Die Tickets für alle Vorstellungen im Staatenhaus 1 der Kölner Oper sind restlos ausverkauft. Die Spielgemeinschaft des Kölner Männer-Gesang-Vereins Cäcilia Wolkenburg, genannt „Zillche“, hat einen Ruf wie Donnerhall und füllt mit dem Chor-Musical „E Levve för Kölle“ in kölscher Sprache 28-mal das Staatenhaus 1, Ersatzspielstätte der Kölner Oper. Die Besucher sind zum großen Teil kostümiert, und die rund 100 Darsteller mischen sich mit ihren historischen Kostümen vor der Vorstellung und in den Pausen unter die Besucher. Es sind tatsächlich ausschließlich Männer, die vom 18. Januar bis Karnevalsdienstag, den 17. Februar 2026 täglich, bis auf montags, ihre Hommage an Konrad Adenauer mit Musik aus Oper, Ballett, Schlager und Karnevalshits singen und tanzen.

Diesmal huldigt die Spielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg unter dem Titel „E Levve för Kölle“ dem Oberbürgermeister von Köln von 1917 bis 1933 und ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963, Konrad Adenauer, dessen 150. Geburtstag am 5. Januar 2026 gefeiert wurde. Er starb hoch geehrt am 19. April 1967 und wird von Jürgen Nimptsch als Engel dargestellt, der mit acht Szenen mit Rückblicken auf seine Zeit als Kölner Oberbürgermeister sein Leben kommentiert und im Himmel seinen 150. Geburtstag feiert.
Das vom Trierer Intendaten Lajos Wenzel inszenierte Chor-Musical war binnen fünf Stunden nach Beginn des Vorverkaufs restlos ausverkauft, ein Zeichen dafür, dass die Kölner ihr Divertissementchen lieben und ihren Oberbürgermeister, der 1917 vom Rat der Stadt Köln gewählt wurde, nicht vergessen haben. In seiner Zeit als Oberbürgermeister erreichte der promovierte Volljurist und Staatsrechtler Konrad Adenauer, der mit 41 Jahren als jüngster preußischer Oberbürgermeister sein Amt antrat, den Bau von Wahrzeichen wie zwei Rheinbrücken, die Anlage des Grüngürtels mit der Sporthochschule und dem Stadion des FC Köln, die Wieder-Eröffnung der Kölner Universität, den Bau der Messehallen und deren Eröffnung 1925 mit einer Jahrtausend-Ausstellung, die Ansiedlung des WERAG, Vorläufer des Westdeutschen Rundfunks mit Eröffnung des Funkhauses am Wallrafplatz 1927 und die Ansiedlung von Ford Köln mit der Grundsteinlegung in Köln-Niehl 1930. Zu dem Thema stellten die Ford-Werke ein dort gefertigtes Original Ford A-Modell von 1933 zur Verfügung, vor dem das Automonteur-Ballett Kasatschok tanzte. 1933 wurde Adenauer von den Nationalsozialisten abgesetzt und zog sich in sein Haus in Rhöndorf bei Bonn zurück. 1945 wurde er von der britischen Besatzung wieder als Oberbürgermeister in sein Amt eingesetzt, denn er war unbelastet und verstand was von Kommunalpolitik. Am 15. September 1949 wurde er mit 73 Jahren zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt, der die junge deutsche Demokratie mit seinem trockenen Humor und seinem Charisma nachhaltig prägte und mit zahlreichen von ihm ausgehandelten Verträgen wie dem Élysée-Vertrag, den er mit dem französischen Premierminister Charles de Gaulle abschloss, die Grundlage der deutsch-französischen Freundschaft und letzten Endes auch der europäischen Union legte. Sein Credo war, er habe die Politik in der Kommunalpolitik gelernt.
