Berlin, Konzert: „Schönberg: Gurre-Lieder“, Orchester der Deutschen Oper unter Donald Runnicles

XXL in der Philharmonie

Großes vorgenommen für seine letzte Spielzeit an der Deutschen Oper, ehe er nach Dresden gehen wird, hat sich Generalmusikdirektor Sir Donald Runnicles, bereits einen neuen Tristan zur Premiere geführt, sich erneut um die Wiener Moderne mit Korngolds Violanta verdient gemacht, und er wird nach zwei Ring-Aufführungen seine Götterdämmerung in der Bismarckstraße feiern. Davor aber gab es noch eine ganz besondere Aufgabe zu bewältigen: die Aufführung von Arnold Schönbergs GurreLiedern in der Berliner Philharmonie mit dem Orchester der Deutschen Oper, deren Chor und zusätzlich dem Rundfunkchor Berlin. Ursprünglich war vor Corona sogar eine szenische Aufführung geplant, nun wird in der kommenden Spielzeit Brittens War Requiem szenisch aufgeführt werden, womit man einem Hauptanliegen Runnicles‘ folgt, des Briten Opern in Berlin heimisch werden zu lassen. 2007 war Runnicles Dirigent der Götz-Friedrich-Inszenierung des Ring, zwei Jahre später wurde er zum Generalmusikdirektor berufen und hat seitdem das Schicksal des Hauses mitbestimmt, politische Querelen durchgestanden und künstlerische Höhepunkte erlebt, ja gestaltet.

AJ Glueckert (Waldemar) / © Bettina Stöß

Wenn zu des Dirigenten Lieblingsopern ganz vorn Tristan gehört, dann ist er mit Schönbergs Gurre-Liedern gar nicht so weit von diesem entfernt, denn mit „lass uns die goldene Schale leeren“ und „ersterbend im seligen Kuss“, mit „O könnten in Frieden wir schlafen!“ stehenauchinden Gurre-Liedern desdänischen Schriftstellers Jens Peter Jacobsen Liebes- und Todessehnsucht im Mittelpunkt des Werks, dazu der Kampf zwischen zwei Weltsichten, der Gott verneinenden König Waldemars und der pantheistischen der Tove, die im C-Dur-Chor am Schluss den Sieg davon trägt.

Der Stoff entstammt dem dänischen Sagenschatz, strittig ist, welcher Herrscher mit dem Waldemar in der Dichtung gemeint ist, die Schönberg zunächst für die Schaffung eines Liederzyklus für zwei Stimmen mit Klavier einplante, auch eine Kantate, ja eine Oper spielte bei seinen Überlegungen eine Rolle. Mit „Gurre“ ist die Burg gemeint, auf der Tove, die Geliebte Waldemars, lebt, ehe sie von dessen eifersüchtiger Gattin Hedwig bzw. deren Liebhaber umgebracht wird, woraufhin der König Gott lästert und zur Strafe allnächtlich mit seinem wilden Heer die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Eine Taube kommentiert das Geschehen, ein Bauer das Wüten der wilden Schar. Am Schluss singt der Chor, zu dem nun auch die Frauenstimmen gehören, von der ewigen Wiederkehr der Sonne so allgewaltig, dass ein Inno al sole aus Mascagnis Iris dagegen verblasst.

Annika Schlicht (Taube) / © Bettina Stöß

Im Zeitraum zwischen den beiden den Gurre-Liedern gewidmeten Schaffensperioden hatte sich Schönberg bereits der Zwölftonmusik zugewandt, umso klangprächtiger spätromantisch fällt das Werk insgesamt aus, so dass man sich eine Weiterentwicklung in diese Richtung nicht mehr vorstellen kann, tatsächlich ein Schlusspunkt und die Notwendigkeit eines Neuanfangs erreicht scheinen. Fühlte das auch Schönberg und versagte er deshalb den Gurre-Liedern eine Opus-Nummer?

Für das Orchester der Deutschen Oper jedenfalls bietet das Stück eine willkommene Gelegenheit auch einmal nicht nur hör-, sondern auch sichtbar für sein Publikum seine Möglichkeiten zu entfalten, nicht nur als Sängerbegleiter, sondern besonders auch in den überleitenden Zwischenspielen, die unter anderem den Mord tonmalerisch wahrnehmbar machen. Kaum ausreichend ist das Podium der Philharmonie für die Orchestermassen und für den Chor der Deutschen Oper plus Rundfunkchor Berlin, die sogar einen ganzen eigentlich für das Publikum bestimmten Block einnehmen. Damit ist in erster Linie für Überwältigung gesorgt, wobei es Dirigent, Orchester und Chor aber nicht bewenden lassen. Besonders das Orchester glänzt auch durch feingliedrige Detailarbeit, einfühlsame Dynamik, feinsinnige Poesie und natürlich auch und immer wieder durch den puren Glanz, das unbestreitbare Pathos, den Hang zum Universellen.

Thomas Quasthoff / © Bettina Stöß

Das Werk braucht vier statt zweier Harfen, zwei Chöre statt eines einzigen, aber es steht nur ein einziger, verloren wirkender Tenor für die höchst anspruchsvolle Partie des Waldemar zur Verfügung. Gerade gab es in einer Götterdämmerungs-Kritik die berechtigte Klage über das Verschwinden des Heldentenors als Stimmtyp, der auch einem reifen Siegfried gewachsen sein muss. Otello-Sänger wie McCracken oder Jerusalem, der ein wackerer Tristan war, nahmen sich erfolgreich der Partie an, der Sänger an diesem Abend, AJ Glueckert, eingesprungen für David Butt Philip, stand als Waldemar auf ziemlich verlorenem vokalen Posten. Weder Textverständlichkeit noch ein Aufblühen der Stimme in der Höhe konnte er für die Vermittlung der Gefühle des Waldemar einsetzen. Da hatte es der zweite Tenor, Thomas Blondelle als Narr, zwar wegen weniger massiver Orchesterbegleitung etwas leichter, aber die Stimme schien auch fokussierter, freier schwingend zu sein als die seines Kollegen. Dass man dem Riesenorchester ein gleichwertiger Partner sein kann, bewies Annika Schlicht als Taube mit atemberaubend schönem, reichem, bedeutungsvoll klingendem Mezzosopran, dessen „Weit flog ich, Klage sucht ich, fand gar viel!“ tief berühren konnte. Felicia Moore, bereits als Lady Macbeth in der Deutschen Oper gefeiert, konnte sich mit strahlenden Höhen behaupten, mit einer weichen, runden Sopranstimme zumindest vernehmbar bleiben. Der Bariton von Ensemblemitglied Thomas Lehman, der den Bauern sang, vermittelte unangefochten seine lebensbejahende Botschaft. Aus dem Orchester heraus verkündete Thomas Quasthoff die das Mammutwerk beschließende Botschaft. Das Publikum, etwas irritiert über die Pause, die aber keine solche war, spendete am Schluss einhelligen jubelnden Beifall für ein Ausnahmewerk in einer Ausnahmeaufführung.

Ingrid Wanja, 10. Februar 2026


Arnold Schönberg: Gurre-Lieder

Einzige Aufführung am 10. Februar in der Berliner Philharmonie

Dirigent: Sir Donald Runnicles
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Chor der Deutschen Oper Berlin und Rundfunkchor Berlin