Interview: „Michael Volle“

Schon allein die obligatorische Vorankündigung dieses Portraits über den Bariton Michael Volle stieß auf sehr großes Interesse. „Ein bedeutender Sänger“, „ein Mann der Oper“, ein „großer Künstler und Verfechter des Wortes“ sind Begriffe, die Michael Volle vielleicht in kürze beschreiben könnten. Aber sie werden diesem Ausnahmesänger immer nur teilweise gerecht. Fehlt doch bei all diesen Beschreibungen vor allem eines, quasi als allumfassende Klammer: Der Mensch Michael Volle. Und da zitiere ich gern einen Kommentar eines jungen Baritonsängers auf die Ankündigung in social media für dieses Portrait: „Einfach ein fantastischer Mensch!“ Wenn ein junger Opernsänger dies über seinen älteren, sehr erfahrenen, Kollegen schreibt, ist dies Ausdruck von höchster Anerkennung und Bewunderung für diesen Ausnahmesänger, der Maßstäbe gesetzt hat und für die jüngere Sängergeneration schon jetzt zu einem Vorbild gereift ist. Mit Michael Volle über seine Karriere und die bunte, aber auch manchmal nicht so bunte, Welt der Oper zu sprechen ist ein ganz besonderes Vergnügen. Ein durchaus lehrreiches noch dazu!

© Gisela Schenker

Vom Pfarrerssohn zum Weltstar

Michael Volle wurde 1960 als eines von acht Kindern einer schwäbischen Pfarrerfamilie in Freudenstadt (Schwarzwald) geboren. Schon sehr früh kam er, bedingt durch den Beruf seines Vaters, mit Kirchenmusik in Berührung. Musik spielte im Hause Volle schon immer eine große Rolle. Und auch gesungen wurde viel, wie Michael Volle zu berichten weiß. Dass dies nun auch für seine eigene Familie die gleiche Wichtigkeit besitzt, konnte der junge Michael damals noch nicht ahnen.

Nach dem Abitur wollte er Sonderschulpädagogik studieren, aber die innere Leidenschaft zum Gesang ließ ihn nicht los und so wurden das Lehramtsstudium und der Gesang bereits in seinen jungen Studienzeiten zu einer Kombination aus beiden. Letztlich aber führte es Michael Volle nicht als Lehrer in die Schule, sondern als Sänger auf die Bühne. Im Rahmen seiner Gesangsausbildung war es dann der bedeutende Bariton Josef Metternich, den er erstmalig 1988 traf, der ihm den großen und bedeutenden Impuls gab, dass die Entscheidung, Gesang zu studieren die für ihn einzig richtige war. „Da war es um mich geschehen… „, sagt Michael Volle zurückblickend auf diese für ihn wichtige Lebensbegegnung mit seinem damaligen Gesangslehrer. Nach Engagements in Mannheim, Bonn, Düsseldorf und Köln war er von 1999 bis 2007 im Ensemble des Opernhauses Zürich. Gastengagements führten ihn an die bedeutendsten Opernhäuser der Welt sowie zu den Festspielen von Salzburg, Bayreuth und Baden-Baden. Von 2007 bis 2011 war er Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper. Sein Bayreuth-Debüt erfolgte 2007 mit der Partie des Beckmesser in Wagners „Meistersinger von Nürnberg“. Der große Erfolg in Bayreuth war dann sicher maßgebend dafür, dass Volle in den Folgejahren – und bis in die aktuelle Zeit hinein – zu einem der weltweit bedeutendsten Wagner-Interpreten arrivierte und mithin zu einem der gefragtesten Opernsänger für das sogenannte „Deutsche Fach“ galt und nach wie vor gilt. Seine Fangemeinde ist weltumspannend. Seine gesanglichen und darstellerischen Interpretationen, gerade – aber nicht nur, in den großen Wagnerpartien seines Stimmfachs Bariton, gelten als Maßstab, auch für die jüngere Generation von Sängern. Und eines wird immer wieder vorgehoben, wenn es um seine Rollendarstellungen geht: seine enorme Textverständlichkeit und die Verbindung von Gesang und Wort.

