So aufwendig inszeniert und fulminant musiziert machen Barockopern Spass und bereiten Freude, enorme Freude. Die Premiere von Händels GIULIO CESARE IN EGITTO am Opernhaus Zürich wurde zu einem überwältigenden, rauschenden Erfolg für alle Beteiligten und versetzt Zürich hoffentlich ins Barockfieber – Gelegenheit für solch fiebrige Erlebnisse wird es im März zuhauf geben, startet doch bald das Festival ZÜRICH BAROCK, in dessen Rahmen dann u.v.a. weitere Aufführungen von GIULIO CESARE folgen werden.

Regisseur Davide Livermore lässt den Mythos der Begegnung zwischen Julius Cäsar und der ägyptischen Thronaspirantin Cleopatra auf einem Nildampfer der 1920/30er Jahre spielen, so ganz im Stil von John Guillermins Agatha Christie-Verfilmung DEATH ON THE NILE. Das ist bombastisch inszeniert, ohne ab und an das ironische Augenzwinkern zu vergessen. Von der genau beobachteten Einschiffung der Passagiere, mit all den Minidramen, die sich dabei abspielen, bis zur aufregend inszenierten Choreografie des Schlussapplauses, bei der man beinahe in Musical-Stimmung gerät, zeugt diese Arbeit von einer klug durchdachten, mitreißenden und hochspannenden Lesart. Dabei kommen weder einige die ägyptischen Plagen (Wasser wird zu Blut, Hagel und Sturm, Ju88 Bomber anstelle von Heuschrecken) zu kurz, noch wird die kriminalistische Erzählung vernachlässigt. Ein stummer Chronist/Regisseur (wie damals Peter Ustinov als Hercule Poirot) notiert sich die Aufführung hindurch die berühmten Zitate Cäsars („Cesare venne, vide e vinse“), fotografiert und filmt und stellt das Ergebnis seiner detektivischen Chronik während des Schlussapplauses den Passagieren und uns im Publikum als witzig überdrehten Schwarzweiß-Stummfilm vor. Fabelhafte Unterstützung erhielt Livermore durch die von Giò Forma entworfene Konstruktion des Schiffsdecks mit Kommandobrücke, Salon und Festsaal, den Hintergrundkulissen mit all den Sehenswürdigkeiten Ägyptens und postapokalyptischen Landschaften mit gestrandetem Dampfer im Wüstensand, den fantastischen Kostümen von Mariana Fracasso (inklusive Anspielungen auf Kostüme im Film CLEOPATRA von Mankiewicz, mit Liz Taylor), der grandiosen Lichtgestaltung von Antonio Castro und vor allem den packend eingesetzten, atmosphärisch einzigartigen Videos von D-Wok (Leiter dieser Compagnie ist Paolo Gep Cucco). Die dunkel dräuenden Wolken, die gefährlich wogenden Wellen, die Bomberangriffe, die Explosionen und das sich blutrot färbende Nilwasser verfehlten ihre Hollywood-Wirkung nicht.
Die Sänger lassen sich auf dieses Konzept mit einer umwerfenden Spielfreude ein, feuern gewaltige Koloratur-Salven ab, geben jedoch auch den Affekten von Wut, Trauer, Rache und ja, Liebe Raum zur Entfaltung. Dem Giulio Cesare des Countertenors Carlo Vistoli gehört der Lorbeerkranz der Aufführung: Ein begnadeter Darsteller, der den Kapitän und Showman Cäsar, der sich quasi inkognito unter die Passagiere der TOLOMEO mischt, mit unfassbarer vokaler Virtuosität gibt. Vistoli brilliert in seinen Arien mit allerschönster Tongebung, so z.B. in seinem umwerfenden Auftritt im von Lydia (Cleopatra) inszenierten Zauberhain. Hier wird der Showstar Cesare zu seiner Arie Se in fiorito ameno prato auf der Bühne begleitet vom zauberhaften Violinspiel der Konzertmeisterin Ada Pesch, die mit Fes und Frack stilecht gekleidet ist. Was die beiden da showmässig zusammen abliefern, wäre ESC-würdig. Vistoli begeistert mit seiner Darstellungskunst und Mimik auch in den Interaktionen mit den anderen Protagonisten, wie zum Beispiel im von heuchlerischer Diplomatie geprägten Aufeinandertreffen mit dem dauerbetrunkenen, intrigant-dümmlichen Tolomeo von