Gerade einmal zehn Jahre ist die nicht schlechte, aber letztlich etwas belanglose Inszenierung von Mozarts Figaro an der Kölner Oper her. Nun eine Neuproduktion, die weniger mit bahnbrechender Sichtweise auf das Stück, aber mit einer akkuraten Personenführung, feiner Psychologisierung und rasantem Spielwitz zu überzeugen vermag. Regisseurin Katharina Thoma interessiert sich weniger für die gesellschaftliche Brisanz der Vorlage dafür um so mehr für die emotionalen Verwerfungen ihrer Figuren. Sie legt den Fokus konsequent auf die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb des turbulenten Intrigenspiels, das Wolfgang Amadeus Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte so präzise gezeichnet haben. Dabei entsteht ein Abend, der vor allem psychologisch überzeugen will – auch wenn dadurch die politische Dimension des Stücks, die den Konflikt zwischen Dienerschaft und Adel im Vorfeld der Französischen Revolution spürbar machen könnte, deutlich in den Hintergrund tritt.

Das szenische Konzept setzt auf eine Zeitreise: Die Handlung beginnt im Jahr 2026 in einem Schloss, das als Museum betrieben wird. Besucher durchstreifen die Räume, während Museumsangestellte allmählich in die Rollen der Opernfiguren schlüpfen. In den folgenden Akten bewegt sich die Inszenierung Schritt für Schritt rückwärts durch die Geschichte – über die Zwischenkriegszeit bis zurück ins Jahr 1786, in dem die Oper uraufgeführt wurde. Das ist charmant und dieser Ansatz geht auch auf, gleichwohl er keine komplett neue Sichtweise auf das Stück aufweist. Wenn am Ende alle Protagonisten griechischen Statuen gleich im Garten des Schlosses aufhalten, wird einmal mehr die dem Stück innewohnende Zeitlosigkeit deutlich. Manch anderer mag sich aufgrund der immergleichen Personen im Schloss zu unterschiedlichen historischen Zeiten vielleicht auch ein wenig an die Netflix-Serie Ghosts erinnert fühlen.
Johannes Leiacker entwickelt für dieses Konzept einen zweckdienlichen Raum, der durch die raffinierten Videos von Georg Lendorff erstaunlich wandlungsfähig wird und das Publikum mit auf die beschriebene Zeitreise nimmt. Wichtiger Bestandteil des Konzepts ist das sich den Zeiten entsprechend wandelnde aufwändige Kostümbild von Irina Bartels – das Kleid der Gräfin im dritten Akt ließ ein vernehmbares Raunen durch den Saal gehen.
Musikalisch hingegen lässt der Abend nur wenig Wünsche offen. Am Pult des Gürzenich-Orchesters sorgt Andrés Orozco-Estrada für ein lebendiges, transparentes Klangbild. Die Tempi sind flott, gelegentlich ein bisschen sehr flott, und die dynamischen Abstufungen werden sorgfältig ausgearbeitet. Dieser Mozartklang sucht weniger die stark akzentuierten und manchmal etwas groben Klänge einer historisch informierten Aufführungspraxis, es ist ein milder, ein weicher Mozart. Eindrucksvoll ist auch die lebendige Gestaltung des Continuo durch Theresa Reinelt.
In der Titelpartie überzeugt Adolfo Corrado mit einem kraftvollen, zugleich beweglichen Bassbariton. Als Susanna erweist sich Emily Hindrichs, bei der man wahrlich nicht von einer Zweit-, besser vielleicht von einer Alternativbesetzung sprechen möchte, als ideale Partnerin: Ihr Sopran verbindet Leichtigkeit dramatischem Gehalt und verleiht besonders den lyrischen Passagen große Eleganz.

Mit großer Spielfreude und einer wunderbaren Stimme ist die junge Mezzosopranistin Anita Montserrat als Cherubino zu erleben. Mit Wolfgang Stefan Schwaiger ist der Graf in dieser Aufführung erstaunlich jung besetzt. Der Sänger verfügt sicherlich über eine sehr schöne Stimme, singt einen sehr schlanken und kultivierten Mozart, was aber letztlich in der Rolle fehlt, ist ein bisschen mehr Reife in der Stimme. Man nimmt Schwaiger die dunkle Seite des Grafen nicht so recht ab, zu freundlich, zu leicht ist die Anlage. Ihm zur Seite steht Selene Zanetti als Gräfin, die die Wechselbäder der Gefühle ihrer Figur zwischen Wut und Melancholie, zwischen Trotz und Liebe fein zu nuancieren weiß. Auch die weiteren Rollen fügen sich in eine insgesamt hervorragende Ensembleleistung ein.
So bleibt am Ende der Eindruck einer musikalisch starken Produktion, die sich mit großer Sorgfalt den menschlichen Beziehungen der Figuren widmet. Wer in Mozarts Figaro vor allem ein fein gezeichnetes Kammerspiel über Liebe, Eifersucht und Intrigen sucht, wird hier fündig. Das Publikum im ausverkauften Staatenhaus fühlte sich an diesem Abend hervorragend unterhalten.
Es sei an dieser Stelle noch auf die wechselnden Besetzungen hingewiesen, die tagesaktuell der Homepage der Oper entnommen werden können.
Sebastian Jacobs, 6. März 2026
Wolfgang Amadeus Mozart
Le nozze di Figaro (2. Besprechung)
Premiere: 1. März 2026
Besuchte Vorstellung: 4. März 2026
Inszenierung: Katharina Thoma
Musikalische Leitung: Andres Orozco Estrada
Gürzenich Orchester Köln