Den Text des großen, bunten Musicals mit Orchester, Rock-Band, Solisten, Chor und Männerballett, das grundsätzlich in kölscher Sprache aufgeführt wird, verfasste der ehemalige Baas (Spielleiter) der Cäcilia Wolkenburg, Jürgen Nimptsch, der auch den Adenauer im Himmel spielt. Er ist seit 25 Jahren prägendes Mitglied des Kölner Männer-Gesang-Vereins und vielen bekannt als Bonner Oberbürgermeister von 2009 bis 2015. Das Libretto, das er verfasste, zeigt mit vielen authentischen witzigen Zitaten den mit 41 Jahren jüngsten preußischen Oberbürgermeister als pragmatischen, geschickten, manchmal auch schlitzohrigen Machtpolitiker, der mit kühnen Konzepten vorausschauende Entscheidungen zum Wohl der Stadt Köln bewirkt hat, die heute noch beeindrucken. Dirk Pütz spielt diesen jungen Politiker, der sich gegen etliche Vorurteile, zum Beispiel dem, er sei ein Emporkömmling, denn sein Großvater war nur ein Bäckermeister, sein Vater ein kleiner Beamter, durchsetzt. Exemplarisch wird Adenauers „Umarmung“ der Kommunisten und Integration der „Schäl Sick“ durch den Bau der Deutzer und der Mülheimer Brücke gezeigt. Die Rede des Reichskanzlers Luther anlässlich der 1.000-Jahr-Feier der Zugehörigkeit Kölns zu Preußen, in den von Adenauer eröffneten, Messe-und Ausstellungshallen, in der er die Kölner als „großartige Bauherren“ lobt, erntete lebhaftes Gelächter und Applaus, ein Seitenhieb auf die Querelen anlässlich der seit 2012 andauernden Renovierung der Kölner Oper am Offenbachplatz. Adenauers Erläuterung des Computerprogramms „WIBOF – wie baue ich eine Oper fertig“ erntete großes Gelächter.

Daneben steht die zweite Ebene, nämlich Engel Adenauers Kanzlerbüro im Himmel, das ihm von seinem Nachfolger Ludwig Erhard streitig gemacht wird. Im Himmel sind beide Ehefrauen Adenauers und seine sieben Kinder vertreten, und eine bunte Schar von Personen der Zeitgeschichte wie Nikita Chruschtschow, Charles de Gaulle, Queen Elizabeth und Prinz Philipp, Rudolf Augstein und Willy Brandt, die Adenauer im Himmel zum 150. Geburtstag gratulieren. Die Geburtstagsfeierlichkeiten gipfeln in einem prunkvollen Finale mit großem Schlusschor „Hä es ne kölsche Jung“, der im Karnevalshit „Halleluja“ mit dem Wolkenschieber-Ballett endet. Die Verewigung seines Anspruchs auf ein Kanzler-Büro im Himmel sichert ihm letzten Endes die Fürsprache der heiligen drei Könige, die ihr Gewicht als Weise aus dem Morgenland in die Waagschale werfen, mit dem Argument, ihre Gebeine seien auch für ewig im Kölner Dom bestattet.
Politisch ist es ein Bekenntnis zur Politik durch Verträge, wie den Élysée-Vertrag über die deutsch-französische Freundschaft, die die Menschen mit Leben gefüllt haben. Einen Seitenhieb gab es gegen das „Bodenpersonal“ der christlichen Kirchen, die die Ehe des verwitweten katholischen Konrad Adenauer mit der evangelischen Gussie Zinsser missbilligten. Im Himmel wird Adenauer als Mensch gezeigt, der mit zwei Ehefrauen und sieben Kindern auch Patriarch einer großen Familie war. Er bekannte, er habe als Ehemann und Vater seiner Familie einiges zugemutet.
Die rund 100 mitwirkenden Sänger und Tänzer sind alle Mitglieder des traditionsreichen Kölner Männer-Gesang-Vereins, die seit mehr als 150 Jahren in der Karnevalszeit ihre Chor-Musicals aufführen. Die Bergischen Sinfoniker – unter dem musikalischen Leiter des Abends Philip van Buren – und die Pop-Band Westwood Slickers spielen elektronisch verstärkt hinter der Bühne. Arrangeur Thomas Guthoff hat die Musik passend zur Szene mit Zitaten aus Opern und Balletten, aber auch mit Karnevalsschlagern und Evergreens wie einem Ostermann-Medley als Zitate angerissen und mit kölschen Texten neu unterlegt. Der Song: „Europa ist uns eine Zier“ mit dem Refrain: „Vertrag Élysée“ besang den zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle Vertrag, der die Erbfeindschaft beendete und die deutsch-französische Freundschaft, mittlerweile selbstverständlich, begründete. Durch den nahtlosen Übergang von Oper in Pop-Musik und Karnevalshits entsteht eine musikalisch anspruchsvolle Mischung aus Musical, Kabarett und Tanzrevue. Es gibt Übertitel, bei denen die kölschenen Liedtexte zum Mitsingen eingeblendet werden, und dezente Headsets, die Gesang und Sprache verstärken.
