Hamburg: „Frauenliebe und -leben“, Robert Schumann / „Herzog Blaubarts Burg“, Béla Bartók / „Eine florentinische Tragödie“, Alexander von Zemlinsky

Ein großes Thema, drei Variationen. Unter dem Titel Frauenliebe und -sterben fasst Regisseur Tobias Kratzer drei Kompositionen zusammen, die sich um das Bild der Frau, Geschlechterkampf und Rollenverständnis in unterschiedlichen Epochen, drehen. Das ist auf den ersten Blick gut gedacht, lässt sich aber nur bedingt auf die gewählten Stücke übertragen.

Am Anfang des Abends steht der Liederzyklus Frauenliebe und -leben von Robert Schumann. Diese Lieder, in denen der Lebensweg einer Frau von der ersten Liebe bis zum Tod des Ehemanns geschildert wird, entsprechen den Normen des 19. Jahrhunderts, wo eine Frau auf das Bild einer treuen und hingebungsvollen Ehefrau reduziert wurde. ,

© Matthias Baus

Tobias Kratzer bebildert diesen Zyklus, auch wenn er ihn zum Ende hin umdeutet, mit klaren, der Epoche immanenten Bildern. Im großbürgerlichen Ambiente, das geringfügig variierte Einheitsbühnenbild und die Kostüme stammen von Rainer Sellmaier, und mit stilvollen, schönen Kostümen, erleben wir eine junge Frau, die in aufkeimender Liebe einen Mann herbeisehnt, ihn heiratet und Kinder zur Welt bringt. Leider nur Mädchen, wie man am enttäuschten Verhalten des Mannes ersehen kann. Am Ende stirbt sie nach einer Totgeburt. Das ist stringent durchinszeniert mit überzeugender Personenführung. Äußerst sensibel und feinfühlig am Flügel auf der Bühne von Éric Le Sage interpretiert, gestaltet Kate Lindsey eine berührende Frauenfigur mit vielen Nuancen in den einzelnen Liedern, deren Grundstimmung sie durch die Art ihrer Interpretation sehr genau, mit etwas unklarer Diktion, widerspiegelt. Allerdings klingt dieser intime Liederzyklus etwas substanzlos im großen Saal der Staatsoper.

Nathos schließt sich dann Bartoks so wunderbar verrätselter, symbolistischer Blaubart an. Wir sehen wieder den Mann aus dem ersten Teil, im Verlauf der Handlung von der Jahrhundertwende bis 1969. Er hat eine neue Frau mitgebracht, Judith. Sie findet im Flügel das Tagebucht der Protagonistin aus dem ersten Teil. Sie ist eine moderne Frau, selbstbewusst, neugierig. Nicht mehr in ein Rollenkorsett gefesselt. Mit wem sie es zu tun hat will sie wissen, und beginnt nachzuforschen. Immer tiefer blickt sie in seine Seele und in die Entwicklung der Geschlechterwahrnehmung vom Beginn des vorigen Jahrhunderts bis zum Zeitalter der Mondlandung. Was sie sieht, ist blanker Horror. Ihr bleibt nichts erspart, sei es, wie Blaubart eine seiner Frauen, als er, aus dem ersten Weltkrieg nach Hause kommend, diese küssend mit einem Dienstmädchen findend, erschießt oder eine andere beim Koitus mit seinem Gürtel erwürgt.

Was von Librettist Béla Balázs für diese Geschichte an symbolischen Bildern gefunden und von Bartók mit unverwechselbaren, sprechenden Klängen gestaltet wurde, wir hier leider nicht aufgenommen, sondern überreich mit Metaphern und, es muss leider gesagt sein, überflüssigem Beirat, ausstaffiert.  Die Musik und der Text dieser Oper schildern so explizit Situationen, Bilder und die Entwicklung der Charaktere, das Umdeutungen schnell ins Leere laufen.

Auch wenn der Regisseur hier langsam Judiths Entdecken von Blaubarts Vergangenheit darstellt, so geschieht es nie im Einklang mit dem Text, da dieser keine Entsprechung findet, sondern überwiegend ignoriert wird.

Auffallend ist auch, dass die Impulse, die von der so vielschichtigen und spannenden Musik, nicht aufgegriffen und genutzt werden. Die vielen Überzeichnungen banalisieren diese Oper und rauben ihr jegliches Geheimnis.

© Matthias Baus

Abgesehen davon gelingen Tobias Karatzer immer wieder in der Personenführung genau ausgeklügelte Momente mit großer Innenspannung. Judith ist hier nicht nur Opfer, sondern stellt sich diesem Mann zum Schluss mutig entgegen. Dass sie sich am Ende einer Vergewaltigung mit Hilfe von Pfefferspray entwindet, ist in dieser Lesart nur folgerichtig. 

