Bei dem Label C-Major ist ein im Jahre 2024 an der Semperoper Dresden entstandener Live-Mitschnitt von Wagners Tristan und Isolde auf Blue-Ray-Disc erschienen. Dieser dürfte in erster Linie zu Ehren von Christian Thielemann entstanden sein, dem langjährigen Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden, der vor einiger Zeit in derselben Position an die Staatsoper Berlin gewechselt ist und mit diesem Tristan eine seiner letzten Aufführungen in Dresden dirigierte. Und das tut er auf dieser Blue-ray-Disc ganz phantastisch. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Thielemann der derzeit beste Wagner-Dirigent ist. Bei Tristan ist er erneut voll in seinem Element. Zusammen mit der hervorragend aufspielenden und seine Anweisungen höchst konzentriert und klangschön umsetzenden Sächsischen Staatskapelle Dresden erzeugt er in raschen Tempi einen höchst intensiven, spannungsgeladenen und sehr nuancierten Klangteppich, der seinesgleichen sucht. Mit großer Akribie lotet Thielemann die musikalischen Zusammenhänge aus und zaubert großartige, feingesponnene Linien. Dabei hält er den Fluss der Musik ständig aufrecht und erzeugt grandiose Steigerungen und impulsive musikalische Höhepunkte. Die Zwischenstimmen werden von ihm einfühlsam herausgearbeitet. Gleichzeitig wartet er mit einer famosen Transparenz der Orchesterstimmen auf. Es werden viele Details hörbar. Nichts geht bei ihm in den fulminanten Orchesterwogen unter. Das Sehrend-Sehnende des Klangbildes kommt bei ihm aufs Trefflichste zum Tragen. Gekonnt versetzt er das Publikum in einen regelrechten Klangrausch. Bemerkenswert dabei ist, dass Thielemann den reichhaltigen Orchesterapparat an keiner Stelle zu stark aufdreht. Insgesamt nimmt er das Orchester sehr zurück, um die Sänger nicht zuzudecken. Das begeisterte Auditorium lohnt ihm am Ende seine grandiose Leistung mit frenetischem Applaus. Und das zu Recht. Bravo!

Die gesanglichen Leistungen bewegen sich im Großen und Ganzen auf hohem Niveau. Bis auf eine Ausnahme. Und das ist ausgerechnet der Tristan. Klaus Florian Vogt bleibt mit seinem kleinen, flachen, hellen und überhaupt nicht im Körper verankerten Tenor alles schuldig, was diese äußerst anspruchsvolle Partie ausmacht. Vokale Expansionsfähigkeit, Expressivität, ausgemachte Dramatik und kraftvoller Ausdruck sind seine Sache überhaupt nicht. Von einer heldenhaften Auslotung der Rolle kann bei ihm in keinster Weise die Rede sein. Schlimm ist es um die Fieberausbrüche des dritten Aufzuges bestellt, die bei Vogt gar keine Wirkung entfalten. Er hat Glück, dass Thielemann so ausgesprochen sängerfreundlich dirigiert. Bei vielen anderen, nicht so umsichtigen Dirigenten würde er womöglich gnadenlos scheitern. Gut gefällt dagegen Camilla Nylund als Isolde. Sie ist zwar ebenfalls keine echte Hochdramatische, sondern eher ein jugendlich-dramatischer Sopran. Indes kommt sie mit der irischen Königstochter trefflich zurecht. Im Gegensatz zu Vogt singt sie vorbildlich im Körper und verfügt auch im Übrigen über beachtliche stimmliche Mittel. Die Racheausbrüche des ersten Aufzuges gelingen ihr perfekt. Die Höhen hat sie sicher und auch ihr Ausdrucksspektrum ist groß. Wunderbar sind ihre lyrischen Qualitäten. Auf ebenmäßige Linienführung sowie große Gesangsbögen versteht sie sich ausgezeichnet. Und auch das dynamische Spektrum ist bei ihr sehr ausgeprägt. Sie vermag ihre Stimme wo es nötig ist voll aufzudrehen, kann aber auch einfühlsame Piani produzieren. Alles Voraussetzungen, um ihre Leistung differenziert und nuancenreich anmuten zu lassen. Einen vor allem in Mittellage und Tiefe voll ausgereiften sowie ausgesprochen tiefgründig klingenden, aber auch über tadellose hohe Töne verfügenden Mezzosopran bringt Tanja Ariane Baumgartner in die Partie der Brangäne ein, mit deren hohen Tessitura sie nicht die geringsten Schwierigkeiten hat. Einen sehr eleganten, sonoren, ebenmäßig dahinfliessenden und bestens italienisch fundierten Bass nennt der König Marke von Georg Zeppenfeld sein Eigen. Ein hellstimmiger, markant deklamierender Kurwenal ist Martin Gantner. Mit kräftigem, ausladendem Bariton wertet Sebastian Wartig die kleine Rolle des Melot auf. Eine Luxusbesetzung stellt der prachtvoll im Körper singende Attilio Glaser für den Seemann und den Hirten dar. Nachhaltig empfiehlt er sich hier für größere Rollen. Von Lawson Andersons saft- und kraftvoll klingendem Steuermann hätte man gerne mehr gehört. Die von André Kellinghaus einstudierten Herren des Sächsischen Staatsopernchores Dresden machen ihre Sache gut.
Nicht mehr taufrisch wirkt die bereits aus dem Jahre 1995 stammende Inszenierung von Marco Arturo Marelli. Zentrales Element des abstrakten Bühnenbildes ist ein nach zwei Seiten offener Kubus, der sich von Aufzug zu Aufzug in verschiedenen Perspektiven präsentiert. Mal laufen die Wände im Hintergrund spitzwinklig zusammen, mal wechseln sie die Seiten. Auf diese Weise entstehen vielfältige surreale Gedankenräume, in denen sich das Geschehen abspielt – das allerdings auf manchmal recht beliebige Art und Weise. Das gilt in erster Linie für den ersten und den dritten Aufzug, in denen häufig szenische Löcher entstehen. Von der ursprünglichen Personenregie scheint nach cirka 30 Jahren nicht mehr allzu viel übrig zu sein. Am besten gefällt noch der zweite Aufzug. Hier gehen Tristan und Isolde während der nicht gekürzten (danke!) Tag- und Nachtgespräche zunächst auf Distanz zueinander. Erst allmählich finden sie während des großen Liebesduetts zueinander und dürfen sich schließlich auch umarmen. Gelungen ist der Schluss des zweiten Aufzuges, in dem Tristan nicht von Melot getötet wird. Freiwillig lässt der Held seine Waffe fallen, zieht das Schwert von Melot an sich heran und stößt es sich dann in die Brust. Dieser Einfall war indes nicht mehr neu. Das hat man in der alten Stuttgarter Inszenierung des Werkes von Götz Friedrich Ende der 1970er Jahre genauso gesehen. Insgesamt hätte die Inszenierung von den Dresdner Regieassistenten für die Blue-ray-Aufzeichnung etwas besser aufbereitet werden können. Eine Neuproduktion wäre angebracht gewesen.
Ludwig Steinbach, 21. Februar 2026
Tristan und Isolde
Richard Wagner
Semperoper Dresden
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Marco Arturo Marelli
Sächsische Staatskapelle Dresden
C-Major
Best. Nr.: 770804