Der Beginn des Konzerts der Dresdner Philharmonie am Sonnabend hätte eine echte Überraschung werden können, hätte man doch den Mut gehabt, den kompletten Zyklus Trois Femmes de légende der zu Unrecht in Vergessenheit geratenen, französischen Komponistin Mel Bonis (1858 – 1937) aufzuführen. So blieb mit dem Teil Ophélie op. 165, angelehnt an Shakespeares Hamlet, mit weniger als fünf Minuten Spieldauer nur eine unbefriedigende Kostprobe ihrer kompositorischen Meisterschaft.
Mel (Mélanie Hélène) Bonis wächst in bescheidenen, kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Es gibt ein Klavier, Mel erlernt autodidaktisch das Klavierspiel, aber sie bleibt ohne elterliche Unterstützung. César Franck wird auf ihre Begabung aufmerksam, sie wird Studentin am berühmten Pariser Conservatoire und erhält Unterricht in Komposition und Klavier. Zu ihren Kommilitonen zählen Claude Debussy und Ernest Chausson. Obwohl mit ersten Preisen für Komposition und Klavierbegleitung ausgezeichnet, zwingen die Eltern sie zum Abbruch der Ausbildung und drängen sie in eine Ehe mit einem 22 Jahre älteren, verwitweten Industriellen. Damit bricht auch ihre bis dahin erfolgversprechende Karriere ab. Zehn Jahre führt sie ein bürgerliches Leben in einer Umgebung, die sich nicht für die Musik interessiert.

Erst die Wiederbegegnung mit ihrer Jugendliebe ermutigt sie, wieder zu komponieren. Sie schreibt für das Klavier, für die Orgel, Lieder, Kammermusik, Messen und elf Orchesterstücke – ein fast 300 Kompositionen umfassendes Werk, das mit Preisen mehrfach ausgezeichnet, ihr die allgemeine Wertschätzung von Interpreten und Komponistenkollegen einbringt. „Ich hätte nie geglaubt, dass eine Frau fähig ist, so etwas zu schreiben. Sie kennt alle Tricks unseres Handwerks.“ Diese Äußerung von Camille Saint-Saëns bedeutet nicht nur Anerkennung, sie kennzeichnet nebenbei auch das Frauenbild der Zeit. So hilft Mel Bonis auf dem Höhepunkt ihres Schaffens niemand, ihre Werke einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Das Ende des Ersten Weltkriegs hinterlässt eine verstörende, für Mel Bonis fremde Welt. Sie zieht sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Viele ihrer letzten Kompositionen, nie im Druck erschienen, werden erst jetzt wiederentdeckt und erfahren endlich die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Mel Bonis orchestriert drei ihrer zwischen den Jahren 1898 und 1913 für das Klavier geschriebenen Charakterstücke, die legendären Frauengestalten der Geschichte, Literatur und Mythologie gewidmet sind. Alle drei Teile, der Trois Femmes de légende, Salomé, Ophélie und Le Songe de Cléopâtra, verbindet eine musikalische Grundstimmung, tiefgründig, lebendig und inspiriert.
Harfenklänge über abfallenden Streichern, ein Auf und Ab der Streicherbewegung, unterbrochen von Soli in der Oboe, schließlich die Rückführung auf die Stimmung des Anfangs porträtieren die Schönheit und Anmut der Ophelia. Ophélie als Teil des Zyklus ist eine kurze, graziöse Musik von klanglicher Raffinesse und zauberhafter Wirkung. Mit ihrer eigenen, originellen Musiksprache markiert Mel Bonis den Übergang der spätromantischen Phase eines César Franck zum Impressionismus von Claude Debussy und Maurice Ravel.
Maurice Ravel (1875 – 1937) studiert ab 1899 am Pariser Conservatoire Klavier, Kontrapunkt und bei Gabriel Fauré Komposition. Zunächst stark beeinflusst von Debussy und Borodin, entwickelt er früh eine typische Klang– und Formensprache. In seinen Werken spielt er souverän und oft auch etwas kokett mit den zeitgenössischen Stimmungen und Ausdrucksmitteln. In seinen Kompositionen erlebt man einen an die Grenze gehenden Klangrausch ebenso wie intime, zärtliche Sinnlichkeit, eine unendliche Farbpalette, polyphone Strukturen, großartige dynamische Effekte und rhythmische, dem Jazz verwandte Elemente. Vor allem seine Instrumentalwerke gehören bis heute zu den meistgespielten in aller Welt.
