Neues vom Herz(en)
Das kalte Herz ist opernmäßig gesehen weiß Gott kein unbeschriebenes Blatt, ein Märchen, das sich innerhalb der Rahmenhandlung von Wilhelm Hauffs Das Wirtshaus im Spessart befindet, in dem einst Lilo Pulver im gleichnamigen Film als Grafentochter ihr Unwesen trieb, und das unter anderen Theobald Rehbaum, Ignaz Brüll, Norbert Schultze und zuletzt 1988 Volker David Kircher zum Komponieren einer Oper bzw. einer Szenischen Ballade animierte. Nun gab es in der Staatsoper Berlin eine Uraufführung eines neuen Kalten Herzens, ein noch von Daniel Barenboim angeregtes Projekt, verwirklicht vom Pianisten und Schriftsteller Daniel Arkadij Gerzenberg, gegenwärtig an der Musikhochschule Hanns Eisler verantwortlich für das Fach Lyrik, und vom Komponisten Matthias Pintscher, gegenwärtig Musikdirektor des Kansas Symphony Orchestra.
Wilhelm Hauffs Märchen schildert das Schicksal des Köhlers Peter Munk, der, unzufrieden mit seinem Dasein, sein Herz gegen einen Stein und dazu unermesslichen Reichtum durch den Holländermichel eintauscht, deswegen keine Empathie mehr empfinden kann, seine Mutter verstößt und seine mildtätige Frau erschlägt. Deren Güte bringt den zweiten im Schwarzwald ansässigen Geist, das Glasmännlein dazu, Peter zur Rückeroberung seines Herzens zu verhelfen, und am Schluss leben alle (wieder) in aus tatkräftiger Arbeit erwachsendem mäßigem Wohlstand und mit der Geburt eines Kindes beschenkt. Interessant ist das Märchen inhaltlich auch durch zart angedeutete erste Kapitalismuskritik, formal durch die Mischung romantischer und realistischer Stilelemente.

Im Libretto von Gerzenberg bleibt von Hauffs Märchen lediglich, dass Peter Munk ein Sonntagskind und deshalb etwas Besonderes ist, und dass er über einen gewissen Zeitraum hinweg sein Herz nicht in der Brust trägt. Es fehlen Glasmännlein und Holländermichel, stattdessen gibt es eine Gottheit namens Anubis und dessen Vertreter Azaël, der Peters Mutter dazu überredet, ihm das Herz ihres Sohnes zu übergeben, was diese letztendlich nicht tut. Aus Lisbeth ist Clara, aus der Ehefrau eine zeitweise Geliebte geworden, Glashütte und Köhlerdasein spielen keine Rolle mehr, stattdessen ist der Wald, der nach Aussage von Pintscher ihn zum Komponieren der Oper anregte, als Ort geheimnisvollen Geschehens der Protagonist. Ihm wird immerhin die Ehre von ihm gewidmeten vier „Waldmusiken“ zuteil, die in die zwölf Tableaus eingestreut sind. Allerdings hatte man von einem Baumbestand, der gleichermaßen Wölfe wie ein aus einem altägyptischen Totengott und einem jüdischen gefallenen Engel bestehendes Paar beherbergt, bisher noch nie etwas gehört, und auch dem Komponisten, der nach eigener Aussage das hauffsche Märchen mehrere hundert Mal auf Kassette hörte, musste er recht fremd erschienen sein. Hauffs Kaltes Herz ist zwar ein Märchen, aber ein fest in einem klar definierten gesellschaftlichem Raum verankertes, während die Oper sich im Undefinierten verliert. Unmärchenhaft dürfte auch die Altersbeschränkung auf über Sechzehnjährige sein, die wohl weniger sexueller Ausschweifungen als extremer Grausamkeit gegenüber Wölfen oder auch Schakalen zu verdanken ist, denn die Inspiration für die Einbeziehung der Fauna in sein Werk hat der Komponist einer Videoinstallation der israelischen Künstlerin Michal Rovner zu verdanken. Es könnte aber auch sein, dass Heranwachsende sich nicht höflich wie das Premierenpublikum verhalten und die Schwächen des Stücks schonungslos mit Gelächter bedacht hätten.

