Warschau, Konzert: „Olivier Messiaen / Dmitri Schostakowitsch“, Ingo Metzmacher dirigiert die Nationalphilharmonie Warschau

In zwei Konzerten am 13. und 14. Februar kommen in der Warschauer Nationalphilharmonie unter der Leitung von Ingo Metzmacher zwei Werke zur Aufführung, die in aller Verschiedenheit eine einnehmende Symbiose bilden und Themen präsent machen, die in der heutigen Zeit oft in den Hintergrund geraten, obwohl sie dies nicht sollten. Als eine solche Symbiose ist auch das Zusammenwirken sämtlicher Beteiligter zu erleben, das dieses Konzert zu einer beeindruckenden Klangerfahrung voller Kontraste, besonderer Farben und tief berührender Momente erhebt.

© Bartek Barczyk / Warsaw Philharmonic

Mit der Uraufführung seines Werks „Trois petites liturgies de la Présence Divine“ im Jahr 1945 löste Olivier Messiaen einen wahren Sturm an Kritik aus. Diese bezog sich sowohl auf die Musik, ihre Form und Klangsprache, als auch auf die umfangreichen Ausführungen des Komponisten zu ihren geistlichen Inhalten, die von einigen Kritikern eher als performativ, denn tatsächlich in der Musik erfahrbar wahrgenommen wurden, und erreichte ein solches Ausmaß, dass in der Landschaft der französischen Musikkritik gar von „le cas Messiaen“ gesprochen wurde. Doch gab es auch gegenteilige Stimmen, die sich im Laufe der Zeit vermehrten; heute sind Messiaens Werke zurecht in zahlreichen Konzertprogrammen zu finden, so widmen zum Beispiel die Salzburger Festspiele ihnen im heurigen Sommer einen eigenen Schwerpunkt, der nicht nur geistliche und kammermusikalische Kompositionen, sondern auch die Oper „Saint François d’Assise“ umfassen wird.

Als erster Teil eines bewegenden Konzertes erklingt auch in der Filharmonia Narodowa in Warschau dieses in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliche Stück. Die „Trois petites liturgies“, die drei „kleinen Liturgien“, können als intimer Ausdruck eines tiefen Glaubens und seiner Erfahrung in der Welt betrachtet werden. In drei Sätzen entfaltet Messiaen, unter Bezugnahme auf Elemente der katholischen Liturgie, drei verschiedene Arten der Gegenwart Gottes und nähert sich diesen durch selbst verfasste Texte, die stark von biblischen und theologischen Schriften, aber auch liturgischen Texten, wie dem Glaubensbekenntnis, Litaneien oder Antiphonen, inspiriert sind.

Die Streicher und Perkussionisten des Sinfonieorchesters und die Damen des Chors der Nationalphilharmonie Warschau, beide in der von Messiaen selbst mit der Zeit vergrößerten Besetzung, interpretieren die „drei kleinen Liturgien“ unter dem Dirigat von Ingo Metzmacher auf sehr unprätentiöse, gewissermaßen natürliche und dadurch unmittelbare Weise, die den innerlichen Glaubensausdruck des Stücks nah- und erfahrbar werden lässt. Metzmacher setzt starke Kontraste zwischen den Sätzen und innerhalb der einzelnen Teile eines jeden Satzes, die von sich abwechselnden, charakterlich verschiedenen Abschnitten geprägt sind. In dieser Differenziertheit und Hervorhebung der unterschiedlichen Stimmungen gelingt es ihm jedoch, einen homogenen Gesamteindruck zu bewahren, der vor allem durch immer wiederkehrende Klangfarben entsteht, die für zahlreiche Ruhepunkte auch in den rhythmischeren, beinahe perkussiven Passagen sorgen. In unaufgeregter, doch äußerst präziser und feinfühliger Weise arbeitet Metzmacher Details heraus, ohne je die Grundstimmung dieses, im Sinne des liturgischen Gebets, meditativen Stücks zu verlieren. Immer wieder können sich so Momente des Innehaltens entfalten, die dem Hörerlebnis Struktur verleihen und zugleich ein Eintauchen in die in der Musik eingefangene Glaubenserfahrung ermöglichen. Dabei gelingt dem Streichorchester, dessen einzelne Stimmen häufig unisono oder bei unterschiedlichen Tönen im selben Rhythmus geführt sind, ein äußerst homogener Klang, in dem die einzelnen Instrumente in einem Größeren aufgehen. Ebenso ist stets eine rhythmische Präzision zu vernehmen, in der die fein differenzierte Artikulation und Nuancen in der Klangfarbe besonders präsent zum Vorschein kommen. Dies gilt gleichermaßen für den Damenchor, der sowohl mit großer sprachlicher und rhythmischer Pointiertheit als auch mit einer Vielfalt an Klangfarben überzeugt, die eine kraftvoll-eindringliche ebenso umfasst wie eine schwebende, die den geistlichen Charakter des Werks unterstreicht. Besonders in den A-Dur-Dreiklängen des ersten Satzes, der „Antienne de la Conversation intérieure“, die von der Gegenwart Gottes in uns handelt, ermöglicht jene durch das Mitschwingen der Obertöne ein sphärisches Erleben, das wahrlich in die Nähe der Gegenwart Gottes zu führen scheint. Auch im dritten Satz, der „Psalmodie de l’Ubiquité par amour“, die die Gegenwart Gottes in allen Dingen besingt – gleichsam ein großes Lob auf die Schöpfung, die von der Liebe, also Gott, erfüllt ist –, überzeugt der Damenchor mit einer großen Bandbreite an charakterlicher Gestaltung, die auch eine dem Sprechgesang ähnliche rhythmische Intensität und Spannung umfasst. Erneut sind es vor allem die atmosphärisch dichten Passagen, die in ihrer überweltlichen Klangqualität besonders berühren, darunter auch jene, die an „Lá, sui monti dell’est“ aus Puccinis „Turandot“ erinnern – womöglich bereits ein Zeichen der Inspiration Messiaens durch fernöstliche Melodien und Rhythmen. In den kurzen Soli zeigt Michalina Kraska-Szatkowska ein Timbre, das wahrlich „intérieur, infiniment tendre“ ist, wie Messiaen diese Stelle überschreibt.

