Meine Berliner Kritiker-Kollegen haben mich um diese Premiere beneidet. Im Repertoire der Deutschen Oper erfreute sich die Produktion seit dem Jahr 1994 ungebrochener Beliebtheit. „Bis in alle Ewigkeit aufführen, falls die Kulissen und wunderbar ironischen Kostüme (José Manuel Vasquez) nicht früher zerfallen, könnte man ohne Zweifel Giordanos Andrea Chénier in der Regie von John Dew“, heißt es in einer Kritik aus dem Jahr 2025. In einer anderen: „Bis heute hat die Inszenierung nichts von ihrer bildhaften Suggestivität, dramaturgischen Klarheit und szenischen Faszination eingebüßt. Es ist sehr erfreulich, dass die fast 30 Jahre alte Inszenierung wieder aufgenommen wurde und auch in der nächsten Spielzeit noch im Repertoire gehalten wird. Sie ist nach wie vor eine der besten Produktionen des Hauses.“

Nun kann man am Staatstheater Darmstadt überprüfen, ob die Inszenierung dem Ruf gerecht wird, der ihr vorauseilt. Auf den ersten Blick bietet sich dem Zuschauer ein Kostümspektakel, das viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in den sich progressiv dünkenden Kreisen der Theater-Regie, denen das fragwürdige Verdienst zukommt, den Begriff „Regie-Theater“ zum Schimpfwort gemacht zu haben, verpönt war. Im ersten Bild sieht man eine dekadente Adelsgesellschaft in üppigen Rokoko-Kostümen. Auch Perücken und gepuderte Gesichter simulieren historisierende Authentizität, wenn da nur nicht die zum Teil knallbunten Farben der Roben und Gewänder wären. Ganz im Einklang mit dem Libretto werden hier eben Karikaturen des Ancien Régime gezeigt. Die adelige Festgesellschaft befindet sich auf einer spärlich mit einem Spinett, einem Sofa und wenigen Sesseln möblierten Plattform. Darunter formieren sich, ebenfalls in historischer Kleidung, die Unterprivilegierten – Diener, Arbeiter, einfache Bürger – und heben zum Ende der Szene die Plattform an einer Seite an, machen sie zur schiefen Bahn, auf welcher der Adel wortwörtlich ins Rutschen kommt. Ist das nun ein Einfall des „Regie-Theaters“? Tatsächlich zeigt sich, daß solches Schubladendenken nicht den Kern der Theaterregie trifft, denn jedenfalls ist das ein sowohl visuell als auch metaphorisch sehr starkes und völlig überzeugendes Bild.

Die schiefe Ebene bleibt auch danach erhalten. Nun wird eine überdimensionale Büste des Revolutionärs Marat darauf herabgelassen. Auf und vor der Plattform findet lebendiges Revolutionstreiben statt, als wäre ein zeitgenössisches Ölgemälde zum Leben erwacht. All diese farbigen und abwechslungsreichen Bilder wirken ungemein kraftvoll. Dabei wird die Historizität der Kostüme durch die Reduktion des Bühnenbildes gut aufgefangen. Dies ist eben keineswegs eine „klassische“ Inszenierung, die mancher Opernfreund sich in nostalgischer Verklärung einer vermeintlich besseren alten Zeit zurückwünscht. Die historisch genaue Verortung erscheint hier vielmehr geradezu zwingend zu sein, da doch das Libretto von historisch verbürgten Ereignissen erzählt und ausgiebig auf historische Personen und Fakten Bezug nimmt. Das Zitieren historischer Kleider fügt sich auch ideal zu einer Partitur, die selbst Historisches zitiert: Rokoko-Musik hier, Revolutionsmelodien da.
Das Begleitheft weist darauf hin, daß die Inszenierung „1994 für ein Berlin in den Nachwehen des revolutionären Umbruchs von 1989 [entstand]. Dem 200. Jahrestag des 14. Juli 1789 war der Zusammenbruch der autoritären Regime und „progressiven“ Ideologien Osteuropas gefolgt: Die Französische Revolution neu zu denken lag nahe und das Publikum entdeckte in Dews Figuren im historischen Kostüm seine Gegenwart“. Das Angenehme an dieser Produktion ist die Einstellung des Regisseur, sein Publikum für so intelligent zu halten, daß es diese Entdeckung selbst machen kann. Hier ist eben kein platt belehrendes Thesentheater zu sehen, sondern eine lebendig erzählte Geschichte. Sollen die Zuschauer daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Die Übernahme dieser Produktion ist auch eine Verneigung des Staatstheaters Darmstadt vor seinem langjährigen Intendanten John Dew. Er war an diesem Abend persönlich anwesend und nahm im Schlußapplaus sichtlich gerührt den Zuspruch eines dankbaren Publikums entgegen. Die szenische Einstudierung hat allerdings Gerlinde Pelkowski besorgt, die mit einem in allen Partien spielfreudigen Ensemble für den Eindruck großer Lebendigkeit und Frische gesorgt hat. Alle tragenden Rollen sind mit hauseigenen Sängern oder Stammgästen besetzt. Matthew Vickers in der Titelrolle und Megan Marie Hart als Maddalena di Coigny erweisen sich wie zu Spielzeitbeginn in Pagliacci erneut als musikalisches Traumpaar für Opern des Verismo. Aris Agiris glänzt mit seinem kraftvoll-kernigen Bariton als Carlo Gérard. Die wunderbare Katrin Gerstenberger, deren Stimme all die Jahre des Einsatzes in hochdramatischen Partien nichts anhaben konnten, überzeugt als distinguierte Contessa zu Beginn ebenso wie als ergreifende Madelon im dritten Bild. Bejamin Russell gefällt als Matthieu mit seinem saftig-frischen Bariton. Peter Bronder schließlich macht die Rolle des heimtückischen Polizeispitzels Incroyable zu einem stimmschauspielerischen Kabinettstück. Der vielbeschäftigte Chor zeigt angemessene revolutionäre Wucht. Das gut aufgelegte Orchester schwelgt unter seinem Generalmusikdirektor Daniel Cohen in den Farben der saftigen Partitur. An dieser Stelle muß man aber eine kleine, einschränkende Bemerkung anbringen: Die Position der Plattform als Spielfläche in der Mitte der großen Bühne führt dazu, daß die dort agierenden Sänger gegenüber dem Orchestergraben akustisch ins Hintertreffen geraten, obwohl Cohen keineswegs die Dynamik überreizt und sich durchweg als rücksichtsvoller Begleiter erweist. Hier fehlt es auf der ansonsten nackten Bühne wohl einfach an Reflexionsflächen. In den beiden letzten Aufzügen wird zunehmend vor der Plattform agiert und gesungen, was die Klangbalance deutlich verbessert.

Insgesamt hat sich das Staatstheater Darmstadt hier ein pralles Stück Musiktheater ans Haus geholt, glänzend besetzt und mit der Frische einer Neuproduktion präsentiert. Man muß kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß diese Produktion auch hier das Zeug zum Longseller hat.
Michael Demel, 9. Oktober 2026
Andrea Chénier
Drama vor geschichtlichem Hintergrund in vier Bildern von Luigi Illica, Musik von Umberto Giordano
Staatstheater Darmstadt
Premiere am 3. Oktober 2026
Übernahme einer Produktion der Deutschen Oper Berlin (dortige Premiere am 28. September 1994)
Regie: John Dew
Musikalische Leitung: Daniel Cohen
Staatsorchester Darmstadt