Mit einem Foto, das suggeriert, man würde durch das Portal der Staatsoper hindurchgehend direkt im dichten Wald landen, wirbt die Staatsoper für ihre neue Produktion. Allerdings trifft man auf dichtes Geäst erst auf der Bühne, die Adam Rigg gestaltet hat und die von Yi Zhao eindrucksvoll unterschiedlich beleuchtet wird. Die Staatsoper hat wirklich alles getan und offensichtlich weder Kosten noch Mühe gescheut, dem Werk zum Erfolg zu verhelfen.
Dessen Haupt-Crux ist allerdings das Libretto, dessen geringster Makel es noch ist, dass das das Wort Herz seiner starken Deklination beraubt wurde, was der Duden immer noch nur der Umgangssprache und der der Mediziner zugesteht, was aber im Libretto als sich ständig wiederholender Stilbruch anzusehen ist, denn ansonsten trabt es höher als hoch daher mit Wendungen wie: „Ein Loch in meiner Brust. In mir Schwarzschlaf. Schwarzschlaf…Ich habe die Haut der Welt berührt. Wanke mit lautlosem Schritt durch heilige Nacht. Diese Stille mein Gebet.“ Typisch für den Text sind auch Sätze wie: „Doch sollst ein Märchen du hören nun“, bei denen die Umstellung der Wörter altertümlich Kostbares vortäuschen soll. Übermäßig gern werden Partizipien verwendet und nur an einer Stelle des Librettos wünscht man sich, es würde Wort halten, wenn es als Regieanweisung heißt: Peter springt schnell vom Ast – der Ast fährt rasch mit Clara ab. Das passiert aber nicht. Ansonsten hat James Darrah Black das Werk sich strikt an das Libretto haltend inszeniert, seine Personenregie ist nachvollziehbar, sängerfreundlich und die Schwächen des Werks eher abmildernd als schonungslos zur Schau stellend.

Der Komponist, der die Uraufführung des Kalten Herzens selbst dirigierte, legte Wert darauf, dieses explizit der Staatskapelle anzuvertrauen, weil er deren dunklen deutschen Klang besonders schätzt und für sein neues Werk, das sich „an dem langsamen Glühen von Wagner-Opern orientiert“, als besonders angemessen hält. Außerdem war es ihm wichtig, die Sängerstimmen gut zur Geltung zu bringen. Beides ist ihm gelungen, so wie auch sein Bekenntnis, „viele Fragen bleiben offen“, nicht von der Hand zu weisen ist. Jedenfalls ist die Musik sängerfreundlich, bläser- und schlagzeuglastig, aber das eher in einer untermalenden als dominierenden Art und in den kurzen Zwischenspielen durchaus atmosphärereich.
Die Säger sind durchweg erstklassig, angefangen mit dem Bariton Samuel Hasselhorn als Peter, der bereits in Die schweigsame Frau mit einer substanzreichen, farbigen, geschmeidigen Stimme erfreut hatte und zudem eine stattlich-gute Figur macht. Mit sattem, schillerndem, in allen Lagen einheitlich timbrierten Mezzosopran ist Katarina Bradiċ eine vorzügliche Mutter. Sunnyi Melles ist mit schonungslosem Einsatz ihrer Sprechstimme fast schon eine Karikatur von Azaël. Sophia Burgos kämpft als Clara mit feinem lyrischem Sopran um ihr Glück mit Peter, während Adriane Queiroz, wie der Chor in dicke (Wolfs?)pelzmäntel gehüllt, die Alte Frau eindrücklich sang. Im Kostüm, das gut einer Elisabetta in Donizettis Roberto Devereux gestanden hätte, geht Rosie Aldrigde als Anubis an ihre stimmlichen Grenzen. Otto Glass ist der tapfere Knabe zu Beginn und Schluss.

Am Ende brach ostentativer Jubel aus, viele Abonnementsbesucher sah man allerdings den Kopf schütteln ob so großer Begeisterung für ein so aufwändig gestaltetes Nichts.
Ingrid Wanja, 11. Januar 2026
Das kalte Herz
Matthias Pintscher
Staatsoper Unter den Linden Berlin
Uraufführung am 11. Januar 2026
Regie: James Darrah Black
Musikalische Leitung: Matthias Pintscher
Orchester der Staatsoper Berlin