Sir András Schiff – Meister der Wiener Klassik auf dem Bösendorfer-Flügel nimmt Abschied von Freunden und Bewunderern der Musikwelt im Bahnhof Baden-Baden.
András Schiff wurde 1953 in eine jüdisch-bürgerliche Familie hineingeboren, in der sonntägliche Treffen mit Hausmusik zur Kultur gehörten. Er begann mit 5 Jahren, Klavier zu spielen. Mit 14 Jahren nahm er sein Studium an der Franz-Liszt- Musikakademie in Budapest auf. In Ungnade gefallen wurde er zur „Persona non grata“ und Opfer persönlicher antisemitischer Hetze. Auszeichnungen waren nahezu unzählig. Seine bescheidene Art und große Kunst ließen ihn nie zum Übermut und Besserwisser werden. So war er auch eins mit seinem Bösendorfer-Flügel. Dieser war ein Prachtstück, dunkel und zurückhaltend, nicht brillant undkühl. Er war eben ein Wiener und durfte mit ihm reisen und den wunderschönen warmen Klang mit in die Welt bringen.

„Musik kommt aus der Stille“ – so sein Motto, was die Zuhörer sanft erschauern ließ. 1999 kam ein von András Schiff gegründetes Orchester dazu: Andrea Barca, sein Name auf Italienisch. Seine Musiker sind Solisten und kommen zueinander, um ein Projekt zu musizieren. Sie sollen sich solistisch und kammermusikalisch darstellen und so diese Kunst vermitteln. Das Kammerorchester unterscheidet sich vom symphonischen Orchester nur durch die Anzahl der Musiker und ihren Instrumenten: Streicher, Bläser, zwei Trompeten und Pauke. Die beiden letzteren haben kein eigenes Thema, keine besonderen Finessen, man nennt sie einfach Lärminstrumente. Sie sind nicht explizit laut, aber ein notwendiges Füllsel.
Das Programm beginnt mit Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791), Klavierkonzert A-Dur KV 488, komponiert im März 1786. Der Kopfsatz, das Allegro, ist zarte, holzbläserbetonte Klangpoesie. Es geht zum langsamen Mittelsatz, der im seltenen fis-Moll steht. Ungebrochene Heiterkeit führt das Schluss-Rondo und zeigt beschwingte, doch gebändigte Daseinsfreude. So auch die Kadenz von Wolfgang Amadeus Mozart mit großem Einfallsreichtum. Sir András Schiff dirigierte vom Flügel aus und die bewegten Lippen singen und korrespondieren mit der Musik.
Es folgt Joseph Haydn (1732 – 1809) Sinfonie fis-Moll Abschiedssinfonie. Die zahlreichen Gemeinsamkeiten von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart lassen sich auch in der Abschiedssinfonie erkennen. Haydn war am Hof der Fürsten Esterhazy angestellt, der – wie üblich – schlecht bezahlte. Das Orchester wollte und musste eine bessere Entlohnung erhalten. Die Adeligen waren knausrig und so traten die Hofmusiker in den Streik. Haydn setzte sich für seine Musiker ein und komponierte die sogenannte Abschiedssinfonie in fis-Moll. Die vier Sätze enthalten im Wesentlichen nichts Neues: es ist der übliche Ablauf mit Allegro, Adagio, Menuett und Presto. Die Ecksätze stehen in fis-Moll. Sie sind besonders kurz, besonders das Finale mit seinen Unisonogängen. Ohne eine hörbare Entwicklung bricht der Satz plötzlich ab und ein klagendes Adagio setzt ein.
Basisausstattung des Orchesters waren Streicher, zwei Oboen und Hörner, diese konnten auch durch zwei Flöten ersetzt werden. Dazu die Lärminstrumente: je zwei Trompeten, Pauken und Flöten. Im IV. Satz- presto und adagio legte der zweite Hornist seine Noten zusammen, löschte die Kerzen am Pult und verließ die Bühne. Dann standen die anderen Musiker auf und verließen geordnet die Bühne. Fürst Esterhazy hatte verstanden und erhöhte das Salär. Hier kamen die Musiker wieder zurück um mit ihrem Dirigenten den Beifall entgegenzunehmen. Er war mehr als möglich, denn: Die Summe ist mehr als die Anzahl ihrer Teile. Dann die Pause, um sich danach noch einmal zu steigern. Geht das? Ja, der Ausflug in die Oper setzte die Krone auf. Mozart ist eben der Tausendsassa! Don Giovanni, komponiert 1787, ist die Oper schlechthin. Andante – Molto Allegro und schon war das Klavierkonzert zu hören. Sir András Schiff stand zwischen seinen Musikern und alles war eine einzigartige Symbiose. Er benötigte nur Arm und Hand – jeder Musiker verstand und setzte dem Maestro folgend die Partitur um. Er war ein Meister der Fermaten und der Generalpause und baute so höchste Spannung auf. Sie waren ein Trio: András Schiff, sein Bösendorfer-Flügel und Andrea Barca.
Klavierkonzert d-Moll KV 466: Allegro, Romance, Allegro assai, Kadenzen von Ludwig van Beethoven im I. Satz , von András Schiff im III. Satz. Gleich zu Beginn lugt in Thema und Leitmotiv „Don Giovanni“ um die Ecke. Er war sicher Vorläufer und Wegbereiter von Beethovens Konzerten. Im Kopfsatz das synkopisch verschobene Motiv, im II. Satz auf die Holzbläser verteilte Themen, hin zu F-Dur. Das Soloklavier mit einem eigenen Thema, welches ausschließlich dem Klavier vorbehalten bleibt. Die Romance verheißt Frieden und innere Ruhe. Ein auskomponiertes Ritardando führt zur melodischen Ruhe des Anfangs zurück. András Schiff gestaltet den Klavierteil und verbindet ihn mit dem Orchester. Es ist ein ständiges Nehmen und Geben zwischen Pianist und Orchester – alles wie ein Zauber.
Ein begeistertes Publikum, das schweigend (nicht einmal ein Huster!) die Größe der Musik und ihre Kraft gefühlt und genossen hat. Es bekam eine Zugabe: den 1. Satz aus Johann Sebastian Bachs Italienischem Konzert, BWV 971. Mit dem besten Komponisten der Welt griff András Schiff nach den Sternen und es ward errungen. Wie soll man solch einen Abend nennen? Auf einen Nenner gebracht: diese Musik macht schlicht glücklich und lässt und entlässt die Zuhörer in die kalte Welt. Sie bringt Licht in diese dunkle Zeit. Dafür danken wir András Schiff und seiner Andrea Barca. Es erfüllt mit Dank und Demut dass diese Künstler uns den Musik-Himmel ein Stück nähergebracht haben. Musik ist nicht vergänglich, sie ist ein Lebens-Elixier, was die Zeiten überdauern wird. Bravi!
Inga Dönges, 1. Febuar 2026
Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert A-Dur KV 488
Joseph Haydn: Sinfonie fis-Moll Hob.1:45 Abschiedssinfonie
Wolfgang Amadeus Mozart: Ouvertüre zu Don Giovanni
Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert d-Moll KV 466
Festspielhaus Baden-Baden
23. Januar 2026
András Schiff Klavier und Leitung
Capella Andrea Barca