Feuilleton: Zum 125. Todestag von „Giuseppe Verdi“

Korrektur eines Mythos. Erinnerung an das hervorragende, aktualisierte Verdi-Handbuch
von Anselm Gerhard und Uwe Schweikert

„Evviva Verdi“ „Es lebe Verdi“, lautete der historische Lobruf auf den Komponisten, und in verschlüsselter Form auch auf den König Vittorio Emanuele II. in der späten Zeit der italienischen Nationalstaatsbewegung (Risorgimento). Viva Verdi ergab aufgelöst „Viva Vittorio Emanuele Re d’Italia“ („Es lebe Viktor Emanuel, König von Italien“). Dieses Akrostichon entstand in den 1850ern im österreichisch besetzten Venedig.
Es gehört zum Mythos Verdi, dass der Komponist für die Italienischen Nationalisten und Patrioten als der „Barde“ des Risorgimento galt. Natürlich: Verdi nutzte musikalische Metaphern in Opern wie Nabucco, Ernani, Attila und La Battaglia di Legnano, um patriotische Gefühle gegen die Fremdherrschaft zu schüren, war ein bedeutender italienischer Komponist, dessen Opern im 19. Jahrhundert zur Hymne für die italienische Einigungsbewegung (Risorgimento) wurden. Sein Werk, insbesondere der Gefangenenchor aus Nabucco („Va, pensiero“), symbolisierte den Wunsch nach Befreiung von österreichischer Herrschaft, was ihn zur Galionsfigur des Kampfes machte.
Giuseppe Verdi war ein engagierter Patriot, gewiss. Aber sein politisches Engagement hielt sich in Grenzen „Ich liebe die Politik nicht, aber ich akzeptiere ihre Notwendigkeit…“, schrieb er 1889 in einem Brief an den Politiker Giuseppe Piroli. Eine solche Äußerung mag zunächst überraschen, gibt es doch wenige bedeutende Künstler des 19. Jahrhunderts, die sowohl in ihrem Privatleben als auch in ihrer Kunst über viele Jahre ein vergleichbar großes politisches Engagement aufgebracht hätten wie der aus Le Roncole in der Provinz Parma stammende Sohn eines Gastwirts und einer Spinnerin.
Er wurde auf Drängen von Graf Cavour 1861 bis 1865 auch Abgeordneter im ersten italienischen Parlament. Doch obwohl er als Symbol des Risorgimento galt, sah er sich politisch kaum aktiv und bezeichnete sich selbst scherzhaft als nicht existent im Parlament. 1874 wurde er zudem zum Senator ernannt, aber nahm seine parlamentarischen Pflichten kaum wahr. Verdi zog sich nach kurzer Zeit aus der aktiven Politik zurück, um sich wieder ganz der Komposition zu widmen.
Auch wenn weite Teile der Verklärung, die Verdis Rolle und Musik in den politisch-kulturellen Entwicklung Italiens während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betreffen, der nachträglichen Mythenbildung zuzuschreiben sind, so ist seine politische Biografie untrennbar mit jener Bewegung verbunden, die nach einer neuen nationalstaatlichen Einheit des in kleine Fürstentümer zerschlagenen Landes strebte und die schlussendlich in der Gründung des italienischen Königreiches 1861 mündete.
Es existieren beispielsweise keineswegs Belege dafür, dass der „Gefangenenchor“ seiner 1842 in Mailand uraufgeführten Erfolgsoper Nabucco tatsächlich als Hymne des Risorgimento entstanden ist. Auf das Publikum dürften dennoch eben jene Musikstücke eine besondere Wirkung gehabt haben und auf besondere Art und Weise im damaligen politischen Kontext interpretiert worden sein.
Seine politischen Sichtweisen wurden entscheidend von dem Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini, den Verdi 1847 in Mailand traf, beeinflusst. Zur gleichen Zeit verschärfte sich die politische Lage in seinem Heimatland. Während der 5-Tage-Revolution in Mailand, einem der Hauptzentren der Märzrevolution 1848, hielt sich Verdi in Frankreich auf und schrieb an seinen Librettisten Francesco Piave:
„Du kannst Dir vorstellen, dass es mich nicht in Paris gehalten hätte, nachdem ich von einer Revolution in Mailand gehört habe. Ich bin von dort abgereist, sobald ich die Nachricht vernommen habe; ich habe lediglich die großartigen Barrikaden zu Gesicht bekommen. Ehre den Tapferen! Ehre ganz Italien, das in diesem Augenblick wahrhaft groß ist! Die Stunde seiner Befreiung hat geschlagen, dessen kannst Du gewiss sein. Das Volk will sie; und wenn das Volk will, dann gibt es keine Macht der Erde, die ihm widerstehen könnte. Sie können anstellen, sie können sich bemühen, soviel sie wollen – diejenigen, die mit aller Gewalt unersetzlich sein möchten – es wird ihnen dennoch nicht gelingen, das Volk seiner Rechte zu berauben. Si, si, nur noch ein paar Jahre, ja vielleicht Monate, und Italien wird frei, eins, republikanisch sein. Was sollte es auch sonst sein?“
Demselben Brief entstammt im Übrigen auch das bekannte Zitat: „Es gibt, es darf nur eine Musik geben, die den Ohren der Italiener von 1848 gefällt: Die Musik der Kanonen!“
Nach dem Scheitern der Revolution verschieben sich die thematischen Akzente seiner Musiktheaterwerke. Anfang der 1850er Jahre entstanden mit La traviata, Il trovatore und Rigoletto seine später als „triologia popolare“ berühmt gewordene Werkreihe, die fast ausnahmslos private Konflikte schildert und politische Probleme nur am Rande berührt. Vielmehr leben diese Opern von den Individualschicksalen der Figuren, die sich in gesellschaftlichen Außenseiterrollen befinden. Eine deutliche Weiterentwicklung lässt sich dabei in der psychologischen Komplexität und Vielschichtigkeit erkennen.
Erst mit Don Carlos, welche er von 1865 bis 1867 komponierte, kehrte Verdi gewissermaßen zu einer Form der politischen Oper zurück. Basierend auf dem gleichnamigen Drama Friedrich Schillers entwickelt Verdi hierin ein komplexes Handlungsgeflecht, in welchem Politik, Kirche und individuelle Interessen auf engste miteinander verwoben sind.
Kein Vorwurf gegen Verdi ist so alt wie der, seine Musik sei Leierkastenmusik. Richard Wagner, der allgemein als Antipode Verdis gilt, hat es noch vornehm ausgedrückt, als er schrieb: Das Orchester sei bei Verdi „nichts anderes als eine monströse Gitarre zum Akkompagnement der Arie“. Der dem Nationalsozialismus nahestehende Komponist Hans Pfitzner lässt Wagner in seiner antisemitischen Parodie „Die Meistersinger oder Das Judentum in der Musik“ im Jahre 1940 sogar persönlich auftreten und Verdi ins Gesicht sagen: „Elender Leierkasten“. Nachzulesen in der Einleitung des bearbeiteten und 2013 auf den neusten Stand der Verdiforschung gebrachten Verdi-Handbuchs von Anselm Gerhard und Uwe Schweikert. Darüber, dass dieses Etikett durchaus falsch ist, obgleich Verdi, wie aber auch Wagner oder Ponchielli den Leierkästen Europas ihre Popularität verdanken, wird man in diesem imposanten Verdi-Buch aufgeklärt. Wobei auch nicht verschwiegen wird, dass Verdi bei aller Aufgeschlossenheit und Neugier Wagners Musik bescheinigt: „Zukunftsmusiker sind der Gattung symphonischer Orchestermusik zuzurechnen; sie verwechseln diesen Stil mit jenem, den es für das Theater braucht, wo es, wenn die Direktion Geld machen will, nötig ist, sich dem ganzen Publikum verständlich zu machen, den Uhrmacher, den Kohlenhändler und den Verkäufer von Siegellack eingeschlossen.“
Anselm Gerhard und Uwe Schweikert haben in Form eines praktischen Nachschlagewerks – das durch keinerlei Fußnotenapparat den Lesefluss erschwert – eine umfassende und aktuelle Einführung in Leben, Zeit und Werk Verdis vorgelegt. In sich abgeschlossene Kapitel informieren über die zeit-, sozial- und theatergeschichtlichen Voraussetzungen, unter denen die Oper im 19. Jahrhundert zur populärsten Kunstform in Italien wurde. Der Leser erfährt alles Wichtige zur Entstehung eines Librettos und seiner Vertonung, über Vers, Arienform, Harmonik und Stimmtypologie der Verdi-Sänger. Verdis Wirken im italienischen 19. Jahrhundert, sein Werk zwischen Konvention und Innovation, aber auch seine Rezeption bei den Zeitgenossen bis hin zur modernen Verdi-Renaissance im Regietheater werden sehr ausführlich dargestellt und konkret erläutert. Es geht aber auch um den Mythos Verdi, den privaten wie den politischen, und um die Trivialisierung und Popularisierung Verdis bis hin in neuste Formen audiovisueller Kultur und Kommunikation.

