Stuttgart: „La Sonnambula“, Vincenzo Bellini

Seit einiger Zeit steht an der Staatsoper Stuttgart Bellinis Oper La Sonnambula wieder auf dem Spielplan. Die Inszenierung, für die Jossi Wieler (Regie), Sergio Morabito (Co-Regie und Dramaturgie) und Anna Viehbrock (Bühnenbild und Kostüme) verantwortlich zeichnen, ist eine der besten, die das Staatstheater Stuttgart derzeit zu bieten hat. Dem Regieteam ist eine stringente, innovative und atmosphärisch dichte Interpretation dieser sowohl tragische als auch heitere Elemente beinhaltenden Opera Semi-Seria zu bescheinigen, die neben einer flüssigen, spannenden Personenführung nicht zuletzt durch die Einbeziehung literarischer, psychoanalytischer und soziologischer Aspekte beeindruckt. Mit enormem Können schlagen Wieler und seine Mitstreiter eine Brücke zwischen Fiktion und Realismus und erzeugen derart einen Kosmos ganz eigener Art, in dem tatsächliche und surreale Elemente sich die Hand reichen.

Einen erheblichen Anteil an der bewusst nüchtern gehaltenen Atmosphäre hat das von Frau Viehbrock stammende Einheitsbühnenbild. Dass sie nicht mit Impressionen einer naturalistischen Schweizer Bergwelt aufwarten würde, war vorherzusehen. Vielmehr stellt sie einen ausgesprochen karg wirkenden Kellerraum mit gewölbter Decke auf die Bühne, in dem Lisa ihre Schenke eröffnet hat und fleißig hochprozentigen Schnaps ausschenkt. Zahlreiche Türen weisen den Weg ins Freie. Eine Treppe führt in die oberen Stockwerke, eine andere noch weiter in den Untergrund. Rechts vorne sieht man einige Briefkästen. Vor einem im Hintergrund befindlichen Fenster fließt ein Bach. Das gesamte Gebäude scheint auf flutendem Wasser gebaut und alles andere als von festen Pfeilern abgestützt zu sein – von dieser Warte aus betrachtet ein nicht gerade stabiles Fundament, aber noch eine weiter Deutung bietet sich an, nämlich die eines Symbols für das – unabhängig vom jeweiligen Zeitgeist – ständig fließende Leben im Allgemeinen und das Leben garantierende weibliche Gebärfreude, die die Menschheit erhält, im Besonderen. Einen ganz speziellen Anstrich erhält das Bühnenbild durch die vielfältigen, unterschiedlich großen und perspektivisch gebauten Schränke, die überall an den Wänden verteilt stehen und den Handlungsträgern zeitweilig auch als Versteck dienen. Es handelt es sich hier gleichsam um einen Phantasieraum, einen Raum des Unbewussten, in dem fiktive und konkrete Elemente nachhaltig miteinander kollidieren und sich das ganze Geschehen gleichsam in einem Zwischenbereich dieser Zustände abspielt. Die Ästhetik des Raumes ist der Gegenwart verpflichtet. Indes gehören die Kostüme der sich ausgelassen um die Schenktische rangelnden Choristen verschiedenen Ären an – ein deutliches Zeichen dafür, dass die behandelten Konflikte praktisch zu jeder Zeit möglich sind.

In diesem Ambiente zeichnen Wieler und Morabito akribisch das Bild einer Schicksalsgemeinschaft, die eingepfercht auf engstem Raum lebt und in verstärktem Maße mit der Fragwürdigkeit ihrer überholten Lebensmaximen konfrontiert wird. Einfühlsam schildert das schon oft bewährte Regie-Duo das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Welten. Die Mentalität der Bevölkerung, deren ausgeprägter Aberglaube durch das in regelmäßigen Abständen erscheinende Gespenst manifestiert wird, und des überzeugten Rationalisten Rodolfo, der die Existenz von Geistern mit Nachdruck verneint, können verschiedener nicht sein. Unter diesen Umständen ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Menschen dem in seine Heimat zurückgekehrten Grafensohn misstrauisch und mit Skepsis begegnen. Mit diesem äußerst interessanten, ambivalenten Verhältnis zwischen Rodolfo und dem Volk beziehen sich die beiden Regisseure trefflich auf die Entstehungszeit der Oper, als die nach der Französischen Revolution zur Flucht gezwungenen Adligen nach und nach auf ihre Ländereien zurückkehrten, aber von ihren früheren Untergebenen zwiespältig empfangen wurden.