In den Jahren 1929 bis 1931 verwirklicht Ravel ein für ihn interessantes Experiment, er komponiert gleichzeitig zwei in Struktur und Charakter völlig verschiedene Konzerte, das Klavierkonzert „für die linke Hand“ D – Dur und das Klavierkonzert G – Dur. Letzteres bezeichnet er selbst als „Konzert im strengsten Sinne des Wortes und im Geiste der Konzerte von Mozart und Saint-Saëns geschrieben“ und sagt weiter: „Ich bin wirklich der Meinung, dass die Musik eines Konzerts heiter und brillant sein kann; sie braucht keinen Anspruch auf Tiefgründigkeit zu erheben oder nach dramatischen Effekten zu trachten“. Und so kommt es daher: leicht, galant, unterhaltsam im besten Sinne, für Solo und Orchester jedoch Schwerstarbeit. Es wird Ravels letztes Instrumentalwerk. Die Uraufführung des Konzerts findet am 14. Januar 1932 in Paris mit dem Orchestre Lamoureux unter Leitung des Komponisten und mit der Solistin Marguerite Long statt. Die Widmung trägt ihren Namen. Das Stück wird zu einem Paradestück für jede Pianistin und Pianisten von Rang und erfreut sich auch heute großer Popularität.
Ein Peitschenknall eröffnet die unbeschwerte, leichte Stimmung des ersten Satzes Allegramente. Die Piccoloflöte stellt das erste Thema vor. Folkloristisch geprägte Themen werden im weiteren Verlauf mit an Ravels Nordamerika – Aufenthalt erinnernden jazzartigen Elementen kombiniert. Der zweite Satz Adagio assai entwickelt sich im Sinne des von ihm verehrten Mozart ein großes, ergreifendes Zwiegespräch des Klaviers mit solistischen Holzbläsern – wunderbar und anrührend die Korrespondenz mit dem Englischhorn. Ravel schreibt an Marguerite Long: „Diese fließende Melodie! Wie habe ich um sie Takt für Takt gerungen! Fast hätte es mich umgebracht!“. Ein dritter Satz Presto in Rondo-Form, energisch, virtuos und jazzig beschließt das Konzert mit einem strahlenden Fanfarenstoß.
In der venezolanischen Pianistin Gabriela Montero hat man eine ideale Interpretin gefunden. Für sie gibt es scheinbar keine technischen Probleme, ihr gelingt mühelos die Mischung von klassischen Elementen, von Jazz und baskischer Folklore. Die plötzlichen und unerwarteten Stimmungswechsel der Musik sind für sie kein Problem. Der begeisterte Applaus der Zuhörer forderte eine Zugabe: eine Improvisation über das aus dem Publikum vorgeschlagene Bolero – Thema.

Man nannte ihn schon früh den Klassiker der Moderne, Witold Lutosławski (1913 – 1994). Als Fünfjähriger beginnt er zu improvisieren, erhält Unterricht in Klavier und Violine, schreibt im Alter von neun Jahren seine erste Komposition und studiert von 1932 bis 1937 am Warschauer Konservatorium. Parallel dazu besucht er Mathematikvorlesungen. Die Sinfonischen Variationen von 1938 lässt er als erstes gültiges Werk gelten. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wird Lutosławski als Leiter des Militärfunks gefangengenommen. Er kann fliehen und überlebt im Untergrund als Musiklehrer und Barpianist. Trotz der lebensbedrohlichen Umstände komponiert er 1941 die Variationen über ein Thema von Paganini, für zwei Klaviere, die er später auch für Klavier und Orchester arrangiert. Nach der Zerschlagung des Faschismus fordern die von den Sowjets in den osteuropäischen Staaten eingesetzten Regierungen von den Künstlern den Sozialistischen Realismus in ihren Werken. Die 1948 uraufgeführte Erste Sinfonie von Lutosławski wird als formalistisch verunglimpft. Da er einen Auftrag des kommunistischen Regimes ablehnt, wird er eine persona non grata. Wieder muss er sich mit Unterhaltungsmusik, mit Arbeiten für Hörspiel und Bühne durchschlagen. Im Jahr 1950 bekommt er vom Dirigenten Witold Rowicki das Angebot, für dessen neu gegründete Warschauer Philharmonie ein Orchesterwerk zu schreiben. Es entsteht das Konzert für Orchester. Die Komposition wird am 26. November 1954 uraufgeführt. Schon bei diesem Anlass begeistert gefeiert, erreicht die Musik in ihrer neoklassizistischen Form und Kompositionsweise eine große