Spektakel müssen sein!
Das MusikTheater an der Wien hat mit dem Sparen schon begonnen, bevor man sich nächste Saison aus diesen Gründen von der Kammeroper trennt: Es ist jedenfalls billiger, eine Inszenierung einzukaufen, statt sie selbst zu produzieren. Das tat man jüngst mit großem Erfolg mit „L’opera seria“ aus der Mailänder Scala. Und nun hat man vom Festival Bayreuth Baroque eine Produktion nach Wien geholt, die ihre Lorbeeren schon vielfach geerntet hat – und in Wien einen Triumph feierte: „Alessandro nell’Indie“, 1730 in Rom uraufgeführt, von jenem, der kein „da“ im Namen hat und nicht die Mona Lisa malte, sondern mit seinen Werken einer der wichtigsten Vertreter der Neapolitanischen Schule war. Und diese klingt besonders schön…

Wie geht man mit Barockopern um? Max Emanuel Cencic, früher selbst oft als Countertenor auf der Bühne, hat seit 2020 mit dem Festival „Bayreuth Baroque“, das im barocken Opernhaus der Markgräfin Wilhelmine stattfindet, eine wahre „Marke“ geschaffen, zu der Barock-Fans bereits pilgern. Und als er sich Vincis Alexander-Version vornahm, dürfte er an Maria Theresias „Spektakel müssen sein“ gedacht haben. Tatsächlich hat er ein flirrendes, glitzerndes Spektakel (von satten viereinhalb Stunden Länge), das dem Metastasio-Libretto (das immerhin als Opera seria figuriert und das man möglicherweise auch ernst nehmen könnte) mit unwiderstehlicher Frechheit und Heiterkeit begegnet. Dabei hat Cencic, als er das Indien-Abenteuer von Alexander dem Großen umsetzte (dass selbst den harten makedonischen Soldaten angesichts der Kriegselefanten schwummrig wurde, spielt hier keine Rolle), an – Indien gedacht. Und zwar an Bollywood.
Das ist das Pendant zu Hollywood, eine heimische Filmindustrie, die jährlich Hunderte (tatsächlich) von Filmen für den heimischen Markt produziert, der immerhin auf 1,47 Milliarden Einwohner zählt (kein Irrtum, wurde überprüft). Diese Filme kommen so gut wie nie in den Westen, man hat mit Mühe ein, zwei davon gesehen, aber das spielt keine Rolle – kennst Du einen, kennst Du alle.
In diesen Filmen wird von schönen, prächtig gekleideten Menschen schier ununterbrochen gesungen und getanzt, und das mit wilden Körper-Zuckungen, die suggerieren, dass all das ihnen ungeheure Freude bereitet. Von diesem Bewegungs-Kanon und diesem Laune-Level geht die durch und durch parodistische Inszenierung von Cencic aus. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Ballett (Choreografie: der Inder Sumon Rudra), eine ebenso wichtige die Ausstattung (Bühne: Domenico Franchi / Kostüme: Giuseppe Palella), und im übrigen liegt alles auf den Einfallsreichtum des Regisseurs, der auch keinen Blödel Effekt scheut, und der Bereitwilligkeit der Crew, hier mitzumachen, was alle bis zur Selbstentäußerung vollziehen.
Es gibt nur sechs große Rollen: Alexander, sein zwielichtiger Begleiter Timagene, der besiegte indische König Poro, der die Königin (eines anderen indischen Reichs) Cleofide liebt, Posos Schwester Erissena, die wiederum von Gandarte, einem General von Poros, geliebt wird. Bis Alexander wieder abzieht, gibt es eine Menge Hin und Her, reichlich Arien, Rezitative, triumphierende Schmettermusik, Ballett. Und all das zumindest im ersten Akt durchgehend im wilden, bunten, lustigen Bollywood-Stil, ironisch bis in die Finger- und Zehenspitzen.
