Die Kunst, Lieder zu singen
„Die Kunst, Schiller zu sprechen“ – so heißt ein bekannter Aufsatz von Ernst Bloch. Die Kunst, Lieder zu singen – so könnte eine Rezension übertitelt sein, in der um Lieder von Schubert und Wolf geht – und um die Interpretinnen eben dieser Lieder.
Lieder im Gluck, so heißt die gesamte Reihe, stattfindend im Gluck-Saal, also dem Zentrum des oberen Foyers des Nürnberger Opernhauses. Hier dürfen sich regelmäßig vor allem, aber nicht allein, die jungen Sängerinnen und Sänger des Opernstudio präsentieren, ohne die manch Nürnberger Opernaufführung nicht auskommen würde. Manchmal fallen diese Sängerinnen oder Sänger angenehm auf: so auch Laura Hilden, die in meiner Nürnberger Spielzeitbilanz als Nachwuchssängerin einen Pluspunkt geschenkt bekam. Auch am Abend des 24. Februar, nur einen Tag nach der Verleihung der Oper! Awards im Theater Regensburg, bei denen auch der Preis für die beste Nachwuchssängerin verliehen wurde, bot die junge Sängerin eine reife Leistung – eine reife und eine jugendliche. Denn ihr Schubert- und Wolf-Gesang schmiegt sich der Gattung Lied so an, dass mögliche dramatische Ausbrüche, wie sie sie ja auch kann und gelegentlich bei anderen sich ins Lied verirrenden Opernsängerinnen auf dem Konzertpodium offenbar werden, erst gar nicht vorkommen. Jungmädchenhaft klingt also nicht allein das zauberhafte Ständchen Franz Schuberts, klar und rein, hell (ihr Mezzosopran liegt relativ hoch) und luftig, dabei immer stimmfest, kommt das gesamte Programm herüber; Wolfs Bedeckt mich mit Blumen, auszuführen in einfachem und doppeltem piano, markiert da in seiner Fragilität eine bewusste Ausnahme, bevor mit dem Neuen Amadis ein betont forscher Ton für den Kontrast sorgt. Ein erstes merkbares Forte begegnet den Hörern in Wolfs Andenken, ohne dass man den Eindruck hätte, dass die Sängerin vorher flüstern würde.

Überhaupt die Kontraste – jeweils zehn Schubert-Lieder und zehn Wolf-Liedern zu koppeln ist nicht zwingend, aber nicht zuletzt aufgrund der immensen Qualität der beiden Werkkomplexe möglich. Nicht zuletzt erfährt man etwas von dem Weg, den das Kunstlied von Schubert zu Wolf zurückgelegt hat. Laura Hilden erläutert kurz das Programm: Der relativen (!) Schubertschen „Einfachheit“ antworten die Wolf-Lieder mit komplexeren Harmonien und Rhythmen; zusammengesteckt ergibt das einen sinnvollen Liederabend, der des Zufalls entbehrt. Laura Hilden und die Liedpianistin Gabriela Lasota haben eine Serie von Perlen zusammengestellt, die mit genauer Artikulation, doch zugleich mit dem Sinn für melodische Bögen und Zusammenhänge gemacht wird; nichts gerät hier, bei aller Deutlichkeit, deklamatorisch. Wort und Musik werden, das ist ihre Lied-Ästhetik, bei Laura Hilden wie bei Gabriele Lasota stets eng aufeinander bezogen. Das ermöglicht dann eine Lyrik im Walzertakt (Schuberts Im Haine) und authentische, legatobogenunterstützte Wehmut (Schuberts Herbst), rasante Heiterkeit (Schuberts auch pianistisch anspruchsvolles Reiterlied Auf der Bruck) und Versonnenheit (Wolfs Auf eine Christblume). Nicht allein die bekannten Liedjuwelen An Sylvia (Fischer-Dieskau nannte es „bezaubernd, völlig unprätentiös und improvisiert wirkend“) und Auf dem Wasser zu singen bringen eine traumhafte Stimmung in den Gluck-Saal, die zuletzt reines Glück ist.
Die Kunst, Lieder zu singen: Man kann sie also bei Laura Hilden und ihrer kongenialen Partnerin Gabriele Lasota lernen – und man darf nach wie vor gespannt sein, wie sich die junge Sängerin stimmlich weiterentwickeln wird.
Frank Piontek, 25. Februar 2026
Lieder im Gluck:
Franz Schubert:
Herbst, An Silvia, Auf dem Wasser zu singen
Die Blumensprache, Rastlose Liebe
Abendstern, An den Mond in einer Herbstnacht
Ständchen, Im Haine, Auf der Bruck
Hugo Wolf:
Anakreons Grab, Andenken
Bedeckt mich mit Blumen, Der neue Amadis
Auf einer Wanderung, Auf eine Christblume
Begegnung, Nimmersatte Liebe
Verschwiegene Liebe, Wer tat deinem Füsslein weh?
Staatsoper Nürnberg, Gluck-Saal
24. Februar 2026
Laura Hilden, Sopran
Gabriele Lasota, Klavier