Die musikalische Seite ist dafür umso bemerkenswerter. Annika Schlicht singt eine wunderbar profunde Judith. Ihr Mezzosopran ist in allen Registern klangvoll und ruhig in der Tongebung. Ihr stehen sowohl die Mittel für zarte Lyrismen als auch für die große stimmliche Attacke zur Verfügung. Das alles unterstütz durch ihre ungemein ausdrucksstarke Stimme und die gestochen scharfe Diktion. Eine phänomenale Leistung der seit dieser Saison an der Staatsoper fest engagierten Sängerin. Johan Reuter hat es da etwas schwerer, da ihm für die Rolle des Blaubarts die nötige Dämonie und Verschlagenheit in der warmen und gut fokussierten Stimme fehlen. Beide agieren mit großem körperlichem und mimischem Ausdruck, so das von Anfang an glaubhafte Figuren zu erleben sind.

Bei Zemlinskys Florentinischer Tragödie findet dann der Abend, abgesehen von einigen Video-Mätzchen, den Weg zu spannendem Musiktheater. Die Grundsituation: Wir sind im Heute angekommen, das Männerbild hat sich verändert. Der Tuchhändler Simone führt eine liberale Beziehung mit seiner Frau Bianca. Was er nicht mitbekommt, ist ihm egal. Er ist älter als sie, müde, nicht mehr in Lage, den körperlichen Bedürfnissen seiner jungen Frau gerecht zu werden. Das ändert sich, nachdem er von einer erfolglosen Geschäftsreise nach Hause kommt, und seine Frau in flagranti erwischt. Was zuerst noch als harmlose, etwas peinliche Situation beginnt, weckt in Simone langsam neue Energien. Vielleicht ist er doch nicht der schwache, impotente Typ, der nur seine Ruhe haben will. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn er beginnt, sich mehr und mehr bewusst zu werden, dass er die Rolle des gehörnten Ehemannes nicht mehr spielen will. Wenn er am Ende den Nebenbuhler so lange provoziert, bis dieser handgreiflich wird, ist der tödliche Ausgang vorprogrammiert. Nachdem Simone den Liebhaber seiner Frau erdrosselt hat, wenden sich beide mit ganz neuen Gefühlen einander zu. Ein Neuanfang? Ein neues Empfinden auf Augenhöhe? Eine Befreiung?

© Matthias Baus

Tobias Kratzer gelingt es, diese Geschichte so einfach wie glaubhaft zu erzählen, vom harmlosen Anfang bis zur Eskalation im Finale. Die Veränderung der Figuren gestaltet er mit viel Liebe zum Detail und einem genauen Blick auf die Entwicklung der Charaktere. Das ist sehr gelungene Personenführung, die den Zuschauer mitnimmt auf die Reise in die Katastrophe. Hier geht auch das Ideenkonstrukt, wie im ersten Teil des Abends, auf, ohne an Text und Musik anzuecken.

Johan Reuter singt einen mit vielen Schattierungen ausgestatteten Simone, hat aber öfter gegen die rauschhaften Klänge aus dem Orchestergraben zu kämpfen. Hier hat Zemlinsky manchmal etwas dick aufgetragen. Ambur Braid ist eine stimmlich und darstellerisch erotisch aufgeladene Bianca. Thomas Blondells Tenor ist in der Höhe etwas eng, gibt aber ansonsten einen stimmlich kräftigen, jugendlichen Liebhaber.

Einmalig das Klangerlebnis aus dem Orchestergraben. Karina Cannellakis gestaltet mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg einen berückenden, magisch in seiner Sogwirkung ausmusizierten Bartók. Mit ruhiger Zeichengebung und einem besonderen Gespür für die Einzigartigkeit dieser Komposition, ist sie den beiden Protagonisten eine aufmerksame, feinfühlige Begleiterin. Den Zemlinsky gestaltet sie mit großen Aufschwüngen und sehrendem, leidenschaftlichem Ausdruck. Ein in allen Belangen faszinierendes Dirigat.

Viele Bravos für die Sänger, die Dirigentin und das Orchester, deutlich verhaltener der Applaus für Tobias Kratzer und sein Team.

Axel Wuttke, 13. April 2026


Frauenliebe und -leben
Acht Lieder für Singstimme und Klavier op. 42 (1840) von Robert Schumann
Gedichtzyklus von Adelbert von Chamisso

Herzog Blaubarts Burg
Oper in einem Akt (1918) von Béla Bartók
Libretto von Béla Balázs

Eine florentinische Tragödie
Oper in einem Akt (1917) von Alexander Zemlinsky
Libretto von Alexander Zemlinsky nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung in der Übersetzung von Max Meyerfeld

Hamburgische Staatsoper

Premiere am 12. April 2026

Inszenierung: Tobias Kratzer
Musikalische Leitung: Karina Cannellakis

Philharmonischen Staatsorchester Hamburg

Weitere Vorstellungen: 15., 17., 22., 25. April, 15., 20. und 22. Mai 2026