Buchkritik: „GötterVERdämmerung. Ein Opernroman“, Rainer Buland, Claudia Steiner-Fridrich

Ringkampf – so heißt der Roman, den Thea Dorn einst in Anlehnung an den Ring des Nibelungen, freilich sehr frei montiert, geschrieben hat. Der (historische) Brand der Frankfurter Oper war da nur ein vergleichbares Motiv. Auch in einem neuen „Opernroman“, einer nicht erst seit Donna Leons Venezianisches Finale populären Gattung, brennt die Oper: doch nun am Ende, also passend zum Wagnerschen Ring-Schluss. Man wird in Claudia Steiner-Fridrichs und Rainer Bulands GötterVERdämmerung immer wieder auf Erinnerungen an die Ring-Wirklichkeit stoßen – doch der Reihe nach.

Normalerweise besteht ein Roman aus einem fortlaufenden Erzähltext. Man kann ihn natürlich auch mit anderen Textsorten, wie’s germanistisch korrekt heißt, anreichern. Im Fall der GötterVERdämmerung haben es der Leser und die Leserin (einmal ist unbegründet von einer „Dirigentin“ die Rede, worüber sich der genderverwirrte Leser ihre Gedanken machen könnte) mit einem Romantext und eingeschobenen Passagen zu tun, die man mitlesen oder überspringen kann. Der Rezensent empfiehlt dringend, die Miniaturabhandlungen musikwissenschaftlicher, philosophischer, dramaturgischer und dramaturgischer Art nicht zu überspringen – das Lesevergnügen wird dadurch nur erhöht. Es vertieft die Kenntnis des Ring selbst für diejenigen, die das Werk zu kennen meinen, aber „wer kennt schon genau den Ring“, wie Frau Hagen sagen würde? Frau Hagen? GötterVERdämmerung ist durchaus eine Paraphrase auf die Tetralogie, doch keine Nacherzählung in modernem Gewand, auch wenn sie in irgendeiner Gegenwart spielt. Hat man zunächst den Eindruck, dass ein Regisseur resp. eine Regisseurin, wenn auch keine von den fragwürdigen Qualitäten der Frau Hagen, den Ring mit der als Regiebuch dienenden GötterVERdämmerung in der Hand inszenieren könnte, wird man schnell eines Anderen belehrt. Die neue Ring-Geschichte, die von Claudia Steiner-Fridrich ersonnen wurde, hat es zwar mit den Figuren der Wagnerschen Mythologie zu tun, doch werden sie nicht 1:1 in die Gegenwart versetzt. Es fällt ja schon auf, dass die Handlung nicht mit dem Rheingold-Vorspiel, sondern der Nornen-Szene beginnt: zur Zeit der Kuba-Krise. Drei weise Frauen sitzen da in der US-Amerikanischen Wüste, um über ein Buch zu sprechen, das jene Formel enthält, die, als digitale Materie praktisch freigesetzt, jenes Unglück über die Welt bringt, das mit dem fluch beladenen Ring die Ring-Handlung bestimmt. Die sogenannte Angst-Formel geht, so die fiktive Erzählung, auf den bekannten und genialen wie moralisch skrupulösen Kybernetiker Norbert Wiener zurück, der zu eitel war, um auf die Vernichtung der gefundenen Formel zu verzichten, mit der man die Welt unterjochen könne. Natürlich wird die Formel nach einigen Jahren geraubt; der Bösewicht heißt, natürlich, Alberich, er dient als Techniker in einem Opernhaus, wird, natürlich, von drei schönen jungen Frauen, Darstellerinnen dreier tanzender Rheintöchter, zurückgewiesen und lebt daraufhin seinen Hass aus, indem er eine der Frauen vergewaltigt. Lust statt Liebe, so heißt ja die bekannte Formel des Ring.

