Wien: „Cachafaz“, Oscar Strasnoy

Das achte Werk für Musiktheater des argentinisch-französischen Komponisten Oscar Strasnoy basiert auf der gleichnamigen Tragödie des aus Buenos Aires stammenden und in Paris gestorbenen Comiczeichners, Autors und Schauspielers Raúl Damonte Botana aka Copi (1939-87), in dessen Welt Gewalt und Tod selbstverständliche theatralische Konstanten sind und Schwule, Transsexuelle und Transvestiten mit  ihren geheimen Wünschen und Sehnsüchten auftreten… Die Oper erzählt die Geschichte des Diebes und Betrügers Cachafaz (dt. frech), der gemeinsam mit seinem Partner, dem Transvestiten Raulito, in einer heruntergekommenen Pension lebt.

 © Werner Kmetitsch

Ein Polizist beschuldigt Cachafaz eine Wurst gestohlen zu haben und wird von ihm ermordet. Eine Kugel seiner Pistole aber steckt in Cachafaz‘ Kopf und wird von Raulito hingebungsvoll entfernt. Die empörten Nachbarn können durch die Redekunst von Cachafaz davon überzeugt werden, dass das gut zubereitete Fleisch des toten Polizisten die Hungersnot aller lindern könnte. Und so verkaufen die beiden immer wieder das Fleisch toter Polizisten und anderer Personen bis Cachafaz auch Raulitos Onkel getötet hat, der ihnen in seiner Stellung als Kommissar bislang Schutz gewährt hatte. Die Handlung driftet ins Surreale, die Leichenteile erwachen und die Seelen der Untoten suchen die beiden Schuldigen heim. Cachafaz wird von der Nachbarschaft gezwungen, Reue zu zeigen, aber er gibt dem Himmel Schuld an den widrigen Umständen. Ein mysteriöser Fluch besiegelt schließlich das Schicksal der beiden Außenseiter und sie sterben. Das Erstlingswerk von Nicky Silver (1960*) „Fette Männer im Rock“ (1989) konfrontierte das Publikum im Akademietheater 1997 mit dem Thema Kannibalismus. Es spielten damals Cornelia Froboess und Nicholas Ofczarek. Aber schon in Shakespeares blutrünstigster Tragödie, „Titus Andronicus“, wird Menschenfleisch zum Bankett serviert. Das Thema ist also von daher nicht neu. Die Bühne von Monika Biegler zeigt im Zentrum eine schwarze hügelige Fläche mit zwei staubigen Sitzgelegenheiten, zu denen man über einen Steg, der zu einer Türe im Hintergrund führt, gelangen kann. Die Beziehung der beiden Outcasts Cachafaz und Raulito schwankt zwischen Gewalt und sehnsuchtsvoller Erinnerung an bessere Zeiten. Die Brutalität dieser homoerotischen Scheinidylle bettet Oscar Strasnoy in die raffinierte Tanzrhythmik des argentinischen Tangos, die sich als musikalischer “Schluckauf“ darstellt.

© Werner Kmetitsch

Das von Walter Kobéra umsichtig geleitete amadeus ensemble-wien, bestehend aus Violine, Kontrabass, Klarinette, Bassklarinette, Trompete, Posaune, Gitarre, Keyboard, Hammond-Orgel und Schlagwerk, bringt diesen spannenden Jazz lastigen Klangkosmos kongenial zur Geltung. Und zur großen Freude des Premierenpublikums durften auch eklektizistische Zitate aus der Opernliteratur, wie die Ouvertüre aus Verdis La forza del destino und Leporellos Registerarie aus Don Giovanni, mit hohem Wiedererkennungswert, nicht fehlen. Dem von Bernhard Jaretz geleiteten 16-köpfigen Wiener Kammerchor kommt in dieser Oper, ähnlich der altgriechischen Tragödie, eine betrachtende, kommentierende und warnende Funktion sowohl als Nachbarn als auch Seelen der Toten zu. Bariton Andreas Jankowitsch unterlegte seinen kräftigen Bariton der fiesen Rolle des Betrügers und Mörders Cachafaz. An seiner Seite gefiel der mitfühlende androgyne Raulito von Felix Heuser mit stupendem Tenor, der in den höchsten Registern durch eine Trompete verdoppelt wurde. Jakob Loibl ergänzte mit erdigem Bass als Polizist. Regisseur Benedikt Arnold führte den Chor geschickt durch das Bühnengeschehen. In rasendem Tempo erwachen Ermordete und Fleischteile ausgeweideter Polizisten werden wieder lebendig.

© Werner Kmetitsch

Wie der Tanz auf dem sprichwörtlichen Vulkan steuert alles dem Untergang zu. Die Entmenschlichung erinnert ein wenig an die post-apokalyptischen Endzeitverhältnisse der Mad Max-Filme mit Mel Gibson (1979-85), hier allerdings durch rosarote Stoffskulpturen verharmlost als matter Abglanz des von Antonin Artaud aufgestellten Postulats eines Theaters der Grausamkeit. Norbert Chmel sorgte wie gewohnt für eine abwechslungsreiche und spannende, das Bühnengeschehen verstärkende, Lichtregie. Das Publikum bedankte alle Mitwirkenden mit langanhaltendem Applaus und der anwesende Komponist mit sehr guten Deutschkenntnissen nahm einen Teil der Dankesovationen des von den Sitzen aufgestandenen Zusehern dankbar auf der Bühne in Empfang. Das Erlebte macht Lust, mehr Werke dieses hierzulande bislang sträflich vernachlässigten Komponisten kennen zu lernen, schließlich listet Wikipedia bereits 14 musikdramatische Werke von Oscar Strasnoy auf.

Harald Lacina, 17. März 2025


Cachafaz
Oscar Strasnoy

Neue Oper Wien / Jugendstiltheater

15. März 2025
Österreichische Erstaufführung

Regie: Benedikt Arnold
Musikalische Leitung: Walter Kobéra
amadeus ensemble-wien
Wiener Kammerchor