Buchkritik: „At Large. Behind the Camera with Brian Large“, Brian Large/Jane Scovell

At Large

Fast jeder Opernfreund kennt ihn und fast keiner hat ihn (bisher) je gesehen. Den Jahrhundert-Ring aus Bayreuth, die 3 Tenöre in den Thermen des Caracalla, Tosca an Originalschauplätzen, viele Male das Neujahrskonzert aus Wien und die junge Anna Netrebko, die mit dem jungen Rolando Villazon unter der Uhr auf dem roten Sofa herumturnt, sind dank seiner Arbeit in viele Wohnzimmer eingekehrt und gehören bis heute nicht nur zu den Sternstunden der Musik, sondern auch der Videoregie. Es ist Brian Large, dem die Aufnahmen zu verdanken sind, der nun ein fünfhundert Seiten dickes Buch geschrieben hat, der uns von den ersten Seiten als Kinderantlitz unter streng gerade gezogenem Scheitel entgegensieht und als Cover ein schönes, entspanntes, Freude ausstrahlendes Gesicht zeigt, zufrieden mit dem bisher gelebten, erfüllten Dasein und offen für Neues.

Von einem „bildungsroman“ spricht das in englischer Sprache geschriebene, unterhaltsame, faktenreiche und mit einem flüssigen Stil aufwartende Buch, das wie eine Oper in Ouvertüre und drei Akte aufgeteilt ist, wobei zum Vorspiel die Familiengeschichte und die Kindheit gehören und wobei schon bemerkenswert ist, dass Künstler und BBC TV, wo sein Wirken begann, das selbe Geburtsjahr haben. Co-Schreiberin ist Jane Scovell, durch Biographien auch anderer Künstler bekannt geworden, das Vorwort stammt von Renée Fleming.

Nach einer Ahnenreihe von Bäckern sind Vater und Mutter von Large Musiker, die Familie zieht vor dem „Blitz“ auf London aufs Land, und deutsche Altersgenossen können nur mit Neid vermerken, dass er nach der von Ami-Soldaten geschenkten ersten Banane nur ein Jahr lang auf die zweite warten musste. „Coming to the Ring was life-changing“ stellt die Weichen für das weitere Leben, nachdem ein missglückter Aida-Besuch in die Ersatz-Oper Walküre (auch mit Tieren, die er sehen wollte) und damit in ein der Oper, aber auch generell der klassischen Musik geweihtes Leben führte.

Orte und Menschen haben seine Entwicklung beeinflusst, zu ersteren gehörte Prag, zu letzteren die Tänzerin Zdenka Podhajská, the Propeller Girl, das nicht mehr dazu kam, ihn zu adoptieren. Der ausgebildete Pianist wird mit Biographien von Smetana und Martinu zum Schriftsteller, dem eine Wiedereinreise in die Tschechoslowakei verwehrt wird, weil er aufgedeckt hatte, dass Smetana an Syphilis starb.

Larges Geschichte ist auch die von BBC TV, das ihn mit Benjamin Britten in Verbindung und zur Fernsehinszenierung vieler seiner Opern brachte. Das Buch ist eigentlich ein Who is who der Klassik, es geht um Yehudi Menuhin, um Strawinsky, um Bernstein, für den Bewunderung und Abscheu einander abwechseln, um eine Wagner-Bio von neun Stunden Dauer, Christmas Carols aus Bad Tölz, den bow-legged Vickers, die Bier saufende und rülpsende Birgit Nilsson und Anja Silja, die sich weigert, nach Wieland Wagners Tod noch einmal die Salome aufzunehmen.

Anlässlich der Last Night oft he Proms gelangt der Leser auch zu Einblicken in die Technik der Videoaufnahmen, lernt Janet Baker, Peter Pears, Jacqueline du Pré kennen und natürlich Georg Solti und Covent Garden. Und immer wieder bewundert er die Ausgeglichenheit des Autors zwischen Sympathie, Antipathie (selten) und einem hilfreichen Realitätssinn.

Einbezogen wird der Autor in den Kampf um die Originalsprache, Gwyneth Jones zuliebe übersetzt er den Holländer ins Englische. Beverly Sills mag ihn nicht, weil er Engländer ist. A Dream come true heißt, dass Large den Ring in Bayreuth aufnehmen darf. In diesem und einem weiteren Kapitel gibt es zwei kleine Ungenauigkeiten, denn Hitler wurde von den Wagner-Enkeln Onkel Wolf und nicht Adolf genannt, Giuseppe Sinopoli starb nicht Tage nach seinem Zusammenbruch in der Deutschen Oper Berlin, sondern noch im Orchestergraben.