© Martin Sigmund

Und Edelleute waren zur damaligen Zeit in viel stärkerem Maße aufgeklärt als das gemeine Volk. Jegliche Art von Mystizismus lag ihnen fern. Konsequenterweise ist die Aminas Mutter – diese hatte der junge Graf vor zwanzig Jahren geschwängert, woraufhin er von seiner Familie verstoßen wurde und sich ins Ausland begab – symbolisierenden Geistererscheinung durchaus nicht als übernatürliches Astralwesen zu begreifen, sondern eher psychologisch als Ausfluss des schlechten Gewissens Rodolfos zu deuten, der sich mit seiner alten Schuld konfrontiert sieht – hier haben wir es mit einer ausgesprochen sinnfälligen Interpretation zu tun, für die Sigmund Freud und C. G. Jung Pate gestanden haben. Die fundamentalen Erkenntnisse dieser beiden berühmten Psychoanalytiker integrieren Wieler und Morabito geschickt in ihre Sichtweise der Amina, einer höchst differenzierten und innerlich gebrochenen Figur, deren ausgeprägter Sonnambulismus ein Ausfluss ihrer gespaltenen Persönlichkeit ist. Unter der fachkundigen Ägide der beiden hochkarätigen Regisseure gerät Bellinis Werk so zu einem Psychodrama allererster Güte, dem man mit Spannung folgt. Einfühlsam unternehmen Wieler und Morabito mit dem zahlreich erschienenen Auditorium einen Streifzug durch das Unterbewusstsein der Nachtwandlerin, begeben sich auf die Suche nach den seelischen Steuerungsmechanismen des Mädchens und entdecken den Grund ihres Schlafwandelns zu guter Letzt in ihrer unklaren Herkunft.

In der Aufzeigung der Beziehung zwischen Amina und Rodolfo entfaltet die Produktion ihre stärksten Momente. Genau wie das Libretto eine ausdrückliche Wiedererkennungsszene zwischen Vater und Tochter ausspart, beschränkt sich auch die Regie diesbezüglich auf dezente Andeutungen, was die Sache indes dramaturgisch noch aufregender erscheinen lässt. Das Publikum weiß ja um die Vaterschaft des Grafen zu dem sonnambulen Mädchen. Das Regieteam zeichnet Rodolfo als ausgemachten Schwerenöter, der wahrlich nichts anbrennen lässt und sexuell augenscheinlich noch genauso aktiv ist wie zu der Zeit, als er die Mutter der Protagonistin verführte. Und als er mit Amina am Ende des ersten Tages im Bett landet, scheint es zwischen den beiden richtig hoch herzugehen. Wenn das Mädchen dann im zweiten Akt im Nachthemd und mit einem riesigen Blutfleck im Intimbereich die Szene betritt, wird klar ersichtlich, dass sie von ihrem eigenen Vater entjungfert wurde.

