Stuttgart: „Die Meistersinger von Nürnberg“, Richard Wagner (zweite Besprechung)

Thematisch-szenische Überfrachtung

Mit der Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner an der Staatsoper Stuttgart in der Regie von Elisabeth Stöppler wurde wieder einmal versucht, so viel gesellschaftskritische Überlegungen in das Werk hineinzubringen, ja regelrecht hineinzupferchen, wie nur eben möglich. Dieses „Regiekonzept“ mit dem Bühnenbild von Valentin Köhler, den Kostümen von Gesine Völlm und im Licht von Elana Siberski bei dramaturgischer Unterstützung von Ingo Gerlach mit all seiner – vermeintlich – intellektuellen Vielfalt und Verästelung war wieder einmal – wie für Neuinszenierungen Wagnerscher Werke in Deutschland mittlerweile fast schon typisch – nur durch intensives Lesen eines Gesprächs mit dem Regieteam im Programmheft zumindest in Grenzen zu erfassen.

© Matthias Baus

Elisabeth Stöppler gibt dort zum Besten, dass sie schon immer eine Hass-Liebe mit dem Werk Richard Wagners verbunden habe. Selten habe sie ein Stück „auf so unterschiedlichen Ebenen gereizt und gleichzeitig befremdet, abgestoßen und angezogen, irritiert, genervt und dann doch tief berührt. Alles an ihm sei hyperkomplex und aufgeladen.“ Das Vorspiel sei „berühmt-berüchtigt“ … und so weiter. So wirkte letzten Endes ihre Interpretation von Wagners einziger auch mit starker Komik und viel Humor arbeitender Oper vornehmlich negativ! Man muss sich fragen, wie unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch ein einigermaßen positiver Zugang zu einem – immerhin – Universalwerk der Opernliteratur aussehen soll.

Und dieser war in Stuttgart auch nicht zu erkennen. Durch die völlige Überfrachtung der Inszenierung mit einem zum Teil durchaus relevanten, aber auch weit über das Ziel hinausschießenden und allzu verschachtelten Ideenkonvolut wurde sie letztlich dem Werk und seiner Musik nicht gerecht und zeigte eine bisweilen kleinkariert wirkende Verzettelung der bisweilen aus der Luft gegriffenen Regieeinfälle der Regisseurin, freilich unterstützt vom Rest des Regieteams.

Der negative Höhepunkt war eine kaum enden wollende Verlesung der Todesfuge von Paul Celan, entstanden zwischen 1944 und 1945 kurz nach seiner Zeit im Arbeitslager der Nazis, aus dem Off vor dem 3. Aufzug. Die Verlesung führte zu signifikanten Unwohlbekundungen à la „Aufhören!“ oder „Halt den Mund!“ eines Teils des Publikums. Erinnerungen an den sog. „spartenübergreifenden“ Ring in Braunschweig wurden wach…

© Matthias Baus

Diese vornehmlich im deutschsprachigen Raum zu beobachtende Art des Herangehens an Werke der universalen Musikliteratur, zumal jene Wagners, mit einem überzogenen Sendungsbewusstsein der Regisseure, in dessen Dienst ihre theatralische Interpretation gestellt wird (wobei es wenigstens eine musiktheatralische sein sollte!) zeigt einmal mehr, dass eine übersteigerte Interpretationssucht mit der ja auch ansonsten derzeit gerade in Deutschland immer intensiver zu beobachtenden Weltrettungsgesinnung letztlich am Werk vorbei gehen kann. Auch ist es dem Publikum nicht ohne Weiteres nachhaltig zu vermitteln. Das Publikum ist aber wichtig!

Auch wirkte die schon so oft zitierte Bedeutung der Meistersinger für die Nazis in Stuttgart nicht gerade neu, ja rezeptionsgeschichtlich schon recht abgegriffen (u.a. Bayreuth 2007). Es überwiegt letztlich ein übertriebenes Sendungsbewusstsein der Regisseure, ihre vermeintlich gewinnbringende, aber oft nur besserwisserische und somit nicht verfangende Message unter die Leute zu bringen, ohne in Demut vor dem Werk zu stehen und die authentische Motivation und Aussage des Komponisten ernst zu nehmen.

