Dessau: „Alma“, Claudio Santoro

Ein sadomasochistisches Opern-Melodram

Cláudio Franco de Sá Santoro (wie er mit ganzem Namen hieß) wurde am 23. November 1919 in Manaus geboren und starb ebendort am 27. März 1989. Ein Kritiker sagte über den 12-Jährigen voraus: „Claudio Santoro wird die leuchtendste Zierde Amazonas. Santoro studierte in Brasília und in Rio de Janeiro, danach in Paris bei Nadia Boulanger. Ab 1939 war er Kompositionslehrer an der Musikhochschule in Rio de Janeiro. 1944 trat Santoro der Kommunistischen Partei Brasiliens bei. Von 1951 bis 1953 war er Musikdirektor beim Rundfunk, von 1962 bis 1965 Professor an der Universität von Brasilia. Seit 1970 unterrichtete er Komposition und Dirigieren an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim. Er gilt als einer der wichtigsten Komponisten Brasiliens.

Er komponierte sechs Ballette, vierzehn Sinfonien und zahlreiche weitere Orchesterwerke, ein Violin- und ein Cellokonzert, zwei Klavierkonzerte, ein Konzert für Flöte, Oboe, Klarinette, Trompete, Posaune, Klavier und Streicher, kammermusikalische Werke, Sonaten, Sonatinen und Präludien für Klavier, ein Oratorium, eine Kantate und zahlreiche Schauspiel-, Film-, Funk- und Fernsehmusiken. Obwohl Claudio Santoro zu den produktivsten Komponisten Brasiliens gehört, hat er nur eine einzige Oper komponiert: Gegen Ende seines Lebens schrieb er das sozialkritische Stück Alma, das zugleich Zusammenfassung und Höhepunkt des Kompositionsstils des Brasilianers ist. 1998 kam es am Teatro Amazonas in Manaos erstmals auf die Bühne. In Europa wurde es nie gezeigt. Im Rahmen des Kurt Weill Fests 2026 kam das Werk nun im Anhaltischen Theater Dessau (das sich in dieser Spielzeit brasilianische Musik auf die Fahnen schreibt) zur europäischen Erstaufführung.

© Claudia Heysel

Die Oper erzählt die Geschichte von Alma, einer jungen Frau aus einer kleinbürgerlichen Familie in São Paulo. Sie gibt sich der Prostitution hin – aus unerklärlicher Liebe zu dem Gigolo Mauro, der sie als Zuhälter beherrscht und ausbeutet, demütigt und verprügelt. Ihr Doppelleben verheimlicht sie vor ihrem Großvater Lucas (Michael Tewes) wie auch vor João do Carmo (Costa Latsos), einem Schriftsteller, der Alma liebt. Als Alma ein Kind von Mauro erwartet, sucht sie Hilfe bei ihrem Großvater, der sie jedoch fortschickt, um über ihn und sein Haus keine Schande zu bringen. Der Schriftsteller nimmt die verzweifelte Alma auf und hofft, so ihr Herz zu gewinnen. Doch Almas Vergangenheit überschattet die Beziehung. Sie wird von Mauro zur Abtreibung gezwungen (der man realistisch beiwohnen muss). Dennoch gebiert sie einen Knaben (merkwürdig). Der stirbt alsbald, und der Schriftsteller, der sie wirklich liebt, redet mit ihr im Lotterbett ausgerechnet über Baudelaire, wo sie doch bloß rüden Sex will. Eine komische Szene. Sie gibt ihm daraufhin den Laufpass. Männer müssten Frauen hart rannehmen. Das brauchten die Frauen, so bekennt sie. Am Ende stirbt sie, eine verbrauchte Hure, in Reue und Selbstmitleid badend. Die Botschaft dieses Schinkens lautet: Die Frauen sind alles Huren und die Männer alles Zuhälter, Egoisten, Machos und Gewalttäter. Ist das so? Bürgerliche Klischees wie Treue, Eifersucht, Liebe und Machtausübung samt Gewalt (Mauros gegen Alma), Doppelmoral (Alma Großvater Lucas ist ein bürgerlicher Patriarch, geht aber regelmäßig und leidenschaftlich gern ins Bordell), Zynismus und gescheiterte Träume von Freiheit, sozialer Absturz, seelischer Zerfall und Tod liegen eng beieinander in diesem brasilianischen Stück.