Die wohl größte Besonderheit der „Trois petites liturgies“ ist die Verwendung der ondes Martenot, eines elektronischen Instruments, das im Klang dem Theremin ähnelt, aber über eine größere Vielfalt verfügt, und Eingang in zahlreiche Kompositionen Messiaens fand. Augustin Viard zeigt dabei ein zartes Gespür für die Möglichkeiten dieses Instruments und schafft es, stellenweise mit dem Klang der Streicher zu verschmelzen, dann jedoch auch für dynamische Ausbrüche zu sorgen, die an die biblische Erscheinung von Engeln und dem dabei wohl notwendigen „Fürchtet euch nicht!“ denken lassen. Im zweiten Satz, der „Séquence du Verbe, Cantique Divin“, einer jubelnden Sequenz, die Gottes Gegenwart in sich selbst und somit, in struktureller Anlehnung an das Glaubensbekenntnis, Christus zum Zentrum hat, sind die ondes Martenot besonders eindrücklich präsent, mit wiederkehrenden Crescendi, die bis ins vierfache Forte reichen.

© Bartek Barczyk / Warsaw Philharmonic

Im dritten Satz lässt Viard die beeindruckenden Möglichkeiten dieses Instruments hören, das mit flirrenden Klängen und großen Glissandi über mehrere Oktaven für ein einzigartiges Klangerlebnis sorgt und dem Gesamtklang von Orchester und Chor eine überweltliche Wirkung verleiht. Das als Soloinstrument besetzte Vibraphon verschwindet in jenem akustisch meist, was allerdings kaum dem Spieler zuzuschreiben ist, sondern mehr der Klangvorstellung des Komponisten. Äußerst virtuos, rhythmisch präzise und ausdrucksstark ist Adam Kośmieja am Klavier zu hören, der bereits zu Beginn des Stücks für eindrückliche Momente sorgt und später mit hoher Musikalität dem schwebenden Klang Fundament verleiht.

Die zweite Konzerthälfte ist mit der 13. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch einem musikalisch wie inhaltlich besonders bewegenden Stück des Komponisten gewidmet, bei dem nun statt eines Damenchors ein Männerchor zum Einsatz kommt, hier neben den Herren des Chors der Nationalphilharmonie Warschau bestehend aus dem Männerchor der Oper und Philharmonie Podlaska und dem Arthur Rubinstein Philharmonischen Männerchor. Der inoffizielle Titel der Symphonie ist ihrem ersten Satz entlehnt, der eine Vertonung des Gedichtes „Babi Jar“ von Jewgeni Jewtuschenko darstellt. Dieses Gedicht führte noch vor der Uraufführung zu großen Protesten und beinahe der Absage eben dieser sowie danach zu einer geforderten Änderung des Textes. Heute, und so auch in der Warschauer Nationalphilharmonie, ist erneut die ursprüngliche Fassung zu hören, die nicht nur die Ermordung tausender Juden durch Nationalsozialisten in Babij Jar im Jahr 1941 in mahnender Deutlichkeit erinnert, sondern auch einen vehementen Standpunkt gegen Antisemitismus zum Ausdruck bringt. Dieser erste Satz ist es auch, der zu einem der beklemmendsten Momente des Konzertes wird, denn Ingo Metzmacher bringt Chor und Orchester zu einer Klanggewalt, die, bei erneut sehr unmittelbarem Zugang, einen starken, mahnenden Charakter entfaltet. Besonders die Kraft des Männerchores berührt zutiefst und lässt die Worte durch die Musik noch stärker wirken. Mit stetiger Intensivierung gelangt dieser erste Satz zu einem (musikalisch betrachtet im positiven Sinne) erdrückenden Finale, zuvor überzeugen prägnant akzentuierte Rhythmen und Artikulationen im gesamten Orchester. Darunter ist nicht zuletzt die hohe dynamische Flexibilität der Streicher zu bemerken, die mit tatsächlichem Subito ins Piano große Kontraste setzen. Der Basssolist Alexei Botnarciuc steht in Intensität und bedrohlich-mahnendem Klang dem Chor in nichts nach. In den ersten Takten noch etwas zurückhaltend und rauchig, entfaltet sich seine Stimme danach mit hoher Durchschlagskraft und eindringlichem Ton, der sich im Laufe der weiteren Sätze noch steigert.

