Amsterdam: „Tristan und Isolde“, Richard Wagner

Meisterhafter Wagner!

Angesichts des unerwarteten und viel zu frühen Todes von Pierre Audi, dem ehemaligen langjährigen künstlerischen Direktor der Nationaloper & Ballett Amsterdam, brachte das Haus im Januar/Februar noch einmal seine wunderschöne und dramaturgisch stimmige Inszenierung von Richard Wagners opus summum, Tristan und Isolde aus dem Jahre 2016 heraus, die im Pariser Théâtre des Champs Élysées Premiere unter Daniele Gatti Premiere hatte, der damals seinen ersten Tristan dirigierte.

Audis Inszenierung besticht durch bisweilen mystisch wirkende Bilder im Bühnenbild von Christof Hetzer und dem Licht von Jean Kalman, wobei man dezidiert auf Licht- und Schattenwirkungen setzt. Diese verstärken die Intensität der Handlung signifikant. Hier wird noch überzeugt die Geschichte der sich unerfüllt liebenden Tristan und Isolde gezeigt, mit Anfassen, mit Intensität, mit einer zeitweise berührenden, da emotional konzipierten Personenregie, aber auch mit einer ausgefeilten Bewegungsregie in den dazu passenden Kostümen von Hetzer. Und die Stärke der Bilder ist, dass sie mit sehr wenigen Farben auskommen. Man arbeitet mit Licht-Schatten-Effekten, die bisweilen an das magische Operntheater von Robert Wilson erinnern.

© Monika Rittershaus

Die Figuren sind oft nur als Schatten zu erkennen, und das Ganze wirkt so viel mystischer und aussagestärker, passend zur jeweiligen Musik aus dem Graben. Das Vorspiel wird hier einmal nicht bebildert mit zum Teil recht entbehrlichen Aktivitäten wie am Tag zuvor noch in den Meistersingern in Stuttgart. Es werden lediglich ein paar dunkle geometrische Kulissen, Wände, langsam verschoben, wobei die Bewegungen aber in engem Zusammenhang mit der Musik des Vorspiels stehen und damit die Assoziationsoptionen für das Publikum sogar noch erhöhen – und zwar visuell und musikalisch. Das war sehr eindrucksvoll.

Im 2. Aufzug sehen wir sozusagen schon den kommenden Untergang durch in die Höhe ragende alte Holzspanten eines gestrandeten Schiffs, die wie die Rippen verendeter Ware an den Ufern der Antarktis aussehen – also Zeichen von Verfall und Morbidität. Im 3. Aufzug sind überall Gesteinsbrocken verstreut. Auf einem Holzpodest liegt eine Leiche, wie zur rituellen Verbrennung aufgebahrt. Das ganze Bild und damit die Geschichte sind schon in Auflösung begriffen. Die geometrische, Höfisches andeutende Ordnung, die zu Beginn des Abends zu sehen war, existiert nicht mehr.

Michael Weinius sang einen guten Tristan, wenn auch nicht mit allzu großem Charisma und etwas begrenzter Souveränität. Malin Byström ist zwar eine attraktive und auch stimmlich interessante Isolde, scheint diese große Partie aber etwas zu früh anzugehen. Bei ihrer vokalen Ausdruckskraft wirkt sie auch darstellerisch nahezu ideal als Isolde. Aber die Stimme hat noch nicht die erwünschte Breite, vielleicht auch noch nicht diese innere Ruhe, die jetzt Lise Davidsen in Barcelona ausstrahlte. Byström hat es nach ihren derzeitigen Verhältnissen in Amsterdam jedoch sehr gut gemacht.

© Monika Rittershaus

Liang Li ist ein ganz ausgezeichneter Bass als König Marke mit prägnanter und starker vokaler Kraft, aber auch enormer darstellerischer Potenz. Am Schluss spielte er in diesem theatralisch nicht immer gelingenden Kampf noch eine ganz große Rolle. Das kann man so selten sehen. Jordan Shanahan ist ein immer besser werdender Bariton im Wagner-Fach als Kurwenal. Seine Stimme wird reifer, und er hat ja auch den Klingsor schon ansprechend verkörpert. Den Kurwenal gestaltete er charaktervoll mit viel Empathie für Tristan. Irene Roberts glänzte mit einer tadellosen Interpretation der Brangäne. Leon Kosavic war ein guter Melot und Linard Vrielink sang den Hirten und jungen Seemann. Der Steuermann war Roger Smeets.

Der junge Tarmo Peltokoski dirigierte das Rotterdams Philharmonisch Orkest mit viel Verständnis für die Subtilität der großen Partitur des Bayreuther Meisters und führte die Sänger perfekt durch den langen Abend. Wunderbare Tempi, eher ein bisschen anpackend, und dazu die großartige Akustik des weiten Rundes dieses Hauses – das war streckenweise ganz exzellent, ein musikalischer Genuss! Der Koor van De Nationale Opera, einstudiert von Edward Ananian-Cooper trug zum guten Gesamteindruck bei.

© Monika Rittershaus

Am Ende gab es eine rührende Hommage an Piere Audi, der beim Schlussapplaus auf einem bühnengroßen Tableau lächelnd zu sehen war. Ein ganz berührender und auch erhebender Moment. Er war noch einer mit einer großen Theaterpranke, der lieber das Stück sprechen ließ als sich selbst, dabei aber stets zu sehr eindrucksvollen Lösungen kam. Pierre Audi ruhe in Frieden!

Klaus Billand, 27. Februar 2026


Tristan und Isolde
Richard Wagner

Nationaloper & Ballett Amsterdam

Besuchte Wiederaufnahme: 8. Februar 2026
Premiere: 18. Januar 2018 (Übernahme der Produktion des Théatre des Champs-Élysées, dortige Premiere: 12. Mai 2016)

Inszenierung: Pierre Audi
Musikalische Leitung: Tarmo Peltokoski
Rotterdams Philharmonisch Orkest