Der lässt sich nicht durch das ganze Werk durchziehen, es gibt lyrische, fast annähernd tragische Arien, aber wo es geht, lässt Cencic Einfälle spielen. Wenn alle, absolut alle Sänger Gelegenheit bekommen, ihre Virtuosität zu zeigen, toppt er das noch durch bewusst ausgespielte „Duette“ der Stimmen mit einzelnen virtuosen Instrumenten oder gar Koloratur-Wettbewerben (hier Traviata und Königin der Nacht, dort der Rigoletto-Herzog mit Counter-Ausbrüchen). Das Publikum wird mit Optik (es gibt auch Elefanten und Kamele auf Rädern!) und Akustik so in Trab gehalten, dass Kleinigkeiten wie Logik gar nicht ins Gewicht fallen. Wenn damit Marionetten agiert, mit Holzschwertern gekämpft, in Kisten gehüpft wird – es ist einfach nur lustig.

Sechs Personen sollen vier Herren und zwei Damen verkörpern. Auf der Bühne stehen sechs Männer, drei Sopranisten, zwei Countertenöre, ein Tenor. Wüsste man es nicht, man hätte zumindest dem Darsteller der Cleofide abgenommen, eine Frau zu sein, schon wegen des sensationellen Dekolletees – da wurde regelrecht „gezaubert“. Im übrigen sind die „Inder“ opulentest indisch gekleidet, die angeblichen Griechen (falls man den Makedonier Alexander als solchen bezeichnen will) in die chicen Outfits von Barock-Herren – also der Epoche, als diese Oper entstand.
Man hat es geschafft, mit einer Ausnahme die Bayreuther Besetzung nach Wien zu holen, was der unglaublichen Homogenität der Inszenierung guttut. Nur Franco Fagioli wurde als Poro von dem prächtigen Dennis Orellana abgelöst, der mit dem schlank-zarten, mit allen stimmlichen Wassern gewaschenen Maayan Licht als Alessandro um die männliche Vorherrschaft des Abends kämpfte. Aber es siegte ja sowieso die „Dame“, sprich Bruno de Sá als Cleofide, der für seine impetuose Meisterschaft schon während der Vorstellung Ovationen erntete. Wo er Gelegenheit bekam, ließ sich Jake Arditti als „Second Lady“ des Abends die Show nicht stehlen und bestrickte auch mit dunklen Tönen, wobei man nebenbei erwähnen muss, dass die Herren als Damen ganz überzeugende Stutenbissigkeit zeigen… Stefan Sbonnik als Gandarte und vor allem der zapplig-intrigante Timagene des Nicholas Tamagna trugen ihren Teil zur interpretatorischen Brillanz des Abends bei,
Nicht ganz verstehen konnte man, warum zwei dem Spiel hinzugefügte Schauspieler, die ein bißchen über die Szene, wo die Dinge spielen, plaudern, mit englischsprachigen Künstlern besetzt wurden. Eine italienische Oper, die von Griechen und Indern handelt, muss vor einem deutschen Publikum ja eigentlich nicht auf Englisch beschrieben werden? Alle guten deutschen Schauspieler hätte man an dieser Stelle als sinnvoller empfunden. Und was soll man mit der angeblichen Idee, die Geschichte fände in einem indischen Pavillon in England statt?
Die Geigerin Martyna Pastuszk leitete das {oh!} Orkiestra mit Kompetenz, entfaltete Schönheit und Vielfalt der Musik., Der Arnold Schoenberg-Chor durfte diesmal für einen Mini-Auftritt nicht einmal auf die Bühne und sang aus dem Orchester die finale Lobpreisung Alexanders.
Am Ende brach dann ein wahrer Beifallsorkan über den Abend herein, und Regisseur Max Emanuel Cencic kroch aus einer seiner „Wunderkisten“, um ihn inmitten des Ensembles auch entgegenzunehmen.
Renate Wagner, 12. April 2026
Alessandro nell‘ Indie
Leonardo Vinci
MusikTheater an der Wien
Premiere: 10. April 2026
Eine Produktion von Bayreuth Baroque (2020)
Inszenierung: Max Emanuel Cencic
Leitung: Martyna Pastuszk
(oh!) Orkiesta