Obwohl es nach diesem ersten Satz beinahe schwerfällt, sogleich fortzusetzen, bleibt die Qualität der musikalischen Darbietung auch in den weiteren vier Sätzen, ebenfalls Vertonungen von Gedichten Jewtuschenkos, hoch. Der „Humor“ des zweiten Satzes ist durch eine tatsächlich ironisch, gar satirisch angehauchte Interpretation unmittelbar zu vernehmen, was vor allem Alexei Botnarciuc durch einen stilvollen Charakterwechsel gelingt. Doch auch das Orchester stimmt mit schwungvollen Rhythmen, die bei Schostakwotisch stets auch etwas Militärisches haben, wenngleich mit mehr oder weniger subtiler Ironie, in diesen grotesken Tanz ein. Das Geigensolo, gespielt von Krzysztof Bąkowski, ist zwar im Vergleich etwas zu tänzerisch und leicht, doch in der mehrstimmigen Melodieführung und Artikulation beeindruckend. Ein weiterer starker Kontrast gelingt dem gesamten Ensemble im dritten Satz „Im Laden“, der von den oft ungesehenen Mühen der Frauen in der Sowjetunion handelt. Mit äußerst eindringlichem Klang selbst im Piano wird das stetige, beschwerliche Schaffen hörbar und fließt über in den attacca gespielten vierten Satz „Ängste“, der mit einem Tubasolo einsetzt, hier mit vollem Ton und gezogenen Melodien dargeboten. Ebenso überzeugen wenig später die Trompeten mit fein artikulierten Fanfaren wie auch der samtige, durchgehend leicht unheimliche Klangteppich der Streicher. Ein träumerisches, luftig musiziertes – im Kontext dieser Symphonie utopisch wirkendes – Flötensolo, das gegen Ende des Satzes von Violine und Viola aufgegriffen wird, gleichermaßen virtuos und mit melancholischerem Ausdruck interpretiert, leitet in den Schlusssatz „Eine Karriere“ über, den Metzmacher sehr gelungen in nicht zu schnellem Tempo gestaltet, das die fein abgestimmte Kommunikation zwischen dem Chor und dem Solisten deutlich hervortreten lässt. Auch hierin beweist Botnarciuc ein hohes Gespür für die Gestaltung des Textes, die durch seine stets kräftige, aber im Ausdruck ebenso zu zahlreichen Facetten fähige Stimme unterstrichen wird.

© Bartek Barczyk / Warsaw Philharmonic

Mit einem beinahe trostvollen, doch leicht bittersüßen Ende verklingt Schostakowitschs 13. Symphonie und damit ein Konzert, das von höchstem Niveau aller Beteiligten zeugt und in zwar sehr unterschiedliche, doch gleichermaßen bewegende Welten entführt. Die Programmgestaltung rückte nicht nur das eher selten gespielte Werk Messiaens in den Vordergrund, sondern brachte es zugleich in einen Kontrast zu „Babi Jar“, der über sämtliche musikalische Kontraste noch hinausreicht. So wird Messiaens Ausdruck des Glaubens, diese Inkarnation der Liebe in der Musik, zu einer Sehnsucht und Hoffnung gegen alle irdischen Wirklichkeiten, die Schostakowitschs Symphonie zwar vordergründig an Aspekten des Lebens in der Sowjetunion verdeutlicht, doch besonders im titelgebenden Satz zu einer Mahnung führt, die heute kaum weniger dringlich ist als damals.

Elena Deinhammer 20. Februar 2026

Besonderer Dank an unsere Freunde und Kooperationspartner vom OPERNMAGAZIN


Konzert am 14. Februar 2026
in der Nationalphilharmonie Warschau

Trois petites liturgies de la Présence DivineOlivier Messiaen
13. Symphonie – Dmitri Schostakowitsch 

Dirigat: Ingo Metzmacher 
Nationalphilharmonie Warschau