© Claudia Heysel

Santoro berief sich auf den ersten Teil der Trilogie „Die Verdammten des Schriftstellers Oswald de Andrade. Dieser Roman ist nicht nur eine Gesellschaftskritik am São Paulo der 1920er Jahre, in dem die wachsende Wirtschaft die Klassenunterschiede verstärkte, er führte außerdem zu einer der bedeutendsten kulturellen Bewegungen in Brasilien, der Woche der modernen Kunst im Februar 1922. Gemeinsam mit anderen Künstlern wie z. B. Villa-Lobos, Tarsila do Amaral und Mario de Andrade suchte Oswald de Andrade einen Zugang Brasiliens zur Moderne und strebte danach, dem Land einen Platz unter den gebildeten Nationen zu verschaffen. „Der Roman ist eine scharfe Kritik an der heuchlerischen Moral der bürgerlichen Elite Sau Paulos“, aufgezeigt in der Oper an einem krassen Beispiel von Prostitution, Drogenkonsums und weiblichen Masochismus im untersten Gesellschaftlichen Milieu. Und was für Brasilien gilt, das gelte überall, so wollte der überzeugte (sozialistische) Gesellschaftskritiker Claudio Santoro sein Werk verstanden wissen, es sei aktuell bis heute, denn es gebe viele „Almas“ überall auf er Welt.

© Claudia Heysel

Die Sängerin, Gesangspädagogin und Regisseurin Christiane Iven zeigt diesen sentimentalen „Schinken“ auf einer Simultanbühne mit Bordell, Bar, Zirkus, Kabarett, Schlafzimmer und gestuftes Straßencafé mit Tischen samt Tischlampen, Sesseln Stühlen, Sofas sowie Palmen und Straßenlaternen, Kristalllüstern und Ventilatoren – ein warmtimbriertes, südamerikanisch anmutendes Bild (Bühne Rifail Ajdarpassic), in dem das große Ensemble in Kostümen der Zwanzigerjahre aufzutreten hat (Kostüme Arine Isabell Unfried). Der Choreograf Marcos Vinicius dos Anjos steuert überwiegend temperamentvolle südamerikanische Tänze bei, die das Ballett des Anhaltischen Theaters mit Verve und Gelenkigkeit originell realisiert. Allerdings werden alle Affekte, die Mischung aus Hoffnung und Angst, Demütigung und scheinbarer Nähe, recht dick aufgetragen und konventionell umgesetzt. Das Ganze ist eine grelle Parabel der Ausbeutung der Frau durch den Mann Zu den schlimmsten Gewaltausbrüchen Mauros (nobel als Darsteller und stimmlich überbesetzt als Sänger der grandiose Kay Stifermann) senkt sich eine Art halbtransparenter Glaskasten über das Hurenbett Almas.

© Claudia Heysel

Sie wird von der herausragenden bulgarischen Sopranistin Iordanka Derilova (seit 2003 Mitglied des Ensembles des Anhaltischen Theaters Dessau) gegeben, mit ungewohnter Schwarzhaarperücke und nicht sonderlich vorteilhaftem violettem Kostüm. Zweifellos eine großartige Sängerin wie Bühnenerscheinung, aber man darf wohl sagen, dass es keine Partie ist, mit der sie ihr überragendes singschauspielerisches Profil entfalten kann. Die Damen und Herren des großen internationalen Gesangsensembles (aus dem der verblüffend homoerotisch anmutende Latinolover Dagoberto des Brasilianers Marcelo de Souza Felix herausragte) sowie der Opernchor des Anhaltischen Theaters sind sehr engagiert und realisieren das musikalisch anspruchsvolle Werk bestmöglich. Vor allem das Anhaltische Orchester unter Leitung des Dirigenten Markus L. Frank (Chefdirigent der Anhaltischen Philharmonie ) leistet Großartiges. Es bringt zum ersten Mal die komplett neubearbeitete Fassung der Oper zum Klingen, eine in ihren besten Momenten schlagkräftige wie süffige Theatermusik von rhythmischem Reichtum, eine Mischung aus Spätromantik à la Puccini und Strauss, kombiniert mit Synthesizerklängen, serieller und elektronischer Musik, Jazzelementen (auf der Bühne eine kleine Band) und südamerikanischer Populärmusik: eine Zusammenfassung „aller musikalischer Stile, die mein Vater während seine Lebens erforscht hat“, wie der anwesende Sohn des Komponisten im Programmheft schreibt.

Dieter David Scholz, 1, März 2026


Alma
Oper in vier Akten von Claudio Santoro

Anhaltisches Theater Dessau

Premiere (Europäische Erstaufführung) am 28. Februar 2026

Inszenierung: Christiane Iven
Musikalische Leitung: Markus L. Frank
Anhaltische Philharmonie Dessau

Weitere Aufführungen : 7. und 20. März, 25. April 2026