Die Kölner Neuinszenierung der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner hat mit der „Walküre“ ihre Halbzeit erreicht. Beim Publikum stieß Regisseur Paul-Georg Dittrich mit seinen zum Teil diskutablen, zum Teil fragwürdigen Ansätzen auf geteilte Reaktionen. Ob sich sein Konzept in den beiden ausstehenden Teilen des „Rings“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“, noch überzeugend runden kann oder noch stärker zersplittern wird, darüber entscheidet die Zukunft.

Blicken wir zurück ins „Rheingold: Im reinen, zu Beginn ohne jeden materiellen Wert unschuldigen „Rheingold“ sieht Dittrich kein Metall, sondern eine Kinderschar, die, anfangs von Fantasie und nicht von Geld- und Machtgier erfüllt, allmählich ihre Unschuld verliert und vom Wettlauf um Macht und Reichtum eingeholt wird. Eine verhängnisvolle, durch Alberichs Raub ausgelöste Entwicklung, die Wotan in der „Walküre“ mit einem ebenso bedenklichen Gegenschlag verhindern will. Bei Wagner zeugt Wotan dafür mit den Wälsungen ein stahlhartes Heldengeschlecht und mit den Walküren willenlose Instrumente, die gefallene Kriegshelden aufsammeln und in Walhall zu einem unschlagbaren Heer drillen sollen, um Alberichs Macht zu brechen. So sieht Wotans Plan aus, der allerdings schnell ins Wanken gerät. Einerseits durch die von Fricka repräsentierten moralischen Barrieren der bestehenden Gesellschaft und einerseits durch seine eigene Unfähigkeit, seine von ihm gezeugten Geschöpfe gefühllos als automatisierte „Mittel zum Zweck“ zu sehen. Er kann sich gegenüber Siegmund und Brünhilde väterlichen Liebesgefühlen nicht erwehren, was sein Handeln und seine Kraft aus dem Gleichgewicht bringt.
Diese Zusammenhänge hat auch Paul-Georg Dittrich erkannt, geht aber noch ein paar Schritte weiter und überdreht den Zeugungsmechanismus. Denn bei ihm ist Wotan nicht auf gefallene Helden angewiesen, bei ihm sorgen die Walküren in einer hypermodernen Entbindungsklinik selbst für den eigenen wehrhaften Nachwuchs. Teils hochschwanger, teils als Krankenschwestern halten sie eine fleißige Gebärmaschinerie auf dem Laufenden. Die blondschöpfigen, wie geklont wirkenden Ergebnisse der Zuchtanstalt wippen teilnahmslos auf müde schwingenden Schaukelpferden am Bühnenrand vor sich hin.

