Meiningen: „Riemannoper“, Tom Johnson

Dass der Komponist Texte aus einem Musiklexikon von 1882 darstellen will, lässt schon leicht schaudern. Wer denkt sich denn sowas aus? Erwartet das Publikum ein pfurztrockenes Lehrstück voll musiktheoretischer Definitionen? Tom Johnson hatte ganz anderes im Sinn. Einerseits karikiert und ironisiert er die üblichen Stars eines Opernensembles, lässt sie aber andererseits tatsächlich nur, im O-Ton Riemanns, Begriffe wie Aria, Rezitativ, Nocturne, Tagelied oder Galopp usw. zitieren. Schnüren Musikwissenschaft und Definitionsfanatiker ein zu enges Korsett? Johnson führt sie in einer übertriebenen Ernsthaftigkeit vor und gibt Papst Riemann der Lächerlichkeit preis. Schon die Bezeichnung als „Oper“ ist eine Parodie.

© Christina Iberl

Das Werk schreibt keine Handlung vor, nur die Musik und die Texte. So hat die Regie entsprechend Freiräume für die szenische Umsetzung.

Freya Gölitz, der 25-jährigen Regieassistentin, gelingt, nach „Hexe Hillary geht in die Oper“, mit ihrer zweiten eigenen Produktion am Staatstheater Meiningen ein erstaunlicher Coup. Man nimmt nichts vorweg, wenn man jetzt schon anmerkt, dass das Publikum während der 90 Minuten fortgesetzt gluckst und wiehert. Nein, es wird kein banaler Klamauk mit Treppenwitzen aus der Theaterwelt geboten. Es ist das absurd komische Auftreten von Tenor, Bariton, Primadonna assoluta und Primadonna in einer höchst unterhaltsamen Umgebung, während die hervorragende Pianistin Virginia Breitenstein im Stakkato souverän Ton und Tempi angibt. Dass die Aufführung nicht im „Großen Haus“, sondern in den „Kammerspielen“ stattfindet, hat seinen besonderen Reiz. Fast auf Tuchfühlung erlebt man die spürbare Nähe zu den vier Protagonisten, die sonst in ihren Rollen in aufwändigen Kostümen und fremder Maske in Distanz zum Publikum agieren.

Im ersten Akt definieren und präsentieren sich die Sängerinnen und Sänger, selbstverliebt und effektheischend. Die vier Schlachtrösser des Opernbetriebs nehmen die Zuschauer mit auf eine skurrile Reise. Während die einen Koffer anschleppen, reicht das andere leichte Gepäck. Es ist Spielzeitpause, und man möchte wohl irgendwo ans Mittelmeer. Die DB, bekannt für ihre Pannentauglichkeit, lässt die Reisenden nur in den Speisewagen. Die produzieren sich klischeebewusst. Bariton Marc Hightower gibt sich leger: Jeans, kariertes Hemd und Rucksack zeigen ein gesundes Selbstbewusstsein. Herzhaft beißt er in eine Wurstsemmel und singt auch noch! Premium-Primadonna Tamta Tarielashvili, elegant und arrogant, fördert Make-up und Hygieneutensilien zutage. Affektiert, zickig und überheblich begegnet sie ihrer Konkurrentin, der Primadonna Lubov Karetnikova, die jünger und unkomplizierter ist. Tenor Stan Meus wieselt, in höheren Sphären schwebend, strahlend durchs Bordrestaurant. „Seht her, ich bin der Größte!“. Kariertes Sakko, rote Socken, zweifarbige Schuhe sind wohl sein Markenzeichen. Primadonna Zwei spielt mit dem Laptop. Als der Bariton schließlich den Inhalt seines Rucksacks ausbreitet, weiß man, woran ihm liegt: Ein Spielzeugaffe, ein Flachmann und die Gitarre sind dabei.

Eine Panne zwingt die Reisenden zum Aussteigen, die ein wenig Gelegenheit zum Sightseeing vor venezianischer Kulisse haben, natürlich verewigt auf dem Smartphone. Ein Flirt zwischen Primadonna und Bariton, die Definition von arioso mit großartigen Stimmen und ein Tänzchen bedienen schon die Erwartungshaltung des Publikums. Zu einer Unterhaltung kommt es nicht: Abwechselnd zitieren die Vier nur immer wieder Texte aus dem Lexikon, und das mit genauen Seitenangaben. Zum Wegschmeißen singen Tenor und Bariton die Barcarole auf einer imaginären Gondel und rudern mit einer Schwimmnudel.