© Martin Sigmund

Mit dem Inzest schlagen Wieler und Morabito eine Brücke zu Max Frischs Erfolgsroman Homo Faber, dessen krasse Problematik sie genial mit der Thematik der Sonnambula verbinden, was die Spannungskurve immens ansteigen lässt. Diese Bezugnahme auf das Buch von Frisch macht durchaus Sinn. Die Parallelen sind offensichtlich. Sowohl Walter Fabers als auch Rodolfos Weltbild ist ausgesprochen rationaler Natur. Beide begegnen auf einer Reise ihrer Tochter, von deren Existenz sie bislang keine Ahnung hatten, und die sie so sehr anzieht, dass sie sich mir ihr sexuell vereinigen. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Frischs Roman und der Stuttgarter Inszenierung besteht darin, dass durch die praktizierte Inzucht das Leben des Mädchens zerstört wird. Sabeth erliegt einer unentdeckt gebliebenen Kopfverletzung und Amina wird geistesgestört. Die große Schlussarie von Letzterer rückt das Regie-Duo demgemäß durchaus nachvollziehbar ganz nahe an Lucia di Lammermoors Wahnsinns-Szene. Und wenn Teresa zum Schluss ein blutverschmiertes kleines Bündel in die Höhe hält, erweist sich, dass die Blutschande nicht folgenlos geblieben ist. Mit dieser famosen Anknüpfung an das Buch von Max Frisch stoßen die beiden Regisseure rigoros zur Essenz des Stückes vor, die sie schonungslos enthüllen. Und dass Wieler und Morabito eine Affinität zur Literatur haben, wurde bereits zuvor deutlich, wenn sie Amina mit den sich in gleicher Weise in existenziellen Ausnahmesituationen befindlichen Heldinnen eines Heinrich von Kleist identifizieren, als deren Schwester im Geist sie anzusehen ist. Die Rechnung geht voll auf. Diese trefflich durchdachte und sehr lebendig umgesetzte Konzeption ist mehr als gelungen! Mit dieser, bei der Wiederaufnahme von Philine Tiezel betreuten Inszenierung kann man sehr zufrieden sein!

Aber auch die musikalische Seite war hochkarätig. Das bestens disponierte Staatsorchester Stuttgart spielte im hochgefahrenen Graben, wodurch der Kontakt zwischen Musikern und Sängern noch intensiviert wurde. Dieses Verfahren, das nicht bei jeder Oper zu empfehlen ist, bewährte sich bei der Sonnambula voll und ganz. Die Durchsetzung gegenüber Bellinis nicht gerade reichhaltig instrumentierter, auf das Wesentliche beschränkter Musik war für die Sänger kein Problem. Dirigent Vlad Iftinca führte sie mit sicherer Zeichengebung und gemäßigten Tempi durch den Abend. Der von ihm und dem Orchester erzeugte Klangteppich zeichnete sich durch große Intensität und enorme Emotionalität aus.

© Martin Sigmund

Auf ausgezeichnetem Niveau bewegten sich die gesanglichen Leistungen. In der Titelpartie der Amina brillierte Claudia Muschio. Mit ihrem bestens fokussierten, sehr koloraturgewandten, höhensicheren, beweglichen und emotional angehauchten Sopran zog sie jede Facette ihrer anspruchsvollen Partie, die sie auch ansprechend spielte. Als Graf Rodolfo erbrachte Adam Palka in jeder Beziehung eine Glanzleistung. Schon darstellerisch war er in der Rolle des gräflichen Frauenhelden sehr überzeugend. Und auch vokal hinterließ er mit seinem perfekt italienisch fundierten, ausgesprochen sonoren und ausdruckstarken Bass einen nachhaltigen Eindruck. Volles, rundes Tenor-Material brachte Charles Sy für den Elvino mit, dem er auch schauspielerisch gerecht wurde. Profundes, kraftvolles Sopran-Material zeichnete die Lisa von Catriona Smith aus. Eine solide, angenehm singende Teresa war Helene Schneiderman. Gut gefiel der markant intonierende Alessio Andrew Bogards. In den Nebenrollen waren Ruben Mora (Notar) und Sandy Liebehenschel (La Strige) zu erleben. Fulminant präsentierte sich der von Bernhard Moncado einstudierte Staatsopernchor Stuttgart.

Fazit: Eine in jeder Beziehung phantastische Aufführung, die der Staatsoper Stuttgart zu großer Ehre gereicht und deren Besuch dringendst zu empfehlen ist!

Ludwig Steinbach, 2. März 2026


La Sonnambula
Vincenzo Bellini

Staatsoper Stuttgart

Premiere: 22. Januar 2012
Besuchte Aufführung: 28. Februar 2026

Inszenierung: Jossi Wieler, Sergio Morabito
Musikalische Leitung: Vlad Iftinca
Staatsorchester Stuttgart