Pionteks Bayreuth: „Michael Wessel: Mozart der Humorist“

Erst kürzlich war am selben Ort Mozarts Sonate KV 281 zu hören. Ein Dresdner Klavierschüler spielte sie so, dass man merkte, dass es eines ist, die schnellen Sätze „technisch perfekt“ zu bringen und sie gleichzeitig klingeln zu lassen. Dies habe er, schrieb ich, mit vielen wesentlich erfahreneren Pianisten gemein; selbst weltberühmte Pianistinnen und Pianisten schaffen es nicht immer, den Mozart-Sonaten völlig verständliche Phrasen und einen schwer in Worte zu fassenden Sinn zu geben, der über die bloße Tonproduktion hinausgeht. Mozart ist, man weiß es, bei aller scheinbaren „Einfachheit“ und (angeblichen) Schülerhaftigkeit seiner Sonaten einer der schwierigsten Komponisten aller Zeiten. Dass „alles in den Noten stehe“, wie Carlos Kleiber einmal gesagt hat, ist an sich richtig – nur muss ein Musiker die Musik aus den Noten herausspielen.

© Michael Wessel

Michael Wessel ist so ein Musiker. Wer einen dicken Wälzer über die Kunst des Übens geschrieben hat, in dem das Üben ganzheitlich betrachtet wird, und der gleichzeitig über große Konzentrationsfähigkeit und das nötige makellose Handwerk verfügt, darf gern als „einer der intelligentesten Musiker, die mir je begegnet sind“ (O-Ton Paul Badura-Skoda) bezeichnet werden. Intelligenterweise aber äußert sich Wessels Theoriegebäude auch in seinen praktischen Interpretationen. Diesmal, in seinem fünften Mozart-Programm, das er, parallel zu einer neuen CD, in Steingraebers Kammermusiksaal vorstellt, widmet er sich Mozart, dem „Humoristen“, im Zentrum: die ersten drei der sechs Sonaten KV 279-284. Den Anfang aber macht Mozarts Opus 1, das kleine Menuett, ein denkbar „harmloses“ Stück, und siehe da: Schon dieser zauberhaften Petitesse entlockt Wessel einen humoristischen Ton, indem er das Trio eindunkelt, als wär’s eine Schumann‘sche Parodie auf einen Philistertanz. Schon die ersten Takte werden artikulatorisch durchgearbeitet, dem Programm „Alles sehr frisch“ angemessen, das Wessel in seiner kleinen Conference bei den Münchner Sonaten entdeckt. Mozart schrieb sie, nach der ersten, noch in Salzburg entstandenen Sonate, in der Münchner Faschingszeit; der Interpret reagiert auf die besondere Form bzw. Formlosigkeit der Sätze, indem er, wo es passt, der Heiterkeit vollen Nachdruck gibt: bis zur Burleske des Presto von KV 280. Er erläutert die motivischen Zusammenhänge zwischen den Sonaten („man muss sie aber nicht hören“), deren Grundmaterial im ersten Satz von KV 279 eingeführt worden ist. Man fühlt sich an Martin Gecks Satz „Harlequin komponiert“ erinnert, an seine Nicht-Klassizität, an seine überraschenden Sprünge, die von Wessel ausdrücklich betont werden. Von hier aus versteht sich auch, wieso Wessel in Mozart schon alles entdeckt, was gemeinhin Beethoven attestiert wird – Wessels Mozart, herausgespielt aus den Noten, ist mal ein wildes, sich um keine Konventionen scherendes, dann ein zutiefst melancholisches (das f-Moll-Adagio von KV 280) Subjekt. Bei Wessel klingelt Mozart nicht – er atmet. 2015 war hier einmal die Sonate KV 279 zu hören: als Beispiel einer bloßen Schule der Geläufigkeit. Nun hören wir einen Mozart, der weder romantisiert noch banalisiert wird, so dass sogar das D-Dur-Menuett und d-Moll-Trio KV 7/ 2 und 3 gelind poetisch klingt, weil die Interpretation durch die eingeschalteten Crescendi nur gewinnt. Schließlich KV 281: „Ebenso wenig angestrengt“, hieß es schon vor 25 Jahren, als Wessel das Werk im Markgräflichen Opernhaus spielte, „erklingt die B-Dur-Sonate KV 281, die Wessel im Tonfall hurtiger, trockener Heiterkeit und anmutiger Lyrik interpretiert“. Die Maskerade des Schluss-Rondos mit Moll-Teil wird ebenso wie das Andante amoroso als ein Stück „ureigensten Mozart“ (Alfred Einstein) gedeutet, also als thematisch unerschöpfliche Harlekinade – aber „ureigen“ ist er, wie Wessel gleichsam spielend beweist, bei allen Anklängen an Haydn et.al. schon immer gewesen.

Insofern muss auch das Encore, also das Klavierstück in C, besser bekannt als Modulierendes Präludium, nicht überraschen – obwohl es so überraschend ist, weil es mit einem Komponisten bekannt macht, der kurz nach der Komposition der bereits unkonventionellen Münchner Sonaten ein völlig unkonventionelles Stück schreiben konnte: vier Minuten, die ein bisschen wie Liszt klingen, eine erstaunliche athematische Improvisation, die wie aus der Mozart-Zeit gefallen scheint.

Es ist eben immer wieder besonders erhellend, ein Mozart-Konzert mit Michael Wessel zu besuchen.

Frank Piontek, 18. März 2026


Michael Wessel: Mozart der Humorist
Mozart: Menuette KV 1, 5-7
Sonaten KV 279-281

Steingraeber, Kammermusiksaal

17. März 2026