Die Stationen seiner bisher langjährigen Karriere sind für alle Interessierten vielfach nachzulesen. Das Internet ist voll von Michael Volle, so man seinen Namen in den Suchbegriff eingibt. Das er weltweit, ja nahezu allerorten, Erfolg nach Erfolg feiert, gehört zum Allgemeingut des Wissens von Opernfreunden und Opernfreundinnen und den vielen Klassikfans weltweit. Daher möchte ich mich hier nur auf die zuvor genannten Stichworte und Stationen seiner langjährigen und großen Karriere beschränken und den Bogen lieber ein wenig weiterspannen: zum Menschen Michael Volle.

Ich wär so gern mal wieder Papageno!

Michael Volle lebt heute in der Nähe von Berlin. Er ist verheiratet mit der Sopranistin Gabriela Scherer, mit der er zwei gemeinsame Kinder hat. Beide sind sie vielbeschäftigte Künstler auf den Bühnen dieser Welt. Sie sind daher beruflich oft voneinander getrennt an verschiedenen Orten engagiert und führen somit ein Privatleben, welches sie mit vielen Ehepaaren teilen, wo beide Partner in ihren Berufen erfolgreich und engagiert tätig sind. Bei Künstlerpaaren kommt allerdings erschwerend hinzu, dass die häusliche Abwesenheit oftmals tagelang und über Zeitzonen hinweg andauert. Dann, vor allem wenn die Paare Kinder haben, heißt es, Privat- und Berufsleben so zu managen, dass die Familie immer an erster Stelle steht und gerade die Kinder nicht zu kurz kommen. Beim Ehepaar Volle/Scherer ist das aber bestens geregelt. Dass beide gleichzeitig für eine Produktion engagiert werden ist eher selten. Obgleich beide, Gabriele Scherer wie auch Michael Volle, dies aus tiefstem Herzen bedauern. Immerhin haben sie sich auf einer Opernbühne kennengelernt. In Baden-Baden war das. 2007 während einer Falstaff-Aufführung. Das blieb aber auch dann einer der bisher eher seltenen gemeinsamen Auftritte der beiden. Aber dazu später mehr.

Wenn man sich auf ein Gespräch mit Michael Volle vorbereitet, gehen im Vorfeld viele Gedanken durch den Kopf. „Was frage ich ihn?„, „Wo lege ich meine Schwerpunkte des Gesprächs?“ oder auch „Wie ist er überhaupt als Gesprächspartner?„. Dann klingelt das Telefon und alles das ist auf einmal nur noch Makulatur. Denn schon nach wenigen Momenten ist klar, dass Michael Volle ein äußerst angenehmer, eloquenter und ungemein kluger und erfahrener Mensch und Künstler ist. Ein Mann, der über seine langjährige Karriere mit so viel Herzblut und Begeisterung für das, was er tut, spricht, dass ein solches Telefonat für einen begeisterten Opernliebhaber, wie ich es nun mal bin, einen Nachhall hat, der noch Wochen danach anhält. Ihm zuzuhören, wenn er über seine Engagements spricht, von seinen Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen – ein wahres Who is who der Opernwelt! – sein Zusammenarbeiten mit den namhaftesten Dirigenten unserer Zeit – Christian Thielemann zählt zu seinen persönlichen Freunden – und über all dem die Zeit vergisst, die ein solches Telefonat andauert, ist schon ein Privileg.

