Pionteks Bayreuth: „Smooth Jazz Wagner“, Anna Hajduk-Rynkowicz, Maria Michoń

Wagner und Jazz, geht das? Und ob! 1964 gab Stan Kenton sein Wagner-Album heraus, ein Monument des Progessive Jazz. Im Wagner-Jubeljahr legte der Drummer Eric Schaefer mit Who is afraid of Richard W.? eine beeindruckende Variationsfolge über Motive aus Wagners Opern vor. Insofern ist der Programmtitel Smooth Jazz Wagner alles andere als abwegig; schließlich kann man ja auch, wovon der neueste Band der Zeitschrift wagnerspectrum Auskunft gibt (er widmet sich Wagner und dem Pop), Wagner im Rock- und Easy-Listening-Bereich bearbeiten. Erinnert sei noch an Wolfgang Bernsteins Aufsatz Tristan und Isolde aus jazzharmonischer Sicht. Insofern ist Barbara Czechmeszyńska-Skowrons Aussage, dass die Verbindung zwischen Oper und Jazz nicht offensichtlich ist, zumindest korrekturbedürftig. Wagner und Jazz, das ist durchaus eine alte Liaison.

Barbara Czechmeszyńska-Skowron von der Fundacja Pokolenia Pokoleniom kam also nach Bayreuth, um, passend zum 150 Jahre-Bayreuther-Festspiele-Jubiläum, zusammen mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bayreuth e.V. ein Wagner-Jazz-Konzert zu veranstalten: mit zwei Musikerinnen, die als Absolventinnen der Fryderik Chopin Universität Warschau aus dem klassischen Bereich kommen. Hier Anna Hajduk-Rynkowicz am Klavier, dort Maria Michoń als Vokalstimme. „Chopin-Schule“, sagt eine erfahrene Hörerin am Abend. Es stimmt: die acht Titel, die in Steingraebers Kammermusiksaal auf dem Programm stehen, werden klassisch interpretiert. Wer sich wilden, modernen, ja progressiven Jazz erwartet, wird enttäuscht – wer den Veranstaltungstitel gelesen und begriffen hat, weiß, worauf er sich am Abend einlässt: auf einen smooth, nein: einen very very smooth Wagner. Smooth, das heißt geschmeidig, sanft, weich, ruhig, aber auch glatt, reibungslos, sämig, die englische Sprache ist da schon einfallsreich. Was wir hören, ist denkbar reibungslos. Dass No. 1, der Hochzeitsmarsch aus dem Lohengrin, wie ein lupenrein-kristallklarer Debussy beginnt, ist kein Zufall, sondern Programm. Die zarte Stimme, die Vokalisen auf „na na“ singt, wird vom Klavier umschmeichelt, die blue notes verletzen kein Hörer-Ohr. Der Pilgerchor gerät zur Mitternachts-Meditation an irgendeiner schummrig beleuchteten Bar. Insgesamt kann man die Ästhetik dieser sanften, weichen, ruhigen Bearbeitungen als Übermalungen, nicht als Jazz-Variationen bezeichnen, ja: Jazz kommt, in Spurenelementen, erst im letzten Stück vor. Elsas Traum bietet tatsächlich Synkopen und eine Entfernung vom Original, die an Jazz denken lässt. Vorher folgt man den Vorlagen so genau wie möglich, die Stimme singt, auf Vokale oder zwischendurch auch mal auf den Text (Wolframaria und Komm, holder Knabe), nur wenig mehr als Wagners Notenfolge. Michoń flüstert meist und folgt dem ruhigen Gestus des Klaviers, das Wagners Melodien gefällig einfärbt. Die Ouvertüre zum Lohengrin ist ein Klavier-Solo, Hajduk-Rynkowicz begleitet die Silberakkorde in den Höhen mit langsam aufwärts gleitenden Notenfolgen, und siehe da: die Gralsakkorde werden fast entmaterialisiert, lösen sich in luftige Wolkenschleier auf. Der Walkürenritt kommt wieder gedämpft, als schwömmen die Luftreiterinnen unter Wasser. „Ravel“, denkt der Hörer während der bezaubernd einschläfernden Musik, deren suggestiver, ruhiger Rhythmus ihn förmlich einlullt. Der Liebestod aus Tristan – eigentlich (und uneigentlich) Isoldes Liebesverklärung – steigert sich gar, und kurz, zu einem Mezzoforte, lässt auch eine Spur Honkytonk hinein – aber es bleibt Chopin-Jazz. Seltsam, denkt sich der Hörer, dass der späte Klavier-Beethoven da schon viel weiter war als die heutige Jugend, aber vielleicht ist’s nur eine Persönlichkeits-Frage. Komm, holder Knabe, von Haus aus ein einschmeichelndes Stück späten Wagnerschen Jugendstils, fängt ja auch wie ein Nocturne des polnisch-französischen Meisters an, bevor Elsas Traum mit relativer Nähe zum Jazz das Programm beendet. Wagner und Jazz, das geht; am Abend hörten wir eine sehr weiche, um nicht zu sagen: sehr klassische Annäherung an ein ausbaubares Phänomen.

Frank Piontek, 27. Februar 2026


Smooth Jazz Wagner

Steingraeber. Kammermusiksaal; Bayreuth

26. Februar 2026