Allein an dieser Stelle wird es schon interessant. Statt dem Faden der Wagnerschen Erzählung simpel zu folgen, was öde wäre, hat die Autorin Variationen, Änderungen, ja: Konterkarierungen ins Ring-Gewebe eingeflochten, auch auf die Neufassung der Walküre und des Siegfried verzichtet. Wichtig sind allein der Urbeginn und das Ende: die „Verdämmerung“ von zynischen Herrschercliquen im Zeitalter des World Wide Web. Mag man die häufigen Original-Zitate aus dem Ring-Text im Verlauf der „normalen“ Dialoge auf die Dauer als literarisch problematisch, weil künstlich empfinden, fragt man sich zusehends, welche Volten die Handlung demnächst einschlagen wird: ausgehend von der Vergewaltigung der „Rheintochter“, die sich während des brutalen Akts in ihren Peiniger verliebt und sich nach der Geburt des Kindes in die Tiefe stürzt, mit Wotan als Chef einer die Weltherrschaft anstrebenden Partei, den sein Enkel Sigi, seines Zeichens Operndirigent und selbstsüchtig-naiver Frauenverschleisser, nicht kennt. Sigi, der eine erste und letzte fatale Begegnung mit seinem Großvater hat, wird schließlich von seiner brutalen Ex-Frau Frau Hagen, der Opern-Regisseurin, ermordet. Wotans Walküren fungieren als Security-Truppe, Fasolt und Fafner sind, das ist naheliegend, eine mafiöse Baufirma, Hagens und Sigis Gunta (!) und Gutrune spielen ihre bösen Rollen im schwer intrigantenhaften Opern- und Familienspiel, Freia ist, als selbstdenkende Angestellte des Opernhauses, tatsächlich „die Gute“ – und Brünnhilde heißt hier nicht Brünnhilde, sondern Senta.

Senta? Die Autorin, psychoanalytisch orientierte Psychotherapeutin, kam auf die schräge wie originelle Idee, die Frau als Opfer zu zeigen, die einen Mann erlösen will, der buchstäblich in einer anderen Oper agiert. Am Ende wird sie, die Interpretin der Brünnhilde auf der Opernbühne neben der Parteizentrale, soviel sei verraten, nach dem Betrug, den man durch eine neue Art von Tarnhelm an ihr beging, überleben: so wie Grane, das kluge Pferd. Überleben wird nicht nur Alberich, auch Wotan kommt aus dem Ringkampf mit finalem Feuerbrand zumindest körperlich heil heraus, um sich in einem letzten Gespräch mit seinem Erzfeind Alberich – der einst die Formel stahl – zwar nicht zu versöhnen, doch auszutauschen. Den traurigen alten Männern aber reitet die Frau davon, die, wie Brünnhilde, das Tor zu einer neuen, ausnahmsweise mal von Liebe, nicht vom männlich-zerstörerisch-narzisstischen Machtstreben berauschten Welt öffnen möchte. GötterVERdämmerung ist jedoch in dem Sinne demokratisch, als dass auch die Frauen nicht von der Schuld freigesprochen werden, die Welt durch ihr eigensüchtig-boshaftes Treiben nicht besser gemacht zu haben. Was bleibt ist, wie bei Wagner, eine herrliche Melodie in Des-Dur. Man kann das für idealistischen Unsinn halten, aber in einer Welt, in der, wir wissen es, die empathielosen Narzissten die Regierungen der größten Staaten besetzen, darf, ja muss Träumen erlaubt sein.

Die Autorin und ihr Co-Autor haben sich somit des Ring-Mythos über den Gegensatz von Macht und Liebe bedient, um eine differenzierte wie kolportagehafte Geschichte zu erzählen, die, leider, ganz von Heute ist, weil sie die (Selbst-)Zerstörung der Welt denkbar pointiert auf den Punkt bringt. Würde einiges nicht in einem Erzählstil daherkommen, der von fern wie ein Märchen klingt (wozu die ausgiebigen Ring-Text-Zitate wesentlich beitragen), könnte man es für eine positivistische Analyse der schäbigsten Repräsentanten unserer Zeit halten; dass Steiner-Fridrich von der Psychoanalyse herkommt, ist so deutlich, dass man gelegentlich vergisst, dass wir es mit einer weiteren Ring-Variation zu tun haben. Allein man kann die Erläuterungen des narzisstischen Typs und der sinnlosen Opferbereitschaft der Frau, der männlichen Herrschaftsmechanismen und  der weiblichen wie männlichen Manipulationstechniken durchaus auf die Figuren beziehen, wie wir sie von Wagner her kennen: Hagen als früh gealterter Mann im Hintergrund, Siegfried als dummer „Held“, Wotan als Machtmensch und Loge als spindoctor und negativer thinktank, nicht zuletzt Alberich als Opfer, das zugleich Täter ist. In diesem Sinn mag GötterVERdämmerung kein Regiebuch, aber ein dramaturgischer Assoziations-Raum zu einer zukünftigen Ring-Inszenierung sein. Und die musikwissenschaftlichen Analysen sind, vom Vorspiel über die Raffinessen der Wagnerschen Harmonik zum himmlisch-irdischen Finale, einfach nur gut.

Frank Piontek, 13. Januar 2026


Rainer Buland, Claudia Steiner-Fridrich
GötterVERdämmerung. Ein Opernroman

Hollitzer Verlag. Wien, 2025
336 Seiten, mit Abbildungen

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