Zum ersten Mal werden in diesem Verdi-Handbuch alle nicht für die Bühne bestimmten Kompositionen Verdis – Kammermusik, Kirchenmusik, Lieder und vieles mehr – vollständiger aufgelistet als in sämtlichen bisher publizierten Werklisten oder Katalogen. Im Zentrum dieses weit ausholenden wie zuverlässigen Handbuchs stehen natürlich die 26 Opern Verdis. Sie werden in ausführlichen Einzelartikeln behandelt. Von namhaften Autoren, die das von Klischees verstellte Bild des neben Mozart, Wagner und Puccini meistgespielten Opernkomponisten bis heute unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands ins rechte Licht rücken. Großen Raum nimmt aber auch die Darstellung der politischen, ökonomischen und kulturellen Situation Italiens im 19. Jahrhundert ein, um die Rahmenbedingungen der Opernproduktion Verdis verständlich zu machen.
Die große Stärke des 750 Seiten dicken Handbuchs liegt darin, dass durch die Beiträge von 25 Autoren ein vielschichtiges und facettenreiches Bild von Verdi und seiner Zeit entsteht. Eine detaillierte Zeittafel, ein umfangreiches Glossar italienischer Opernbegriffe – von Adagio bis Tutti – biographische Notizen zu den wichtigen Personen aus Verdis Umkreis, bibliographische Hinweise und ein Register machen den großen Nutzwert dieses imposanten Handbuchs aus. Es zieht die Summe heutigen Wissens über Verdi, fundiert und verständlich. Und ist der schlagende Beweis dafür, dass Wissenschaft nicht akademisch trocken vermittelt werden muss. Für alle, die sich mit Verdi ernsthaft befassen: Schüler, Studenten, Musiker und Operninteressierte, professionelle wie unprofessionelle, ein unbedingtes Muss und ein Lesevergnügen, dieses Buch!

Dieter David Scholz, 27. Januar 2026


Buchtipp:

Verdi-Handbuch
Herausgeber: Gerhard, Anselm / Schweikert, Uwe

Koproduktion Metzler/Bärenreiter Verlag
2. überarbeitete und erweiterte Aufl. 2013
757 S.