Lüttich: „Pique Dame“, Peter Tschaikowsky

Lieber Opernfreund-Freund,

Tschaikowskys Pique Dame hat sich in den vergangenen Jahren ihren Platz auf den europäischen Spielplänen zurückerobert. Im belgischen Lüttich hatte sie gestern unter der Regie von Marie Lambert-Le Bihan ihre umjubelte Premiere vor voll besetztem Haus.

© J. Berger – ORW Liège

Pikovaïa dama ist nach Eugen Onegin und Mazeppa die dritte und letzte von Tschaikowskys Opern, die auf einer Vorlage von Alexander Puschkin basiert. Sie erzählt die Geschichte des Soldaten Hermann, der sich in die adelige Liza verliebt. Die jedoch ist dem Fürsten Yeletsky versprochen. Deshalb sieht Hermann in Lizas Großmutter die letzte Hoffnung, im Spiel viel Geld zu gewinnen und so mit Liza fliehen zu können. Die betagte Gräfin soll drei Karten kennen, die beim Pharo-Spiel gewinnen. Beim Versuch, die Karten zu erfahren, erschrickt Hermann die Gräfin wortwörtlich zu Tode. Als Liza erkennt, dass ihr Geliebter den Tod der Großmutter verursacht hat und wahnsinnig geworden ist, geht sie ins Wasser. Hermann setzt im Casino auf die drei Karten, die ihm der Geist der Gräfin verraten hat: Drei, Sieben und As – nur sein Rivale Yeletsky hält dagegen. Als die ersten beiden Voraussagen eintreten, wähnt sich Hermann siegessicher – doch dann zeigt sich als dritte Karte die Pique Dame und Hermann nimmt sich, da er nun alles verloren hat, das Leben.

© J. Berger – ORW Liège

Marie Lambert-Le Bihan erzählt die Geschichte als üppig-spektakuläre Ausstattungsoper. Die herrlich-überspitzen Kostüme der Zeit, für die die Bühnenbildnerin Cécile Trémolières ebenfalls verantwortlich zeichnet, schaffen ebenso viel Atmosphäre wie das ausgeklügelte Licht von Fiammetta Baldiserri. Zu Beginn ist auf der Bühne ein Aufbau zu sehen, der an einen Kokon erinnert und sich als Lisas Zimmer herausstellt. Denn Lambert-Le Bihan zeigt Lisa als wohlbehütetes Mädchen, das in einer Kunstwelt lebt, umgeben von Puppen, und gewissermaßen ohne Vorwarnung in der Realität ankommt. Die Zerstörung ihres idealisierten Lebensbilds kann sie nicht ertragen und deshalb nur den Freitod wählen. Diese Entwicklung lässt Lambert-Le Bihan in einer Art überdimensionalen Wabe stattfinden, in der aus dem unschuldigen Ding eine desillusionierte junge Frau wird. So eindrucksvoll die Effekte im zweiten und dritten Akt geraten, so sehr beherrscht leider szenische Ödnis das letzte Bild, als seien dem Regieteam irgendwie dann doch die Ideen ausgegangen. Kulissenlos und in Herumgestehe verharrend statt in der zuvor gezeigten inspirierten Personenführung endet das Werk recht unspektakulär.

© J. Berger – ORW Liège

Musikalisch hingegen muss man keine Abstriche machen am gestrigen Abend, der vor Rollen- und Hausdebüts nur so strotzt. Allen voran ist da Olga Maslova zu nennen. Die junge russische Sopranistin bereist als Turandot die Bühnen Europas, interpretiert die eiskalte Prinzessin bereits u.a. in Verona, Macerata und Torre del Lago, zuletzt in Düsseldorf und ab Mai in Köln und findet in ihrem Rollendebüt als Liza zu einer gelungenen Gratwanderung zwischen vokaler Power und emotionaler Tiefe. Mit durchdringendem Sopran macht sie die inneren Nöte ihrer Figur erlebbar und zeigt so ein vollendetes Rollenporträt. Arsen Soghomonyan braucht ein paar Minuten, um das Volumen seines klangschönen Tenors zu entfalten, bevor er ab seinem zweiten Auftritt mit voller vokaler Kraft und gefühlvollen Zwischentönen als Hermann überzeugt. Sein Gegenspieler Yeletsky wird vom erst 29jährigenn Nikolai Zemlianskikh mit imposant-mächtigem und doch emotionsgeladenen Bassbariton gestaltet. Erfrischend ist, dass man die Gräfin mit der jungen Olesya Petrova besetzt hat. Wie schön, die bewegende Erinnerungsszene einmal sauber ausgesungen mit schwebenden Piani zu erleben – so sehr ich sonst auch charismatische Interpretationen dieser Rolle durch alternde Operndiven schätze.

© J. Berger – ORW Liège

Aus dem Reigen der durch die Bank toll besetzten übrigen Solisten will ich die Interpreten der Pastorale hervorheben. Glücklicherweise ist diese Szene nicht, wie sonst so oft, gestrichen, sondern vielmehr durch die herrliche Choreografie von Danilo Rubeca untermalt, so dass Aurore Daubrun als Schäfer Milovzor mit weichem Mezzo, Elena Galitskaya als quirlige Prilepa und Alexey Bogdanchikov als Zlogator reüssieren können. Letztgenannter ist zudem eine Idealbesetzung für Graf Tomsky, den er mit scheinbar endlosem Atem und viel Ausdruck gestaltet.

Der von Denis Segond betreute Chor läuft am gestrigen Abend zu Höchstform auf und auch der Kinderchor unter der Leitung von Véronique Tollet liefert auf ganzer Linie ab, während Giampaolo Bisanti im Graben unter Beweis stellt, dass er mit den Musikerinnen und Musikern des Orchestre d’Opera Royal de Wallonie-Liège auch die russische Seele von Tschaikowskys herrlicher, von zahlreichen Folklorismen durchzogener Partitur exzellent entfalten kann.

Ihr
Jochen Rüth

28. Februar 2026


Pikovaïa dama (Pique Dame)
Oper von Piotr I. Tschaikowsky

Opera Royal de Wallonie-Liège

Premiere: 27. Februar 2026

Regie: Marie Lambert-Le Bihan
Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti
Orchestre d’Opera Royal de Wallonie-Liège

weitere Vorstellungen: 1., 3., 5. und 7. März 2026