Erl: „La Sonnambula – konzertant“, Vincenzo Bellini

Gegen Ende des Wintersaison-Programms 2025 werden die Gäste in Erl mit zwei wichtigen Belcanto-Opern auf – zum Teil – hohem künstlerischen Niveau verwöhnt. Während „Lucia di Lammermoor“ szenisch auch einen Einblick ins brutale Leben einer geschlossenen Anstalt gibt (mit einer technisch brillanten Sara Blanch und einem schönsingenden Kang Wang als unglückliches Paar), wird Bellinis „Schlafwandlerin“ konzertant aufgeführt, was den Vorteil hat, dass sich das Publikum ganz auf erfüllte Melodik, empfindsame Stimmen und vokale Ausdruckskraft konzentrieren kann.

Die vier Hörner eröffnen wundervoll und exakt die Introduktion, bevor Querflöte und Streicher freudvoll einsetzen. Giacomo Sagripanti zeigt Hingabe und Herz am Pult und beseelt die Musik mit romantischem Pathos, erhabener Würde und endlosen Melodienbögen ohne auf die nötige dramatische Spannung, schwärmerische Leichtigkeit und Prägnanz zu vergessen.

Als Edel-Einspringer für den erkrankten Francesco Demuro erweist sich mit Levy Sekgapane einer der weltbesten Belcanto-Tenöre – wenn man kurzfristig so einen Clou aus dem Hut zaubern kann, braucht sich niemand mehr um das Gelingen der Vorstellung Sorgen machen. Der Südafrikaner, an der Wiener Staatsoper bereits erfolgreich im Barbiere, bei Don Pasquale und an der Seite der Bartoli bei der Rossini-Gala aufgetreten, zeigt sein beeindruckend-leuchtendes, schmelzreiches Timbre mit vokaler Geschmeidigkeit. Mühelos erreicht er die Höchsttöne, bei denen er sich spürbar besonders wohl fühlt und Eifersucht und Verzweiflung für den „alles verloren ist und für den es keinen Trost mehr gibt“, gelingen sehr glaubwürdig und ausdrucksstark.

Seine Partnerin ist – wie im Vorjahr bei Erls „Puritani“ – Jessica Pratt und so erlebt man harmonische, optimal abgestimmte Belcanto-Duette des Liebespaares. Die australische Sopranistin, im Juni erneut als Königin der Nacht im Haus am Ring zu hören, verfügt über eine liebliche, noch immer jugendliche Stimme und lässt die Töne herrlich aus einer tragfähigen Mittellage anschwellen. Während schwebende Piani und Pianissimi zu den großen Stärken dieser Amina gehören und das virtuos trällernden Koloraturfeuerwerk restlos begeistern kann, schleichen sich bei einigen fortissimo-Klängen unangenehme Schärfen ein – aber das ist jammern auf höchstem Niveau und die 732 Gäste im Festspielhaus bejubeln die Sängerin mit traumhaft schönem Haar und im nachtblauen Glitzer-Kleid.

© Scheffold Media

Der Italiener Adolfo Corrado gefällt als Conte Rodolfo mit schöner Linienführung und belcantescem Wohlklang. Der Bass wirkt viel sicherer als am Vortag als Priester Raimondo in „Lucia“, sein Graf schmeichelt Amina gekonnt und er kann ihre verloren geglaubte Ehre wieder herstellen. Als seconda donna und intrigante Gastwirtin ergreift Sarah Dufresne aus Kanada als Lisa mit hellem, leichtem Sopran, klarer Höhe und präziser Intonierung die Chance, vielleicht doch noch Elvinos Gattin zu werden. Ihr Verehrer Alessio, vom Polen Pawel Horodyski verkörpert, agiert rollendeckend und die Müllerin Teresa (Valentina Pernozzoli) warnt mit gehaltvollem, kräftigem Alt vor dem schrecklichen Gespenst.

Erwähnenswert auch die einheitliche, kraftvolle Chorleistung, die sich mit Amina und ihrem Glück zuerst freut, sie dann der Untreue verurteilt und sich vor „dem nächtlichen Grauen“ fürchtet. Die Festspiele Erl sind einen Besuch wert und zeigen auch im nächsten Jahr ein interessantes Programm mit den Höhepunkten „Parsifal“, „Fliegenden Holländer“ und „Carmen“ (in großartiger Besetzung mit Aigul Akhmetshina und Pretty Yende).

Susanne Lukas 1. Januar 2026

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La Sonnambula – Konzertant
Vincenzo Bellini
Erl / Tiroler Festspiele

28. Dezember 2025

Dirigat: Giacomo Sagripanti
Orchester und Chor der Tiroler Festspiele Erl