Es ist ein Musical mit 26 Couplets und Ensembles und sechs Ballett-Szenen, bei denen das 15-köpfige Männer-Ballett diesmal in Tennis-Kleidung, als Gartenzwerge, in Arztkitteln, als Flieger-Ballett und als Montagearbeiter bei Ford eher unspektakuläre Kostüme trug, aber tänzerisch mit einer Hebefigur und einem Kasatschok glänzte. Die beeindruckenden Choreografien schufen Katrin Bachmann und Jens Hermes. Beeindruckend auch die Maske von Beatrix Abt, Binca Kurth und Johanna Nagel, die die Darsteller der Frauen mit angeklebten Wimpern und typgerechten Perücken sehr attraktiv aussehen lässt. Ich habe den Eindruck, dass sich die Truppe deutlich verjüngt hat, denn 28 dreistündige Vorstellungen in einem Monat hält man nur mit guter Kondition aus. Jedenfalls gibt es anscheinend keine Nachwuchssorgen, wie das verjüngte und vergrößerte Ballett zeigt.
Die authentischsten Typen sind Baas (Vorsitzender) Simon Wendring als Assistenz-Engel Jona, Jürgen Nimptsch als Engel Konrad Adenauer, der mit grau gefärbten Haaren die Körpersprache und den rheinischen Tonfall des alten Konrad Adenauer perfekt traf, Dirk Pütz als junger Konrad Adenauer, Rainer Wittig als Gussi Adenauer, geborene Zinsser, seine zweite Ehefrau, Manuel Anastasi, als Assistenz-Engel Luca, Joachim Sommerfeld als Rudolf Augstein, Herausgeber des „Spiegel“ und Stefan F. Robert als Staatspräsident General de Gaulle. Markus Weber als Willy Millowitsch singt „Ich bin ene kölsche Jung“, und deutet damit die Verbundenheit des Millowitsch-Theaters mit der Familie Adenauer an, deren Mundart-Stücke Adenauer in seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister stets gefördert hat. Gerd-Kurt Schwieren, Präsident des Kölner Männer Gesangvereins spielt sich selbst bei den Festlichkeiten zum 150. Geburtstag Adenauers.

Sehr überlegt war das neue Bühnenbild von Tom Grasshof, da? die beiden Spielebenen, einerseits verschiedene Spielorte im alten Köln in schwarz-weiß-Ästhetik, andererseits mit zwei zusammenschiebbaren Teilen davor den schicken cremeweiß gehaltenen Himmel, in eleganten Übergängen ohne Umbaupausen zeigte. Die gut drei Stunden Aufführungsdauer einschließlich 20 Minuten Pause vergingen wie im Fluge, und man hat sich über die witzigen Seitenhiebe auf vergangene, aber auch aktuelle Zustände und die schmissige Musik mit Ballett gefreut.
Das nächste Projekt wird „Wat e Thiater“ und soll, so Gott will, 2027 im renovierten Opernhaus am Offenbachplatz stattfinden. Der Vorverkauf beginnt am 12. Oktober 2026.
Der Kölner Männer-Gesang-Verein, bei dem alle Darsteller ehrenamtlich auftreten, ist mit dieser Produktion ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen, das als Gastspiel bei der Oper Köln geführt wird. Die Pflege der kölschenen Sprache, die Begeisterung für den Gesang und die Verkleidung im Divertissementchen sowie groß besetzte Konzerte in der Kölner Philharmonie, sind das, was den Kölner Männer-Gesang-Verein ausmacht. Diese Freude am Gesang und an der Verkleidung teilt sich dem Publikum ungebrochen mit.
„E Levve für Kölle“ wird vom WDR 3 aufgezeichnet und am Karnevalssamstag, dem 14.2.2026 um 10.45 Uhr im WDR-Fernsehen in einer Kurzfassung von 90 Minuten gesendet. Das Chormusical ist dann danach 12 Monate lang in der ARD Mediathek verfügbar.
Ursula Hartlapp-Lindemeyer, 23. Januar 2026
E Levve för Kölle
Spielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg
Staatenhaus Köln
Gesehene Vorstellung: Vorpremiere am 17. Januar 2026
Inszenierung: Lajos Wenzel
Dirigat: Philip van Buren
Bergische Sinfoniker und Westwood Slickers