirigent aus den vorderen Parketttüren an ihren Arbeitsplatz gelangen müssen. Wer kurzweiliges, pralles, lebendiges barockes Musiktheater erleben möchte, sollte sich diese Produktion nicht entgehen lassen; langanhaltender Schlussbeifall.

Bernhard Stoelzel, 25. Januar 2026


Platée
Jean-Philippe Rameau

Theater Hagen

Premiere: 24. Januar 2026

Inszenierung: Anja Kühnhold
Musikalische Leitung: Nicholas Kok
Philharmonische Orchester Hagen