Die Regisseurin lässt das Quartett nach einer weiteren Zugstörung stranden, und an einem Seeufer vertreibt man sich die Zeit. Yogaübungen und Angelversuche bieten Entspannung. Als ein Gewitter die Vier unter Schirme zwingt, präsentieren sie unisono den Galopp mit einer solchen Begeisterung, dass das Publikum mitwippt. Lampions am Nachthimmel, ein Glücksrad, das sich dreht und natürlich manipuliert wird und jeden beglückt, leiten das Finale ein. Vorbei sind alle Rivalitäten. Sie sind am Meer und können endlich sie selbst sein.

Da ertönt die Stimme Riemanns aus dem Off, der behauptet, all die Lexikonzitate nie geschrieben zu haben und außerdem gäbe es gar keine Sortita.

Der US-amerikanische Komponist und Musikkritiker Tom Johnson (1939 – 2024) bevorzugt Dadaismus, Nonsens, Absurdes und entlarvt das Anspruchsdenken der „Systemkoryphäen“. Die Protagonisten dürfen sich selbst, den Opernbetrieb und die Theoretiker auf die Schippe nehmen. Dazu komponierte er musikalisch minimalistisch mit strengem Duktus, der die Akteure und deren Texte vor sich hertreibt. Permanente Wiederholungen, Zweitonfolgen und ein straffes Konzept schaffen den absoluten Kontrast zur populären Opernmusik. Einziges Instrument: Das Klavier.

Soll das publikumstauglich werden, braucht es einen gefälligen Rahmen. Linda Siegismund ließ sich von der Reiseidee zu einem abwechslungsreichen Bühnenbild inspirieren. Schon der Auftakt, der Aufbruch der Reisenden vor dem Meininger Theater schafft Nähe und dasflugs hereinbugsierte Bordrestaurant bringt alle Personen ins rechte Licht. Die großzügige visuelle Gestaltung einer sonnendurchfluteten italienischen Piazza samt Café weckt Urlaubsgefühle.

© Christina Iberl

Zoé Wagner wählt bewusst unspektakuläre, aber charaktertypische Kostüme, die genau die Aufmerksamkeit erregen, wie sie beabsichtigt ist. So trägt die Primadonna Assoluta die Hose eine Nummer zu klein, die Pumps einen Tick zu hoch. Die Hose des Tenors ist zu kurz, die Socken sind leuchtend rot. Und Bariton und Primadonna scheren sich nicht um Modetrends oder Figur, sondern tragen, was praktisch ist und gefällt.

Tamta Tarielashvili ist als Primadonna Assoluta erste Wahl. Die Mezzosopranistin verfügt nicht nur über eine beeindruckende Stimmvielfalt, sondern beherrscht das Instrumentarium der Persiflage. Die Rolle macht ihr ganz offensichtlich größten Spaß, und wenn sie mit einer übertriebenen Ernsthaftigkeit Riemanns Zeug zitiert, kann man nur mitkichern. Herrlich.

Lubov Karetnikova zeigt sich jugendlich. Ihr heller Sopran und die Unaufgeregtheit lässt sie natürlich und durchaus selbstbewusst erscheinen.

Marc Hightower hat als Bariton wieder eine Paraderolle. Gibt es eigentlich eine, die er nicht authentisch verkörpert?

Stan Meus braucht in seiner Rolle als Tenor sich nicht zu verstellen. Er spielt sich selbst und begeistert durch ein beachtliches Volumen der Stimme.

Großer Spaß und Spielfreude machten letztendlich den Erfolg dieser Vorstellung aus. Allen Darstellern gelang es, diesem stereotypischen Inhalt ein Schnippchen zu schlagen und die Ideen der Regie auf sehr originelle und sehenswerte Weise einem begeisterten Publikum zu präsentieren.

Übrigens gibt es Hugo Riemanns Musiklexikon, nach wie vor tonangebend, inzwischen in der 13. Auflage für schlappe 100 € zzgl. Versandkosten.

Inge Kutsche, 12. Januar 2026


Riemannoper
Tom Johnson
Staatstheater Meiningen, Kammerspiele

Premiere am 9. Januar 2026

Regie: Freya Gölitz
Musikalische Leitung, Klavier: Virginia Breitenstein

Weitere Vorstellungen: 16. Januar und 21. Februar 2026