Forte, piu forte, fortissimo
„Piu forte“ befielt Scarpia den Folterern von Cavaradossi, und forte, piu forte, fortissimo verlief auch dieser „Tosca“-Abend der Wiener Staatsoper, wo diese wohl blutigste und brutalste Oper des Verismo zu einem prachtvollen Power-Play emporwuchs, wie man es selten erlebt. Es war der zweite Abend der diesjährigen Netrebko-Serie und die 668. Aufführung in dieser Wallmann-Inszenierung, die wohl auf der Welt das letzte Beispiel dafür ist, wie man „Tosca“ im klassischen Sinn „richtig“ macht. Nämlich, wie es für das Werk, für die Sänger, für das Publikum am besten ist. Dann spielt die Geschichte dort, wo sie erdacht wurde, im Rom 1800, wo in der Hitze der Napoleonischen Kriege purer Terror herrschte, wo man wie vorgesehen in der Kirche, im Palazzo, auf der Engelsburg ist. Und Tosca darf in Kostümen und Frisur jene Diva sein, wie sie für eine Sängerin zur höchsten Entfaltung kommen kann.

Womit man schon bei Anna Netrebko wäre, die wie eine Elizabeth-Taylor-gleiche schwarzhaarige Schönheit auf der Bühne stand, ausgestattet mit einer darstellerischen Leidenschaft, wie man sie sich von Sarah Bernhardt vorstellen könnte, für die Victorien Sardou einst das Theaterstück schrieb. Allein die Wildheit, mit der sie Scarpia ersticht und nochmals zusticht (mit diesem Widerling schlafen? Nie!), die Verzweiflung, mit der diese Tat die an sich so fromme Frau auf den Boden wirft… Leider bringt die Beleuchtung, die plötzlich aussetzt, sie darum, dass die „Kerzen“-Geschichte (die sie um die Leiche stellt) und ihr Abgang mit nachgeschlepptem Mantel zur rechten Geltung gekommen wäre. Da könnte die Abendregie noch feilen.
Anna Netrebko hat einen Großteil ihres Rufes als Primadonna assoluta unserer Welt der Tatsache zu verdanken, dass sie sich mit voller Leidenschaft in jede Rolle, in jeden Abend, in jedes Geschehen wirft. Aber man kommt ja eigentlich, um sie singen zu hören. Und auch das ist kein alltägliches Ereignis.
Wie dunkel timbriert ihre Mittellage geworden ist, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Aber ihre blühende, strahlende, auch endlos ausgehaltene Höhe, die sie noch und noch einsetzt, ist ziemlich singulär, und ihre Kraft auch. Nun war es, wie erwähnt, ein „lauter“ Abend – drei Sänger mit besonders großen Stimmen, und ein Dirigent, der sich darauf einließ. Dass es kein bloßes Brüll-Konzert wurde, sondern ein mitreißendes Ereignis, war in erster Linie Verdienst der Netrebko, die die Tosca in jeder Hinsicht ausreizte und gelegentlich (bei „Vissi d’arte“ etwa) ihre wunderbare Technik der Stimmbeherrschung hören ließ.
Jeder Opernfan, der so alt ist wie die Netrebko (also Mitte fünfzig) und alle älteren sowieso, haben die unglaubliche Karriere der Russin miterlebt, die in St. Petersburg ein hinreißendes junges Mädchen war (es gibt Aufzeichnungen von dortigen Produktionen) und dann 2002 bei den Salzburger Festspielen als Donna Anna wie ein Komet einschlug und anschließend dort mit der Traviata zum Weltstar wurde.
