Anna Netrebko kurzfristig krank – Vertreterin ausgebuht
Anna Netrebko ist wohl jene Sängerin, deren Auftreten blitzschnell für das „ausverkauft“ von Wiener Staatsopern-Vorstellungen sorgt. Sie ist auch enorm fleißig, präsentiert immer neue Rollen. Die Abigail war in Wien allerdings schon vor Jahren angekündigt, wurde dann aber abgesagt. Mittlerweile hat sie die Rolle einige Male gesungen, u.a. in Berlin und in Verona in einer seltsamen, aber interessanten „Weltraum“-Version des „Nabucco“. Für ihr Debut an der Wiener Staatsoper konnte man ihr nur die öde, einfallslose Inszenierung von Günter Krämer bieten, aber was soll’s, Inszenierungsärger jeder Art ist man gewöhnt.
Nun hörte man vom Wiener Abigail-Debut der Anna Netrebko vor vier Tagen Unterschiedliches, durchaus Begeisterung in manchem Journal, aber auch Einschränkendes – wäre es möglich, dass es sogar Unmutsäußerungen gegeben haben soll? Jedenfalls war man entsprechend neugierig auf die zweite Vorstellung.

Dass Anna Netrebko „beleidigt“ absagen würde, war nicht zu erwarten, mutig war sie immer, sonst hätte sie all die Attacken, die nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine auf sie abgefeuert wurden, nicht so verletzungsfrei überstanden. Also machte man sich wohlgemut in die Staatsoper auf, kein Hauch von Unruhe hier, kein rosa Umbesetzungszettel beim Abendplakat, das Publikum strömte erwartungsvoll in Scharen ins Haus. Man kauft den 2-Euro-Programm-Zettel, der Anna Netrebko als Abigail anführt. Dann zum Lift, um festzustellen, dass der auf der rechten Seite nicht funktioniert. Durchgewurstel durch den lebensgefährlichen engen Buffet-Bereich unten, um zu erkennen, dass sich vor dem anderen Lift Menschentrauben gebildet haben. Also zu Fuß bis zur Galerie hoch, was nur sportgestählten Opernfreunden Freude machen wird.
Warten auf die Vorstellung. Doch dann… Die Beleuchtung kündigt den „Vor dem Vorhang“ vor der Vorstellung an. Ein Herr, den ich für Bogdan Roscic halte (die Galerie ist ja doch sehr hoch), aber einer der Lang-Brüder ist (wie mir eine Freundin später sagt), tritt vor und erzählt uns, was für einen schrecklichen Tag man gehabt habe. Stundenlang mit Anna Netrebko, die schon bei der ersten Vorstellung gesundheitlich angeschlagen war, darum zu bangen, ob sie abends die Abigail singen kann. Am Nachmittag war denn klar: ausgeschlossen. Immerhin dürfte man schon rechtzeitig Eliška Weissová aus Prag herbeigeordert haben, die nun als „Retterin“ zum Handkuss kam.
Denn zumindest der Stehplatz empfand die Methode des Direktors, eine Umbesetzung, die seit Stunden bekannt war, erst in buchstäblich letzter Minute anzukündigen, als indiskutabel – viele „Stehplatzler“ hätten sich den Abend mit einiger Sicherheit geschenkt, hätten sie das gewusst. Und die Rache war fürchterlich.
Nun wird kein Opernfreund, der ein bißchen Ahnung vom Metier hat, das Einspringen unterschätzen (zumal, wenn man von einer Stadt zur anderen dafür hetzt). Abigail ist auch keine Partie, die jede Sängerin kann, und selbst wenn, hat man sie vielleicht nicht ganz parat. Und wenn man dann auch selbst vielleicht wetterbedingt nicht in bester Form ist… Was soll man sagen? Selbst die allerheiserste Netrebko hätte vermutlich nicht schlimmer geklungen als Eliška Weissová, und vor allem der Galeriestehplatz tobte mit Buh-Rufen in ihre Arie im zweiten Akt hinein, so dass man sich wie in der italienischen Provinz fühlte, wo diese Temperamentsausbrüche noch eher üblich sind.
Die Sängerin bewies bewundernswert Nerven, ging nicht weinend von der Bühne ab (wie Sharon Stone vom Opernball), sondern hielt durch, sang allerdings nicht mehr alle Noten, was egal war, denn die Leistung war… na ja, wenigstens im zweiten Teil des Abends, wo sie durch die Rolle segelte, halbwegs erträglich. Halbwegs. Halb halbwegs. Das Haus war jedenfalls zum Schlachtfeld geworden.
Nach der Pause (wo sich ein Teil des Publikums schon verdrückt hatte) ging es friedlicher zu. Der Chor bekam seinen Extrabeifall für „Va pensiero“, der aus der Mongolei stammende Amartuvshin Enkhbat ließ als Nabucco einen schonen, runden, gut geführten Bariton hören, der nur in der Höhe etwas an Qualität verlor, Alexander Vinogradov als Zaccaria wurde mit machtvoll-rauem Baß immer wieder zum Zentrum des Abends, Fenena und Ismaele überzeugten weniger.
Held des Abends war Marco Armiliato am Pult, der einen so differenzierten, dabei spannenden und klangschönen Abend zauberte, dass man ihm und seinem Orchester rundum bessere Bedingungen gewünscht hätte.
Was bleibt als Erkenntnis? Die Dame neben mir, die nach ein paar Minuten Abigail-Tönen hörbar geknurrt hatte „Ich geh‘ in der Pause“, tat dies auch und war nicht die Einzige (schon in der ersten Lichtpause gab es Abwanderungen). Der wütende Stehplatzbesucher hinter mir auf der Galerie, der „Geld zurück!“ brüllte, hatte so unrecht nicht. Und der Direktor, der das Publikum düpiert hat?
Bogdan Roscic, der sich selbst eigentlich schon mit seinem „Schwein“-Plakat aus dem Spiel genommen hat, sollte vorsichtig sein und sein Blatt nicht weiter überreizen. Der Fall Hinterhäuser (sein Bruder im Geist) zeigt nämlich, wenn sich Feinde entschlossen zusammenrotten, dann reicht jeder Vorwand, um jemanden zu Fall zu bringen…
Renate Wagner, 3. März 2026
Nabucco
Giuseppe Verdi
Wiener Staatsoper
2. März 2026
89. Auführung
Regie: Günther Krämer
Dirigat: Marco Armiliato
Wiener Philharmoniker