Berlin: „Echnaton“, Philip Glass

Erfolgreich auch im Schillertheater

Die Premiere sowieso, dazu aber auch sämtliche Folgevorstellungen restlos Wochen vor dem Ereignis ausverkauft und eine Karte, wenn überhaupt, nur mit ständiger auch nächtlicher Wachsamkeit, um den Wechsel von Glocke zu Billet nicht zu verpassen, noch zu ergattern. War es die Erinnerung in Glass‘ zweite Oper Satyagraha aus der Trilogie in der Komischen Oper oder war es die an Barrie Koskys Inszenierung von Moses und Aaron, die zu diesem beispiellosen Ansturm auf die Theaterkasse geführt hatte?

© Monika Rittershaus

Es geht um Philip Glass‘ drittes Werk innerhalb der sich um Bahnbrecher auf dem Gebiet der Wissenschaft (Einstein), der Politik (Gandhi) und der Religion drehenden Weltveränderer, um Echnaton, Pharao der Ägypter und Berlinern bestens bekannt, da Gatte der Nofretete, deren Büste im hiesigen Museum zu bewundern ist. Die Uraufführung fand 1984 in Stuttgart statt, dessen Opernhaus gerade renoviert wurde, so dass wegen des kleinen Orchestergrabens kurzerhand auf die Violinen verzichtet wurde, Achim Freyer entschädigte mit einer surrealistischen Ausstattung, während die Aufführungen in Houston, New York und London einen verwachsenen Hermaphroditen in der Titelpartie sahen. Das Werk, das aus drei Teilen ohne fortlaufende Handlung besteht, bietet also zahlreiche Möglichkeiten der Realisierung. Die historische Korrektheit des Librettos lässt zu wünschen übrig, die Spielorte sind Theben und Achet-Aton, die Zeit die Echnatons und die Gegenwart.

Der erste Teil schildert die Beerdigung von Amenophis III. und die Krönung Echnatons, den Trauerzug des Amenophis, der zweite die Schleifung des Tempels des Amun, ein Liebesduett zwischen Echnaton und Nofretete, die Einsetzung des Gottes Aton als einzigem göttlichen Wesen, der dritte Akt die Aufhetzung des Volkes gegen den Herrscher, seinen Sturz und seine Verschleppung, in der Inszenierung eine Art Lynchjustiz. Am Schluss besuchen Touristen das Trümmerfeld von Achet-Aton. Im Epilog schließen sich die Geister der Verstorbenen dem Leichenzug des Amenophis an.

© Monika Rittershaus

Durch den Wegfall der Violinen erhält die Partitur einen durchgehend dunklen, durch das Vorherrschen von g-Moll einen melancholischen Klang, durch den Einsatz der barocken Oboe und eines Countertenors für die Titelfigur einen in den Achtzigern noch fremdartigen Klang, was durch indische Einflüsse verstärkt wird. Insgesamt erweckt die Partitur den Eindruck monotoner Strenge und übt auch deswegen eine beinahe hypnotische Wirkung aus. Dem Dirigenten Jonathan Stockhammer gelingt es, der scheinbar unendlichen Wiederholung durch Variation und eine unheimliche Spannung und Straffheit jede Form von Eintönigkeit zu nehmen, und das fand den begeisterten Zuspruch des Publikums. Das Libretto verstärkt diesen Eindruck der Vielfalt durch die abwechselnde Verwendung zum Teil hochpoetischer Texte in Aramäisch, Altägyptisch, Hebräisch und Deutsch mit dem der Entzauberung dienenden und doch rückwirkend sie verstärkenden Ausschnitt aus dem Reiseführer für gegenwärtige Besucher der historischen Stätten. Die Verwendung der Sprache der Juden stützt die allerdings recht vage Annahme, Echnaton habe den Grundstein für den Monotheismus derselben gelegt.

© Monika Rittershaus

Barrie Kosky wählt weder die szenische Üppigkeit eines Achim Freyer oder die der aus London importierten MET-Produktion, noch die Skurrilität eines David Freeman, sondern geht in seiner Inszenierung davon aus, dass ein Werk „fast ohne Narrative und ohne Psychologie“, das er definiert als „das ganze Stück ist wie ein Gebet“, als „monotheistische Passion“ keine individuelle Dramatik erfordert, sondern „Bilder voller Bewegung und Licht“ und vor allem ein Höchstmaß an Präzision. So bekundet in einem vorab gegebenen Interview und auf der Bühne (Klaus Grünberg) verwirklicht, die meistens so gut wie leer und wie die Kostüme in Schwarz oder Weiß gehalten ist, abgesehen von den üppigen barocken Gewänder in Gold, Rosa und Schwarz für Echnaton und die lichten Farben für die Kostüme von Nofretete (Klaus Bruns). Wesentliche Inszenierungselemente sind Lichteffekte, darunter der Einsatz von Stroboskop. Doppelt auf dem Besetzungszettel tauchen als Verantwortliche für die „Bewegungssequenzen“ und als Tänzer und Tänzerinnen die selben Namen auf, und sie sind es tatsächlich, die für den unverwechselbaren Charakter dieser Inszenierung sorgen, optisch das sind, was der einmal mehr unübertrefflich souveräne Chor für die akustische Seite ist, totalen Einsatz mit höchster Präzision verbindend und zum unverzichtbaren Mittelpunkt des Abends werdend. Das Artifizielle und die Ambiguität, die der Figur des Echnaton innewohnen, indem er einem Sopran anvertraut ist, während die junge Nofretete von Glass einem Alt, die Schwiegermutter einem Sopran zugedacht ist, wird noch durch die Kostümierung mit weiblicher Kleidung hervorgehoben. Die Stimme von John Holiday, der den Echnaton singt, ist besonders hell, so dass er als der männliche Part im Liebesduett mit dem Mezzosopran von Susan Zarrabi besonders verfremdend klingt und dem Stück einen zusätzlichen Reiz verleiht. Der Tenor Stefan Cifolelli bewährt sich als Hohepriester des Amun, während Peter Renz, seit vielen Jahren geschätzter Tenor am Haus, dem Chronisten einen gemütvollen Touch verleiht.

© Monika Rittershaus

Auch diesmal hat man wie in den letzten Jahren so oft den angenehmen Eindruck, dass an der Komischen Oper durchaus neue Wege des Inszenierens gesucht und gefunden werden, sich aus dem Stück heraus entwickeln, nicht aber ihm aufgepfropft werden.

Ingrid Wanja, 15. März 2025


Echnaton
Oper von Philip Glass

Komische Oper Berlin

Premiere am 15. März 2025

Inszenierung: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: Jonathan Stockhammer
Chor und Orchester der Komischen Oper