Kontrapunkt: „Wider die digitale Lichtverschmutzung in Zuschauersälen“ – ein Hilferuf

„Störend waren mehrere Zuschauer, die während der Vorstellung keinerlei Scheu davor hatten, mit hell leuchtenden Smartphone-Bildschirmen zu fotografieren. Besonders irritierend war eine Person in der ersten Reihe, fast direkt hinter dem Dirigenten, die schamlos ganze Arien und Duette auf Video aufzeichnete.“

Das schreibt der Kollege in seiner jüngsten Kritik zur Hamburger Tosca und benennt damit ein Ärgernis, das nach meinem Eindruck in den letzten Jahren zugenommen hat. Immer häufiger sieht man in Opernaufführungen und Konzerten Zuschauer, welche im abgedunkelten Saal die erleuchteten Displays ihrer mobilen Endgeräte schamlos nach oben recken, um unter Verstoß gegen das Urheberrecht private Videomitschnitte oder Schnappschüsse anzufertigen. Für die Erkenntnis, daß leuchtende Displays die übrigen Zuschauer massiv stören, sind sie zu selbstbezogen und zu ignorant. Leider wird nur in den seltensten Fällen das Hausrecht durchgesetzt. Lediglich in der Berliner Philharmonie beobachten die Platzanweiser mit Argusaugen den Zuschauerraum und unterbinden solches Verhalten innerhalb kürzester Zeit. Und leider üben sich die Sitznachbarn meist in falscher Zurückhaltung. Scheuen Sie sich nicht, hier einzuschreiten! Wer die Störer zurechtweist, erhält üblicherweise stumme oder gar ausdrückliche Zustimmung des übrigen Publikums.

Dabei ist dieses Mitfilmen nur die dreisteste Ausprägung der digitalen Ungezogenheiten. Wer in einem Opernhaus in einem der Ränge sitzt, sieht während der gesamten Vorstellung nahezu pausenlos Lichter im Parkett aufblitzen. Irgendwer schaut immer gerade („nur mal kurz!“) nach Whatsapp-Nachrichten, Fußballergebnissen, dem Wetter oder den Zugverspätungen. Mitunter bauen sich im Dunkel des Zuschauerraums regelrechte Lichtdome auf. Wenn in der Komischen Oper Berlin zu Beginn der Vorstellung in mehreren Sprachen darum gebeten wird „keine E-Mails oder SMSe zu versenden, nicht zu telefonieren, zu googeln oder zu posten“, dann ist das bitter nötig. Der Generation Z etwa fiele diese digitale Enthaltsamkeit während einer Aufführung von alleine genauso wenig ein wie dem Geschäftsmann älteren Semesters, der seine eigene Bedeutung in der pausenlosen Erreichbarkeit gespiegelt sieht. Und es finden sich immer noch genügend Asoziale, die trotz all der Durchsagen und Einblendungen munter mit ihren Smartphones weiterkommunizieren, um so ihre Geringschätzung gegenüber den künstlerischen Darbietungen zu demonstrieren. Wer es nicht aushält, auch nur einen Akt lang von der Nachrichtenlage der Welt, des Sportvereins oder des Freundeskreises abzulassen oder für die Dauer eines Konzerts darauf zu verzichten, alles, was einem gerade durch die Birne rauscht, in Echtzeit über soziale Netzwerke zu verbreiten, sollte sich das Geld für eine Karte sparen, statt den Umsitzenden den Abend zu ruinieren!

Die Digital-Proleten befinden sich dabei in bester Gesellschaft mit oft älteren Teilen des Publikums, die ebenfalls geflissentlich die standardmäßige Aufforderung des Veranstalters ignorieren, ihr Smartphone auszuschalten, und deren Enkel es offenbar bislang nicht vermocht haben, ihnen zu zeigen, wie man die Dinger stumm bekommt. Also piept, summt und tiriliert es immer wieder während der Vorstellung, gerne in Piano-Stellen oder Generalpausen hinein.

Zu einer wahren Pest geworden sind auch die Smartwatches, die während der Vorstellung jede eingehende Nachricht und jede Mitteilung der abonnierten Newsletter freudig auf dem Uhrendisplay hell leuchtend anzeigen. Natürlich könnte man das abschalten. Theoretisch. Wenn man sich gemerkt oder überhaupt je nachgeschaut hätte, wie es geht. Und man daran vor Beginn der Vorstellung gedacht hätte (während man über die Durchsage mit der Aufforderung zum Abschalten der Smartphones müde gelächelt hat).

Was also hilft? Ein Einsammeln mobiler Endgeräte vor Vorstellungsbeginn, wie dies etliche Schulen inzwischen vor Unterrichtsbeginn machen? Störsender? Hausverbote für überführte Digitalproleten? Die partielle Einführung der Prügelstrafe für unbotmäßige Opernbesucher? (Um einem Shit-Storm vorzubeugen: Letzteres war ironisch gemeint. Obwohl mir erst kürzlich während einer Carmen-Aufführung der Gedanke erwägenswert erschien …).

Man kann nur an Veranstalter und Publikum appellieren, die unangebracht vornehme Zurückhaltung und falsch verstandene Toleranz gegenüber den Störern aufzugeben. Denn ungebremste Störer finden rasch Nachahmer („wenn man es dem da durchgehen läßt, dann kann es nicht so schlimm sein …“). Der Kampf gegen die digital erzeugte Lichtverschmutzung in Opern- und Konzerthäusern ist bitter nötig.

Michael Demel, 4. Januar 2026