Countertenor Max Emanuel Cencic, welcher der Rolle nichts an stimmlicher Wendigkeit schuldig bleibt. Auch dies eine Glanzleistung. Der dritte Countertenor des prominent besetzten Countertenor-Trios ist Kangim Justin Kim als von seiner Mutter und dem Geist und Schatten seines ermordeten Vaters zur Rache getriebener Jüngling Sesto. Kangmin Justin Kim verleiht diesem stürmischen Jungen faszinierendes Profil, lotet alle Empfindungen dieses durch die Ermordung Pompeos zum Halbwaisen gewordenen Jünglings aufs Schönste aus. Die Rolle seiner Mutter Cornelia wurde der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter anvertraut. Bei ihrem ersten Auftritt vermisst man noch dramatisch-stimmliche Kraft, ihre Trauer um Pompeo kommt etwas blutleer über die Rampe, wirkt fast buchstabiert. Doch dann kommt kurz vor Ende des ersten Aktes mit dem berückend schön gesungenen Duett mit ihrem Sohn Sesto Son nato/a a lagrimar/sospirar ein regelrechter Showstopper, in welchem sich die beiden Stimmen mit wunderbarer Zartheit umschlingen.Von diesem Moment an ist man tief berührt und gefesselt vom unermesslichen Leid Corneliasund hängt an Anne Sofie von Otters Lippen und ihrer weichen, subtilen Phrasierungskunst. Renato Dolcini ist der in Cornelia verliebte Achilla. Er gestaltet seine Arien und Szenen mit wunderbar agilem Bariton und macht als Einziger der Passagiere auf dem Dampfer eine Art Wandlung durch: Vom durchtriebenen Mörder an der Seite Tolomeos zum unglücklichen Verliebten.
Und dann ist da natürlich noch der Star der Aufführung: Cecilia Bartoli hat die Rolle der Cleopatra vor 21 Jahren in Zürich gesungen – und scheint nicht gealtert. Noch immer weiß sie zu kokettieren, zu flirten, zu rühren und ihre Gesangslinien aufs Virtuoseste zu kolorieren. Dies geschieht mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Intensität. Man muss ihre Manierismen im Sotto-Voce-Bereich mögen, doch wenn man sie mag, hat man große Freude und Vergnügen an der Kunstfertigkeit der bezaubernden Fiorituren und an der einnehmenden Ausnahmekünstlerin und verspürt enorme Dankbarkeit dafür, dass sie die Produktion nach Zürich gebracht hat (Cecilia Bartoli ist ja seit 2023 Intendantin der Opéra de Monte-Carlo, wo diese Produktion 2024 Premiere gefeiert hatte). In den Arien V’adoro pupille, Venere bella, oder den trauerumflorten Klagegesängen Se pietà di me non senti und Piangerò la sorte mia (meinen persönlichen Lieblingsarien der Oper) vermag Cecilia Bartoli die Herzen der Zuhörer zu berühren und löst Begeisterungsstürme aus.
In den beiden kleineren Partien von Nireno und Curio nehmen Karima El Demerdasch respektive Evan Gray für sich ein. Witzig geraten sind die Auftritte der Tänzer Sina Friedli, Valentina Rodenghi und Francesco Guglielmino. Wunderschön gestalten die SoprAlti und der Zusatzchor der Oper Zürich ihre kurzen, aber prägnanten Auftritte (Einstudierung: Alice Lapasin Zorzit). Entscheidend für den fulminanten Gesamteindruck der Produktion ist das mit wunderbarer Farbigkeit und Verve aufspielende Orchestra La Scintilla unter der Leitung von Gianluca Capuano der die Fäden perfekt zusammenhält, die Partitur dramatisch auf Affekte auslotet und unzählige spritzige Akzente zu setzen weiß. Man verliert über die drei Stunden Spieldauer keinen Moment lang die Konzentration, bleibt voll involviert in die Geschehnisse auf dem Dampfer TOLOMEO, der am Ende flugs seinen Namen auf CESARE ändert.
Hingehen und sich amüsieren und berühren lassen!
Kaspar Sannemann 13. März 2026
Giulio Cesare in Egitto
Georg Friedrich Händel
Opernhaus Zürich
11. März 2026
Regisseur: Davide Livermore
Dirigat: Gianluca Capuano
Orchestra La Scintilla