In Bayreuth ist er kein Unbekannter. Nicht allein, dass er aus einer bekannten Bayreuther Musikerfamilie stammt – er stand hier auch auf der Bühne, etwa als Gunther in Tankred Dorsts Ring-Inszenierung. Auch sonst ist Ralf Lukas als „Wagner-Bariton“ einschlägig bekannt.

In Bayreuth entstand auch die Aufnahme der Winterreise – in Steingraebers Kammermusiksaal, mit James Alexander am Steingraeber-Konzertflügel E 272. Doch eine weitere Winterreise, muss das sein? Nachdem schon die bekanntesten (und unbekanntesten) Sänger den wohl bedeutendsten Liederzyklus zumindest der deutschsprachigen Liedgeschichte eingespielt haben? Es muss natürlich nicht sein – und doch ist man gespannt, wie der Sänger und der Liedpianist sich den Zyklus „schauriger Lieder“, wie der Komponist den Liederreigen nannte, erobern. Hält der Sänger, wie Dietrich Fischer-Dieskau, einer der Interpreten der Winterreise, einmal schrieb, den „Zwiespalt zwischen schmerzlicher Klanggebung und gelegentlich bitterer Ironie“? Er hält, und er hält wenn auch gelegentlich, sehr selten und dort, wo es tatsächlich passt – im dritten Lied: Gefrorne Tränen – die Tränen nicht zurück. Die letzte Fahrt des todmüden Wanderers beginnt im Stillen, bricht im initialen Lied nur einmal emotional aus, zeigt auch wilde Seiten, bäumt sich (nach Noten) gelegentlich auf – und kommt doch immer (Im Dorfe) auf einen Gleichmut zurück, der stets gefährdet scheint. Lukas dramatisiert die Gefühlswallungen nicht, er betont sie nicht über Gebühr, aber er macht sie deutlich: zwischen Fatalismus und einer Traurigkeit, die so klar ist (Die Nebensonnen), dass sie schon wieder zum Elend, also zur Heimatlosigkeit hinübergrüßt, die im letzten Lied des quasi zweigeteilten Zyklus, das bezeichnenderweise Einsamkeit betitelt ist, auch innerlich manifest wird. Spannungen und Kontraste, auch (zarte) Steigerungen (Das Wirtshaus): all das hört man, ohne den Eindruck zu haben, einer Oper zu lauschen – und James Alexander gibt den Ton dazu, der deutlich genug ist, um zu akzentuieren, und zurückhaltend genug, um dem Sänger ein adäquater liedpianistischer Partner zu sein. Der Steingraeber klingt auf der Aufnahme übrigens weniger wie ein brillanter Konzertflügel, sondern wie ein klassisch warm timbrierter Bösendorfer. Erstaunlich also, was ein Klavierspieler alles aus einem Instrument herausspielen kann, um für eine schubert(zeit)nahe Authentizität zu sorgen.
Musste also die neue Einspielung sein? Sie musste, und dies schon deshalb, weil Wilhelm Müller, der Dichter dieser Lieder, kurz vor seinem Tod nach Bayreuth reiste. Die Winterreise mit einem intelligenten Bayreuther Sänger in einem Bayreuther Klavierhaus – es hat schon seinen tieferen Sinn.
Frank Piontek, 9. April 2026
Franz Schubert: Winterreise
Ralf Lukas / James Alexander
Concerto Bayreuth 16017