Volle erzählt von seiner Zeit in Zürich, wo er von 1999 bis 2007 Ensemblemitglied war. „Das war eine Glücksphase für mich „, sagt er und „es war eine großartige Zeit mit vielen tollen Kollegen auf der Bühne„. So hat er unter anderem mit der legendären Edita Gruberova in Bellinis Belcanto-Oper Beatrice di Tenda auf der Züricher Bühne gestanden. Sie als Beatrice, er als Filippo. Wie er, der große Wagnerinterpret, überhaupt der Meinung ist, dass Schubladendenken in der Oper für ihn kein Thema sei. Im Gegenteil: „Das Singen von Verdi- und Puccini Partien hat mir sehr geholfen, später Wagner zu singen„.

So war es dann auch die Puccini Oper Tosca, in der das Sängerehepaar Volle/Scherer gemeinsam auf der Bühne stand. 2021 in Dortmund, während der Coronazeit. Sie als Floria Tosca, er als erbarmungsloser Scarpia. Die Vorstellung wurde ein großer Erfolg. Mit der eigenen Frau auf der Bühne zu stehen, zudem in dieser Rollenkonstellation, ist schon etwas sehr Außergewöhnliches. Auf der Bühne steht rollenbedingt der Hass und die Abneigung zwischen ihnen. Im wahren Leben sieht das natürlich völlig anders aus. Aber eben dieses sich unbedingte persönliche Kennen und Einschätzen, gepaart mit den großen stimmlichen Möglichkeiten der beiden Opernstars, ließ die Theaterluft im „Duell Tosca vs. Scarpia“ knistern. Später, im Hotel nach der Vorstellung, so erzählt Michael Volle mir amüsiert, habe er noch die Schuhabsätze seiner Tosca gespürt, so leidenschaftlich war das Spiel der beiden Sänger auf der Bühne. Und in einer weiteren Oper eines italienischen Meisters trafen beide wieder zusammen. 2025/26 standen sie im Falstaff auf der Bühne der Berliner StaatsoperVolle in seiner geliebten Rolle des Sir John Falstaff und Gabriela Scherer als Alice Ford. Publikum und Presse zeigten sich von den Aufführungen und den künstlerischen Leistungen, insbesondere jenen von Volle und Scherer, begeistert. Verdis Falstaff gehört für Michael Volle ohnehin zu einem der größten Meisterwerke der Opernliteratur und er kann nicht müßig werden, zu betonen, wie er gerade diese Oper von Verdi schätzt und liebt. Und letztlich sagt er mit tiefer Überzeugung: „Es ist einfach ein großes Privileg mit dem geliebten Menschen gemeinsam auf der Bühne zu singen. Zusammen eine „Arabella“ zu singen, wäre der Gipfel“.

Neben den großen italienischen Meistern der Oper ist es auch, und vor allem, Mozart, dessen Musik Volle liebt und bewundert.

2017 hat er an der Pariser Bastille-Oper an zehn Vorstellungen den Papageno in der Zauberflöte gesungen. „Wie gern würde ich diese Rolle mal wieder auf der Bühne singen! Ich liebe diese Partie. Aber niemand engagiert mich heutzutage dafürAlle denken bei meinem Namen an Wotan oder entsprechend andere Partien des deutschen Fachs, aber den Papageno haben sie bei mir nicht im Kopf.“ 

Überhaupt gilt ja das Singen von Mozartpartien bei vielen Opernsängerinnen und Opernsängern als wahrer Balsam für die Stimmbänder. In diesem Zusammenhang sprachen wir über die „Kunst des Singens“ im Allgemeinen und die Erwartungshaltung des Publikums an die Sänger. „Leider zählt zu oft die Lautstärke eines Sängers und ob die Stimme über das Orchester trägt. Wir haben in der heutigen Zeit unglaublich gute Dirigenten, die genau darauf achten, dem gerecht zu werden.“  Sehr wichtig ist einem Interpreten wie Michael Volle auch der Text, wie eingangs erwähnt. „Der Dirigent Christian Thielemann ist beispielsweise eines großen Verfechters des Wortes in der Oper„, erzählt mir Michael Volle und berichtet davon wie „intim“ im Gesang er mit ihm zusammen das Finale des dritten Akts der Walküre gestaltet hatte.