Die Frage schien damals, ob ihre Stimme über das lyrische und das Koloraturfach hinaus reichen würde – und wie! Mit sagenhaftem Fleiß eroberte sie fast den ganzen Verdi, fast den ganzen Puccini, die Belcantisten und Veristen (ihre hinreißende Adriana Lecouvreur), die Franzosen und natürlich ihre heimatlichen Russen. Sie hat also heute ein Repertoire von so gut wie allen großen Rollen (inklusive der härtesten Knochen wie Turandot und Abigail) anzubieten. Den Mozart-Weg ist sie nicht weiter gegangen, den Wagner-Weg (nach ihrer beeindruckenden Elsa unter Thielemann in Dresden) auch nicht, und ob aus der Ariadne noch etwas wird, weiß nur sie allein. Sie hat wenige Rollen ihres Fachs nicht gesungen, die Butterfly, die Norma, beides enorm schade, weil ihr das gut in die Kehle passen würde, aber sie bringt immer wieder Neues – neuerdings auch als Amelia im „Maskenball“, die sie ihrem Repertoire hinzugefügt hat. Diese Karriere ist nicht geschenkt, sie wurde erarbeitet und ist in jeder Hinsicht bewundernswert. Dass sich die Netrebko dem Abendglühen nähert – das ist ja in der Natur bekanntlich oft das allerschönste, warum soll es bei Sängern, wenn sie klug agieren, anders sein?

Weniger Glück hatte der Abend mit dem Tenor. Der Russe Ivan Gyngazov lässt jene Härte in der Stimme hören, die bei slawischen Künstlern oft vorkommt, dazu noch ein metalliges Timbre, das bei steigender Lautstärke zunehmend blechern wird. Wenn er auch bei „E lucevan le stelle“ versuchte, ein wenig auf Linie zu singen, ist er doch im Belcanto-Fach gänzlich falsch eingesetzt (nur „Vittoria“ allein reicht nicht). Als Hermann wird er uns besser gefallen, vor allem, wenn ein Regisseur ihm sagt, was er tun soll: Hier stand er ziemlich ratlos herum, unbeweglich vor Scarpia, ohne einen Hauch von Wut oder Unsicherheit mitzubringen, die der arme Cavaradossi da empfinden muss, Aber bei der Stimmstärke, da war er bei den beiden Kollegen.
Christopher Maltman war eine Überraschung. Eigentlich hat man ihn „freundlicher“ in Erinnerung, vor allem bei Mozart, aber in letzter Zeit hat er sich Holländer und Wotan, Scarpia und Jago erobert. Wobei er – man kann ja mit dem Scarpia so herrlich viel machen – nicht der dämonische, sadistische Bösewicht ist, wie man von Raimondi bis zuletzt Tezier so herrliche Beispiele gesehen hat. Er ist der geile, fette alte weiße Mann, von dem man sich vorstellen kann, dass er sich Beischlaft mit dem Versprechen auf Filmrollen erkaufen kann. Bei Tosca wäre der Einsatz mit dem Leben des Geliebten höher – aber sie ist ja auch glücklicherweise kein Opfer, sondern eine Täterin… Maltman erstaunt mit Stimmkraft und echter Ekelhaftigkeit, was auch eine darstellerische Leistung ist.
In Nebenrollen sehr kompetent Clemens Unterreiner, Dan Paul Dumitrescu, Hans Peter Kammerer, Devin Eatmon und Dohoon Lee.
Was Dirigent Daniel Oren betrifft, der seinen Power-Sängern einen kraftvollen Rahmen gab, so hatte sich offenbar herumgesprochen, dass die Buh-Rufe nach der ersten Vorstellung vermutlich nicht dem Dirigenten, sondern dem Israeli galten. Nun, das Publikum reagierte darauf, beklatschte den Dirigenten vor den drei Akten (schon zu Beginn) so ausführlich und laut, wie sonst nur die Spitzenstars mit Vorschusslorbeeren bedacht werden, und bejubelten ihn auch nach dem Abend. Also diesmal keine Antisemiten im Publikum, nur Opernfreunde.
Renate Wagner 16. April 2026
Tosca
Giacomo Puccini
Wien, Staatsoper
668.Aufführung in dieser Inszenierung
am 15. Arpil 2026
Regie: Margarethe Wallmann
Dirigent: Daniel Oren
Wiener Philharmoniker