
Bei dem Label C-Major ist ein aus der Wiener Staatsoper stammender Live-Mitschnitt von Mozarts Don Giovanni auf Blue-ray-Disc erschienen. Aufgenommen wurde eine Aufführung vom Dezember 2021. Damals herrschte Corona, weswegen die Aufführung vor leerem Saal stattfand und nur per Live-Stream übertragen wurde. Aus diesem Grunde sieht man auf dieser Blue-ray-Disc kein Publikum. Orchester und Sänger applaudieren sich am Ende gegenseitig.
Die Inszenierung von Barrie Kosky in dem Bühnenbild und den Kostümen von Katrin Lea Tag kann sich sehen lassen. Zwar bietet das Regieteam mit seiner Deutung keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, wartet aber mit einer sehr kurzweiligen und von einer ausgesprochen flüssigen Führung der Personen geprägten Produktion auf. Alles wirkt wie aus einem Guss. Langweilig wird es wirklich nie. Im Zentrum von Koskys Interpretation stehen die beiden jungen Männer Don Giovanni und Leporello, denen die ganze Liebe des Regisseurs zu gehören scheint. Der Titelantiheld ist in Koskys Deutung ein Spiegelbild menschlicher Widersprüche, mythologisch gesehen ein Kind des Gottes Dionysos, wie im Booklet nachzulesen ist. Äußerlich wird er als ungemein sportlicher Gigolo vorgeführt, der es so weit treibt, dass er auch mal Herzbeschwerden bekommt. Ein äußerst rasanter, gewandter und punkartiger Diener ist Leporello. Noch beweglicher als sein Herr besticht er durch geradezu artistisch wirkende Fähigkeiten, tänzerische Einlagen und sogar eine Lektion in Sachen Jonglieren. Gekonnt spielen sich Don Giovanni und Leporello die sprichwörtlichen Bälle zu und warten mit einem Höchstmaß an guter Unterhaltung auf, die die Zeit wie im Fluge vergehen lässt.
Hier zeigt sich Kosky wieder einmal voll und ganz in seinem Element. Er verlegt die Handlung in eine fast gänzlich requisitenfreie Vulkanlandschaft mit Lavagestein, in die sich im dritten Teil des ersten Aktes auch mal ein überdimensionales Blumenmeer mischt. Dieses Vulkan-Ambiente wird wohl das heiße Blut symbolisieren, das in dem adligen Frauenverführer kocht. Im zweiten Akt gibt es dazu noch ein Wasserloch. An die Stelle der Statue des Commendatore, der hier unsichtbar bleibt, tritt ein einfacher Lavastein, mit dem Herr und Diener übermütig spielen. Der Commendatore verkörpert nach Kosky das autoritäre Prinzip. Im ersten Akt kommen er, Don Giovanni und Leporello ganz nahe zusammen, umschlingen sich gleichsam, bevor Annas Vater von dem Lebemann erstochen wird. Am Ende des zweiten Aktes bilden die drei Männer noch einmal einen derartigen Pulk. Sowohl der im zweiten Akt blutüberströmt auftretende Commendatore als auch Don Giovanni überleben in dieser Inszenierung. Am Ende kommt der Don wieder zu sich und verlässt gedankenverloren die Bühne. Man gönnt es ihm, da er die ganze Zeit über recht sympathisch wirkte.
Kyle Ketelsen verleiht ihm schon darstellerisch ein äußerst einprägsames Profil, wirkt aufgedreht, ausgelassen und, wie oben schon gesagt, sehr sportlich, was ihm die Sympathien des Zuschauers sichert. Auch gesanglich vermag er mit seinem gut sitzenden, beweglichen und substanzreichen Bariton zu überzeugen. Ein echtes Kabinettstückchen macht der schauspielerisch ungemein begabte Philippe Sly aus der Partie des Leporello, dem er mit seinem sonoren, bestens fokussierten und farbenreichen Bass sängerisch in gleicher Weise sehr gerecht wird. Hanna-Elisabeth Müller bringt einen ausgereiften und farbenreichen jugendlich-dramatischen Sopran für die Donna Anna mit. Kate Lindseys tiefsinnig klingender Mezzosopran hat mit der hohen Sopran-Tessitura der Donna Elvira nicht die geringsten Schwierigkeiten. Voll und rund singt Patricia Nolz die Zerlina. Neben ihr gibt Peter Kellner einen vokal eindringlichen Masetto. Großen lyrischen Glanz verbreitet der Don Ottavio von Stanislas de Barbeyrac. Zudem vermag er in seiner zweiten Arie noch durch einen langen Atem sowie enorme Koloraturgewandtheit nachhaltig für sich einzunehmen. Ein sonorer, stimmlich bedrohlicher Commendatore ist Ain Anger. Der von Thomas Lang einstudierte Chor der Wiener Staatsoper macht seine Sache gut.
Am Pult erzeugt Philippe Jordan zusammen mit dem trefflich disponierten Orchester der Wiener Staatsoper einen flüssigen, vorbildlich akzentuierten, farbenreichen und ausdrucksstarken Klangteppich in recht zügigen Tempi. Jordan begleitet auch die zahlreichen Rezitative am Pianoforte.
Ludwig Steinbach, 2. März 2026
Blue-ray-Disc:
Don Giovanni
Wolfgang Amadeus Mozart
Wiener Staatsoper
Inszenierung: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Orchester der Wiener Staatsoper
Best.Nr.: 770604
1 Blue-ray-Disc