Das große Opernrepertoire von Michael Volle umfasst neben den hier bereits genannten Partien weitere Rollen Wagners und Strauss‘ wie Holländer, Wolfram, Jochanaan, Barak, Orest, Verdis (Jago, Nabucco), Puccinis (Scarpia, Marcello, Jack Rance) und Mozarts (Graf, Don Giovanni, Don Alfonso) und reicht bis hin zu Mussorgsky (Boris Godunov) und Berg (Wozzeck, Dr. Schön/Jack the Ripper).

Abschließende Gedanken

Neben all seinen beruflichen Verpflichtungen als Opern- Lied- und Konzertsänger kamen wir auch auf den eigentlichen Beruf des Künstlers und die Stellung desselbigen zu sprechen. Auf die Frage, ob sich nach der einschneidenden Coronazeit manches in der Opern- und Theaterszene zum besseren verändert hat, die Branche insgesamt aus diesen Erfahrungen gelernt hat, antwortet Michael Volle mit einem klaren „Nein! „.  „Es ist nach wie vor so, dass freiberufliche Künstler keinen besonderen Schutz in der Kulturszene haben. Nach dieser Zeit war es dann oftmals so, dass jeder wieder in den gewohnten beruflichen Alltag zurückging und Einzelkämpfer geblieben ist„, beschreibt mir Volle seine Sicht auf diese für viele Kunstschaffende sehr belastenden Jahre. Michael Volle und seine Frau gehörten zu den Künstlern, die auch während der Lockdown-Zeiten Engagements erhielten, aber ebenfalls von Absagen und Verschiebungen betroffen waren. Dass die Aufarbeitung der Coronazeit und die daraus zu ziehenden Schlüsse gerade für freiberufliche Künstler so schleppend und uneffektiv erfolgt, war dann auch eine gemeinsame Gesprächsauffassung. In diesem Zusammenhang erwähnt der Bariton auch seine „wunderbare Künstleragentur“ (Hilbert Artists Management), mit dem er seit Jahren erfolgreich zusammenarbeitet.

Auch in diesem Jahr stehen noch, neben diversen weiteren Engagements, bedeutende Auftritte in Opern von Richard Wagner für Michael Volle auf dem Programm. Der Ring an der Mailänder Scala und bei den Bayreuther Festspielen. Dort auch noch den Amfortas in Parsifal. Zudem freut sich Michael Volle auf den Auftritt seiner Frau Gabriela Scherer bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen, die neben Andreas Schager als Rienzi in der Partie der Irene in der erstmals in Bayreuth aufgeführten Wagneroper Rienzi debütiert. „Diese Partie wird ihr, wie damals mir bei meinem Bayreuth Debüt als Beckmesser, weltweite Beachtung als Wagnersängerin bringen „, zeigt sich Volle überzeugt. Scherer, die bereits schon jetzt zu den gefragtesten Wagnersängerinnen gehört, bereitet sich bereits intensiv auf dieses Debüt vor.

Ein Gespräch mit dem großartigen Künstler und sehr empathischen (Familien-)Menschen Michael Volle lässt sich nicht in einem Artikel in Gänze zusammenfassen. Aber es bietet zumindest die hinreichende Möglichkeit, den Leserinnen und Lesern den bedeutenden deutschen Weltstar Volle in der einen oder anderen Facette vorzustellen. Nachdem ich Ende des vergangenen Jahres seine Frau Gabriela Scherer für ein OPERNMAGAZIN-PORTRAIT interviewt habe, war es mir eine besondere Freude, nun auch ihn kennenlernen zu dürfen. Jenseits der Bühne, einmal ganz privat und sehr sympathisch im persönlichen Kontakt.

Herzlichen Dank, lieber Michael Volle, für das Gespräch!

Detlef Obens 1. Februar 2026

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