Eine Idee ohne nennenswerten Zugewinn an Erkenntnis, die aber wenigstens nicht Wagners Intentionen diametral konterkariert wie etwa die von Valentin Schwarz im letzten Bayreuther „Ring“, in dem die Walküren im Schönheitssalon überhaupt keinen Sinn ergeben.
Das gilt auch für die Darstellung Frickas, die zu Beginn des zweiten Akts vor Einsatz des Orchestervorspiels enttäuscht einen negativen Schwangerschaftstest in Händen hält und mit einem Ultraschallgerät bestätigt. Mag sein, dass das Gefühl der Unfruchtbarkeit den Grimm Frickas auf ihren Gemahl, der serienweise Nachkommen produziert, verstärkt. Nötig ist diese Zugabe nicht, aber auch nicht sinnentstellend.
Die drei an verschiedenen Spielorten angesiedelten Akte der „Walküre“ erschweren natürlich die inhaltliche Verknüpfung der Handlungen. Die Bühnenbildnerinnen Lena Dederichs und Lena Schmid verbinden ganz geschickt die Diversität der drei Orte durch eine zentrale Videoanlage, die jedes Detail aus Hundings Hütte und dem Kreißsaal in Wotans Kommandozentrale überträgt. Zeichen eines Überwachungsstaats, wodurch sich Wotan vergewissern kann, dass das geplante Treffen der Wälsungengeschwister „in höchster Not“ auch wie gewünscht abläuft und die Lieferung des kriegstüchtigen Nachwuchses gesichert ist.
Der erste Akt präsentiert sich ansonsten recht konventionell in einer Waldlandschaft mit einer leibhaftigen Weltesche, von der sich Wotans modern gestylte Zentrale im zweiten Akt und der hypermoderne Kreißsaal des dritten Akts deutlich abheben. Die Figuren führt Dittrich brav am Text und der Handlung entlang, was vor allem im aktionsarmen zweiten Akt zu manchem Stillstand führt. Interessant dagegen, wie robust sich Sieglinde am Ende des ersten Aufzugs an dem schlaftrunkenen Hunding rächt und ihn ordentlich verprügelt.
Musikalisch ist das Staatenhaus mit seiner gewaltigen Überbreite auch für die „Walküre“ Segen und Fluch zugleich. Es gibt dem Orchester genügend Raum für die nahezu vollständige Bayreuther Originalbesetzung. Was zugleich die Frage aufwirft, wie man die instrumentalen Massen inklusive sechs Harfen in der nächsten Saison im sanierten Opernhaus am Offenbachplatz unterbringen will. Ob der erweiterte Orchestergraben dafür ausreichen wird, wird sich zeigen.
Nachteilig wirkt sich im Staatenhaus der aus dem offenen Graben knallhart und ungefiltert dröhnende Klang aus. Was die dynamischen Höhepunkte angeht, entwickeln sich dadurch eindrucksvolle Druckwellen, die einen in die Sitze drücken. Auch die kammermusikalischen Passagen kommen ganz gut zur Geltung. Ein Mischklang mit einer ausgewogenen Balance zwischen Bläsern und Streichern ist allerdings kaum möglich, so dass sich das Blech selbst in zarteren Teilen dominanter hervortut als gewünscht.

Daran kann auch ein werkkundiger Dirigent wie Marc Albrecht nicht viel ändern, der das Gürzenich-Orchester in den Eckakten mit viel Verve zu einem ebenso feurigen wie in vielen Details filigranen Spiel anhält. Wobei man sich angesichts eher statischer Szenen wie den langen Monolog Wotans oder die Todesverkündigung im zweiten Akt noch einige zusätzliche Prisen an belebender Differenzierung wünschen könnte.
Gesanglich bewegt sich die neue Kölner „Walküre“ auf durchweg solidem Niveau. Vorzüglich stemmt Trine Møller die kräftezehrende Partie der Brünnhilde. Weitgehend unangestrengt und stimmlich stets kontrolliert bietet sie dem ebenso zuverlässig und recht textverständlich singenden Bariton Jordan Shanahan Paroli.
Mit großem, bisweilen die Grenzen ihrer Stimme berührenden Einsatz gestaltet Astrid Kessler die Partie der Sieglinde. Ihr Zwillingsbruder Siegmund findet in Daniel Johansson einen stimmstarken, wenn auch etwa blass agierenden Partner. Dem Bassisten Tijl Faveyts fehlt es als Hunding nicht an der nötigen Tiefe und Bettina Ranch stellt eine charismatische Fricka dar, deren Textverständlichkeit allerdings noch Luft nach oben aufweist. Vorzüglich komplettiert das Walküren-Oktett die ansprechende Besetzung.
Bei der Premiere musste das szenische Team etliche Buh-Rufe einstecken. Reaktionen, die, wie bei jeder „Ring“-Inszenierung, vor dem Schlussvorhang zur „Götterdämmerung“ zu früh kommen. Ob die Konzentration des „Rings“ auf die Aufzucht und Entwicklung der Kinder auch die restlichen Teile der Tetralogie tragen kann, wird sich zeigen. Was tut sich bis dahin wohl in der Kinderstube Alberichs?
Spieldauer: ca. 5 Std., zwei Pausen. Die nächsten Aufführungen im Deutzer Staatenhaus: am 4., 6., 17., 19. und 30. April sowie am 3. Mai. (Infos und Karten: www.oper.koeln.de).
Pedro Obiera 3. April 2027
Die Walküre (Zweite Besprechung)
Richard Wagner
Oper Köln, Staatenhaus
1. März 2026 (B-Premiere)
Regie: Paul-Georg Dittrich
Dirigat: Marc Albrecht
Gürzenich Orchester Köln