Popularität. Wie schon Bartók bezieht sich auch Lutosławski auf leicht fassliche Elemente der Volksmusik seines Landes. Dabei verwendet er auch Strukturen und Satzbezeichnungen des barocken Concerto grosso. Der erste Satz Intrada, mit wuchtigen Paukenschlägen beginnend, ist in mehrere kontrastierende, sich steigernde, teils aggressive Abschnitte gegliedert. Sie alle sind auf Intonationen der polnischen Folklore gebaut. Der zweite Satz Capriccio notturno e Arioso ist eine Art Scherzo, eine verhuschte Nachtmusik der flüsternden Streicher, ein von Trompeten getragenes Arioso und ein Ende im Pianissimo der Streicher. In der Schwerelosigkeit vom Capriccio ist der französisch – impressionistische Einfluss deutlich erkennbar. Das Finale Passacaglia, Toccata e Chorale ist zweigeteilt. Pizzicati der Kontrabässe und Harfe stellen das Thema der Passacaglia vor. Eine groß angelegte Steigerung leitet unmittelbar in die Toccata, in die der Choral, erst von Oboen und Klarinetten, dann von den Blechbläsern vorgetragen, eingefügt ist. Der Wiedereintritt der Toccata führt das Werk zu einem temperamentvollen Ende. Das Konzert ist ein in der Gestaltung sehr konzentriertes und für die jeden Ausführenden höchst anspruchsvolles Werk, ein Meilenstein der sinfonischen Musik des 20. Jahrhunderts.
Mit dem Tod Stalins und dem nachfolgenden kulturellen Tauwetter verbessert sich die allgemeine Situation. Lutosławski unterstützt die Gründung des internationalen Musikfestivals Warschauer Herbst. Bis dahin sehr an Bartók und Strawinski orientiert, wendet er sich jetzt auch der Zwölftontechnik und einer kontrollierten Aleatorik zu. Mitte der achtziger Jahre verfeinert sich sein Kompositionsstil noch einmal in Richtung der von ihm bewunderten französischen Impressionisten. In diesem Spannungsfeld entsteht eine Musik, die modern und gleichzeitig allgemein verständlich ist.

Bereits 1906 äußert Maurice Ravel, er plane einen Walzer als Hommage auf Johann Strauß. Bis in das Jahr 1914 reift die Idee zu La Valse, einem Poème choréographique pour Orchestre, anknüpfend an die 1912 geschriebenen Valse nobles et sentimentales. Die endgültige Gestalt als Orchesterfassung und als Version für zwei Klaviere, erhält die Komposition in den Jahren 1919 / 1920. Es entsteht eine Walzerfolge, deren Grundthema immer wieder kunstvoll verändert und in immer neuer Gestalt erscheint, die in der zweiten Hälfte immer intensiver erscheint und dem Schluss entgegengetrieben wird. Der ständige Wechsel zwischen Orchestertutti und kammermusikalischen Abschnitten gibt dem Werk einen besonderen Reiz. La Valse, eine Apotheose des Wiener Walzers, endet im effektvollen Chaos „… eines fantastischen, tödlichen Wirbelns“ (Maurice Ravel), ob unter dem Eindruck des grauenhaften Endes des Ersten Weltkriegs oder des Todes seiner Mutter im Jahr 1917, sei dahingestellt. Der Uraufführung der Version für zwei Klaviere durch Alfredo Casella und Maurice Ravel im Oktober1920 folgt am 12. Dezember des Jahres die Erstaufführung als Orchesterstück durch das Orchestre Lamoureux unter Leitung des Komponisten. Bei allen großen Orchestern gehört La Valse heute zum festen Bestandteil des Repertoires.
Die Dresdner Philharmonie präsentiert sich vor allem in der zweiten Konzerthälfte sehr engagiert und in Höchstform. Grandiose Blechbläser und das hervorragende Englischhorn im Klavierkonzert möchte ich unbedingt hervorheben.
Der Dirigent Alexandre Bloch, ein bei namhaften Orchestern gern gesehener Gast, musikalischer Partner etablierter Solisten und ab der nächsten Saison musikalischer Chef von Chor und Orchester des Spanischen Rundfunks, wird mit dem Orchester nach dem atemlosen Finale begeistert gefeiert.
Bernd Runge, 2. Februar 2026
Mel Bonis: Ophélie op. 165
Maurice Ravel: Konzert für Klavier und Orchester G-Dur
Witold Lutosławski: Konzert für Orchester
Maurice Ravel: La Valse
Kulturpalast Dresden
31. Januar 2026
Gabriela Montero, Klavier
Dirigent: Alexandre Bloch
Dresdner Philharmonie