Berlin: „The Turn of the Screw“, Benjamin Britten

Ein Fall für die Medizin oder die Geisterjäger?

Eigentlich sind in Berlin die Werke von Benjamin Britten die Domäne der Deutschen Oper, gab es doch, nicht zuletzt durch das Wirken von Sir Donald Runnicles als Generalmusikdirektor, The Rape of Lucretia, Peter Grimes, Billy Budd, A Midsummer Night’s Dream und Death at Venice. Die Staatsoper jedoch hat sich das wohl populärste Werk gesichert, The Turn of the Screw, Premiere im Jahre 2014, Wiederaufnahme 2018 und nun erneut auf dem Spielplan.

Das Stück erfreute sich von Anfang an großer Beliebtheit in Deutschland, wurde natürlich zunächst in deutscher Übersetzung aufgeführt, auch was den Titel, eigentlich Das Drehen an der Schraube oder Die Drehung der Schraube, betraf. Da hieß es Die sündigen Engel, aber auch Die Besessenen, und eine Osnabrücker Produktion von 1994 in der Regie von Holger Klembt sprach Kinder wie die sie verfolgenden Geistererscheinungen sogar von Sünde wie Schuld frei, indem alles zu Halluzinationen der Gouvernante, das Stück zu einer „psychoanalytischen Fallstudie“ wurde.

© Monika Rittershaus

Auf diesem Pfad wandert nach der Aussage der jetzigen Gouvernante, Christiane Karg, auch Claus Guth, dem man eher eine stärker differenzierende, mehrere Möglichkeiten ins Auge fassende und dem Zuschauer nahe legende Lösung zugestehen möchte. Die vermittelt die Produktion in der ersten Vorstellung der Wiederaufnahme auch durchaus und verhält sich damit ganz im Sinne Brittens, der gern ein letztes Geheimnis in seinen Werken ungelüftet sah. Bedeutungsschwanger ist schließlich bereits der Titel des Werks, der nicht verrät, wer das Drehen an der Schraube verursacht, und der Komponist selbst rang insbesondere mit der Gestalt des Quint, der bei der Uraufführung in der Variation XII noch zumindest als Silhouette erscheint, danach aber in weiteren Aufführungen nach Anweisung Brittens in dieser Szene unsichtbar bleibt. Die Regie tilgt ihn optisch allerdings fast vollkommen, deutet eine erotische Faszination, die Miles auf die Gouvernante ausübt, nicht nur an, obwohl diese sich mehrfach in schwärmerischer Bewunderung über dessen Onkel äußert. So wird die Schraube zwar eindeutig in Richtung weibliche Hysterie gedreht, aber nicht bis zum Anschlag der Unmöglichkeit, sich auch andere Deutungen zurecht zu legen. Schließlich wird sogar noch die Haushälterin Mrs. Gruse sexuell aktiv, indem sie der überraschten Gouvernante einen dicken Schmatzer auf den Mund drückt. Von Anfang an allerdings erweist diese sich als überaus zart besaitet, so dass sie schon zu Beginn des Stücks wie ohnmächtig auf dem Boden liegt. Interessant ist die Doppelung des Geschwisterpaars, das singend gestandenen Sängern anvertraut ist, aber auch stellenweise von Kindern gedoubelt wird. Am Schluss sitzt die Governess seelenruhig ihr Glas Wein erhebend am Tisch, an dessen anderem Ende Miles, nachdem er sein „Peter Quint, you devil“, gerufen hat, von ihr offensichtlich erdrosselt zusammen gesunken ist.

© Monika Rittershaus

Bühne und Kostüme stammen von Christian Schmidt, der eine hochherrschaftliche Kulisse in Gestalt eines sich in fast ständiger Bewegung befindlichen Herrenhauses, das immer neue, stets kaum oder wenig möblierte, mit weinroter Tapete ausgekleidete Räume zeigt, zwar mit Fenstern, aber solchen, die keinen Blick ins Freie ermöglichen. Ruh- und rastlos zieht es die Figuren von einem Raum in den nächsten, um sie sogleich wieder in einen weiteren zu beordern. Die Kostüme sind zeitlos, nur ein Matrosenkleid für Flora weist auf Britisches wie der See Verbundenes hin.

Eigentlich war Stephan Rügamer für die Doppelrolle von Prologue und Peter Quint vorgesehen gewesen. Er wurde von Andrew Dickinson mit in Charaktertenornähe weisender Stimme gesungen. Er vertrat zusätzlich noch den Onkel der Kinder, nachdem dieser bereits das Weite gesucht hatte. Ob und was das zu bedeuten hat, lässt sich schwer erschließen. Ein kühles Leuchten zeichnet den Sopran von Christiane Karg aus, ein silbriger Glanz, zu dem sich ein hingebungsvolles, facettenreiches Spiel gesellte, das dem das Zwielicht bevorzugenden Regieansatz voll gerecht wurde. Wärme und Solidität brachten Spiel und Mezzosopran von Rosie Aldrige auf die Bühne und widersprachen den immer wieder geäußerten Bekundungen von Unfähigkeit und Bescheidenheit. Die Kinder können auch von einem Knaben- und einem Mädchensopran gesungen werden, hier steuerten Nicolò Balducci einen feinen Countertenor in Zwiesprache mit der Oboe und Regina Koncz einen lieblichen Sopran schöner Farben bei. Anna Samuil gab dem Leid der Miss Jessel beredten Ausdruck.

© Monika Rittershaus

Ein kleines Orchester von Solisten zauberte unter Finnegan Downie Dear feinste Klanggespinste, war für die Entstehung einer düster-zauberischen Stimmung wesentlich mit verantwortlich und eigentlich das Indiz dafür, dass nicht nur durch eine zutreffende Diagnose Erklärbares, sondern Übersinnliches im Spiel ist.

Ingrid Wanja, 10. April 2026


The Turn of the Screw
Benjamin Britten

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Wiederaufnahme am 10. April 2026
Premiere am 15. November 2014

Regie: Claus Guth
Musikalische Leitung: Finnegan Downie Dear
Orchester der Staatsoper Berlin