Das USA-Debüt sieht Large in St.Louis mit Albert Herring, Mahagonny und Ballo in Maschera sind seine Met-Debuts, die ihm auch die Erkenntnis vermitteln, wie wichtig Exxon und andere Sponsoren für das amerikanische Musikleben sind.

Eine Zeit lang muss Large zwischen London und New York mit der Concorde fliegen, um alle Aufträge auszuführen, so wenn er gleichzeitig an der Met Lulu und an Covent Garden Hoffmann aufnimmt. Oder aber es gibt zwei Aufnahmen an einem Tag, so an der Met Elektra mit Nilsson und Ballo mit Pavarotti.

Alles was man über diesen flüsterte, wird im Buch bestätigt, später die drei Tenöre gut charakterisiert mit: Carreras bedankte sich immer, Domingo meistens, Pavarotti nie. Dafür wird aber das Wirken der ersten Frau Adua gewürdigt, und ein tragischer Akzent ist die Tatsache, dass Pavarotti der ebenfalls an Bauchspeichelkrebs Marylin Horne einen Arzt empfahl, der sie heilte und den er selbst nicht in Anspruch nahm. Auch Karajan, allerdings kurz vor seinem Tod, kommt nicht gut weg, interessant ist, was Large über ein Konzert mit Jessie Norman, über Leontyne Price, Grace Bumbry, über die „Nachtigall“ und über die „Lerche“ zu berichten weiß, und das nicht als üblen Klatsch, sondern in sympathisch humor- und verständnisvollem Ton, so dass sich der Leser nie als unbefugter Türlöchergucker, sondern als Teilnehmer an einem von Liebe zur Kunst und von Humanität geprägtem Leben fühlt.

Elf Jahre widmet Large Bayreuth, 27 Salzburg, und auch Columbia Artists und Peter Gelb greifen nach ihm und lassen ihn die Rückkehr von Horowitz nach Moskau aufnehmend begleiten. Dessen Steinway muss mitreisen, so wie die KGB-Agenten die Delegation nicht aus den Augen lassen, und in diesen Abschnitten zeigt sich Large als humorvoll schwierige Situationen meisternd und darstellend.

Carlos Kleiber ist ihm „poetry in motion“, aber er teilt nicht dessen Meinung, dass Maazels Tristan zu langsam sei. Kein Erfolg wird ein Berliner Neujahrskonzert unter Abbado als Tradition. Hildegard Behrens verunglückt bei der Aufnahme des Met-Rings, Christa Ludwig zeigt sich störrisch.

Large berichtet ungeheuer viel über seine künstlerische Arbeit, aber wenig über sein Privatleben. „He saved my life and in so doing became part of it“, ist die Nachricht, die den Leser erfreut, weil er einem Künstler, der vielen Menschen viel Freude bereitet hat und hoffentlich noch bereitet, sein privates Glück gönnt. Jack Mastroianni heißt der Partner, der ihn zur Krebsfrüherkennung schickte.

Dass Katherine Battle recht zänkisch war, wusste man, dass Domingo Noten punktierte, ahnte man, dass Mirella Freni eine gute Freundin sein konnte, davon überzeugt Large den Leser, und dass Cecilia Bartoli bei der Beerdigung von Larges Vater sang, zeigt, dass sie eine dankbare Schülerin ist. So kann Large neben künstlerischen und sicherlich auch finanziellen Erfolgen auch im rein menschlichen Bereich sich gewertschätzt fühlen, und er konnte es sich bald leisten, Aufträge abzulehnen, wenn ihm das Konzept (Achim Freyers Ring) nicht gefiel.

Der letzte Star, der im reich bebilderten Buch auftaucht, ist Jonas Kaufmann, dessen Chénier Large aufnimmt, und weil es einfach zu viele sind, mit denen er zusammen arbeitete, gibt es noch ein Kapitel Et Alia, in dem Van Cliburn, Leopold Stokowski, Pierre Boulez, Karel Ancerl, Bernd Haitink, Seiji Ozawa und andere auftauchen, in dem Sinopoli der höchste Intellekt zugesprochen wird, Gergiev die dunkelste Gestalt ist. Es tauchen noch weitere interessante Namen auf, die nicht alle genannt werden sollen, denn was der Autor zum Beispiel mit Montserrat Caballé erlebte, ist erfahrenswert, es gibt einen umfangreichen Bildteil, und der potentielle Leser sollte es sich darüber hinaus nicht entgehen lassen, die Bekenntnisse eines so kunst- wie menschenliebenden Zeitgenossen zur Kenntnis zu nehmen.

Ingrid Wanja, 2. April 2025


Brian Large/Jane Scovell: At Large
Behind the Camera with Brian Large

500 Seiten
2025, VmkK Verlag für moderne Kunst GmbH
ISBN 978 399153 127 2