Optisch besonders störend war der Wunsch von Regie und Bühnenbild, die Beginne der Aufzüge, ja gar die ganze Schusterstube, als ein großes weißes Blatt darzustellen, auf dem also symbolisch immer wieder angefangen wird, etwas zu schreiben. Ständig werden darin klischeehaft Tische und Stühle gerückt und Schuhe bewegt. Hans Sachs kommt zu Beginn des Vorspiels zum 1. Aufzug nicht über sein legendäres „Fanget an“ hinaus (die Zunft der Meistersinger ist also mit ihren Ideen am Ende). So kommt Eva und sorgt mit schnell auf das Blatt gekritzelten Zeilen aus dem Stück für – wohl vermeintlich kulturelle und avantgardistische – Bewegung…

Leider ist der alles beherrschende Bühnenplafonds aber nur schneeweiß und reizt bisweilen gar die Augen. Das so großartige Vorspiel, welches ja zur Einstimmung auf den Abend und den Inhalt des Stückes hin komponiert wurde, wurde in seiner Wirkung durch die die Konzentration des Zusehers beanspruchenden banalen und irrelevanten Details verplempert. Im Vordergrund stand wohl das Interesse der Regisseurin, mühsam erdachte und konstruierte Einzelaktivitäten zu zeigen, die kaum, wenn überhaupt, einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn brachten, wobei man auf irgendetwas achten sollte, was eigentlich so gar nicht stattfindet und des Achtens vor dieser Musik auch keineswegs würdig ist.

© Matthias Baus

Das Bühnenbild war relativ einfach gehalten, Holzstrukturen, an denen ständig weitergebaut wird, um zu zeigen, dass man etwas macht und nicht verharrt. Und am Ende gab es dann mit einem Speer-Bau noch die Nazi-Keule, eigentlich fast schon wieder ein Klischee, aber alles musste halt rein! Insgesamt vermisste man so die ganze Größe der „Meistersinger“ mit ihrem bedeutenden humanistischen Inhalt, ganz abzusehen von auch nur angedeuteter Romantik.

Interessant war aber die Sängerbesetzung. Martin Gantner sang hier zum ersten Mal den Hans Sachs. Man kennt ihn als Liedsänger, als sehr guten Wolfram, als Telramund. Es scheint doch noch nicht ganz zu reichen für diese große Rolle, da es der Stimme dafür noch an Resonanz, an Klangvolumen mangelt. Gantner machte es aber auch im Rahmen dieser Regie, in der er als Sachs am Ende zum dominanten Kultur- oder Kunstkönig aufsteigt, mit Krone und rotem Gewand, gestalterisch sehr gut. David Steffens war stimmlich ein guter Pogner mit Rollendebut, blieb als Persönlichkeit aber etwas blass. Björn Bürger überraschte mit seinem Rollendebut als hier einmal darstellerisch und optisch avantgardistischer Beckmesser. Die stimmlich guten Meister wurden natürlich alle als Spießer in entsprechenden Roben dargestellt, eigentlich auch schon ein Klischee. Umso interessanter die Darstellung des Beckmesser.

Daniel Behle sang den Stolzing auch zum ersten Mal mit kraftvollem und dennoch lyrisch timbriertem Tenor, und Esther Dierkes war eine einnehmende Eva, ebenfalls mit Rollendebut. Ganz hervorragend schlug sich Kai Kluge als David in seinem Rollendebut mit einem stabilen und starker Tenor und beeindruckender Spielfreude. Maria Theresa Ullrich wurde hier als debütierende Magdalene einmal ganz anders dargestellt als junge selbstbewusste Künstlerin. Das war sehr interessant, passte aber nicht zu ihrem Text. Michael Nagl überraschte in der kleinen Rolle als exzellenter Nachtwächter.

© Matthias Baus

Da nach so noch nie wahrgenommener Erkenntnis, nun durch diese Regisseurin, in den „Meistersingern“ nur zwei Frauen 15 Männern gegenüberstehen, wurden die Lehrbuben, die offenbar von Beckmesser und der Zunft als solche wahrgenommen werden, zu „Lehrbübinnen“ umfunktioniert, im Abendzettel aber weiterhin als „Lehrbuben“ geführt! Was denn nun bitte?! So war man binär gefühlt aber wieder at even, ja sogar mit 20 zu 15 führend – großartig! Das passte dann auch zum besagten Regiegespräch im Programmheft, das entgegen der nachdrücklichen Orientierung durch den Rat für deutsche Rechtschreibung durchgegendert wurde.

Der bald scheidende Stuttgarter GMD Cornelius Meister ging das Vorspiel mit dem Staatsorchester Stuttgart recht engagiert an, akustisch vielleicht etwas zu sehr verstärkt durch die platte weiße Wand. Insgesamt entstand jedoch ein gutes Klangbild, und auch der Staatsopernchor und Extrachor der Staatsoper Stuttgart, von Manuel Pujol einstudiert, hatten große Momente. Vieles von der Musik Wagners ging im Getümmel der Regie-Ideen und -Einfälle leider verloren. Eine konzertante Aufführung könnte beim nächsten Besuch der „Meistersinger“ reizvoll und labend sein.

Klaus Billand, 27. Februar 2026


Die Meistersinger von Nürnberg
Richard Wagner

Staatsoper Stuttgart

Besuchte Premiere am 7. Februar 2026

Inszenierung: Elisabeth Stöppler
Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Staatsorchester Stuttgart

Erste Besprechung