Wiesbaden: „Die Vögel“, Walter Braunfels

Kein Geringerer als Bruno Walter dirigierte die Uraufführung am Nationaltheater München im Jahr 1920 und gab sich auch Jahre später in seinen Memoiren von der Qualität des Stückes überzeugt. Der Musikwissenschaftler Alfred Einstein stellte Die Vögel von Walter Braunfels in eine Reihe mit Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos und Die Frau ohne Schatten und verglich sie gar mit Wagners Meistersingern. Tatsächlich sind diese beiden Komponisten als Vorbilder nicht zu überhören. Gleich zu Beginn malen in der Wiesbadener Neuproduktion noch vor geschlossenem Vorhang die Holzbläser, von Harfen umglitzert, in delikaten Farben ein lichtes Idyll, das atmosphärisch an Wagners Waldweben heranreicht. Musikalisch erinnert der erste Akt dann oft an den Konversationston der Meistersinger, die farbige Instrumentierung, Melodienbildung und spätromantisch verfeinerte Harmonik an Richard Strauss. Epigonal ist das Ganze also, aber sehr gekonnt und wirkungsvoll. Das gut aufgelegte Orchester unter der Leitung von Paul Taubitz lässt die Partitur im besten Licht erscheinen.

© Thomas Aurin

Den Text hatte der Komponist nach der gleichnamigen antiken Komödie des Aristophanes verfaßt: Zwei Menschen bringen eine Vogelschar dazu, ein „Wolkenkuckucksheim“ in den Lüften zu errichten, welches die Götter von den Brandopfern der Menschen abschneidet, aus denen sie ihre Kraft beziehen. Während im antiken Original die Götter im Wege der Diplomatie klein beigeben, erheben sich die Vögel bei Braunfels von den menschlichen Ratgebern angestachelt zum Krieg gegen die Ewigen. Zeus macht schließlich kurzen Prozess mit ihnen und zerstört die Vogelstadt in den Lüften mithilfe von Naturgewalten. Der Reiz der Handlung besteht aus ihrer Metaphorik, die den Größenwahn der Mächtigen und die Verführbarkeit des Volkes durch gewiefte Demagogen als Satire im Gewand einer Tierfabel präsentiert.

Regisseur Ersan Mondtag pfeift auf diese Verfremdung, kündigt das Werk plakativ als „Populisten-Oper“ an und lässt es im Wartebereich eines Flughafens spielen. Die glänzend geschriebene Handlungsübersicht im Programmheft erzählt daher erst gar nicht den vorgesehenen Plot, sondern erläutert gleich die Ideen des Regisseurs: „Im Gegensatz zur ‚felsigen Berggegend mit viel Gebüsch und wenigen Bäumen‘, die Walter Braunfels in Anlehnung an Aristophanes Komödie „Die Vögel“ als idyllischen Schauplatz seiner Oper wählte, irren Hoffe-gut und Ratefreund in Ersan Mondtags Neuinterpretation durch endlose Terminals. Sie befinden sich auf dem Flughafen-Kreuz eines kleinen Fürstentums auf der Suche nach der VIP-Lounge, um dort den lokalen Herrscher zu treffen.“ Den neuen Handlungsort hat Mondtag als sein eigener Bühnenbildner mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Die Rückfront zeigt ein großes Fenster, das als Abspielfläche für Videoprojektionen dient. Zunächst sieht man dort die Startbahnen, später einen Werbefilm für das Bauprojekt in den Lüften, schließlich die fertige Architektur in den Wolken.

© Thomas Aurin

Für die Kostüme, die ohne die geringste Vogel-Anspielung auskommen, hat Mondtag Anleihen bei Gemälden der Zwischenkriegszeit genommen, welche „schräge Vögel“ zeigen, wie das Programmheft erklärt. Genannt wird neben George Grosz erneut Otto Dix. Dessen karikaturhafte Personenporträts waren in dieser Spielzeit bereits das Vorbild für die Kostüme in La traviata, so wie monumentale Video-Projektionen auf der Rückwand als Ersatz für aufwendige Kulissen schon das Bühnenbild von Schneeflöckchen dominiert haben. Bemerkenswert, wie unterschiedliche Regieansätze sich ähnlicher Ausstattungsideen bedienen. Einen Coup hält das Bühnenbild für den zweiten Akt parat: In einer Traumsequenz fährt die Flughafen-Lounge nach oben und macht einem dunklen Spielzeugladen Platz, in dessen Regalen Plüschbären mit unheilvoll leuchtenden Augen sitzen. Von oben werden monströse, offenbar fleischfressende Pflanzen mit Reißzähnen heruntergelassen, die an Little Shop of Horrors erinnern – warum auch immer. Das sieht alles gut aus und sorgt für kurzweilige Unterhaltung, reibt sich aber durchgängig mit dem Text. Mitunter wirkt es so, als habe man einem Film die falsche Tonspur unterlegt.

© Thomas Aurin

Bei der Besetzung erweist das aktuelle Wiesbadener Ensemble erneut seine Qualität. Gleich zu Beginn tritt Josefine Mindus als Nachtigall im engen roten Kleid vor den Vorhang und begrüßt mit locker und perfekt servierten Koloraturen das Publikum. In den Rollen der beiden Volksverführer überzeugt Hovhannes Karapetyan mit saftigem Baßbariton als Ratefreund, während Richard Trey Smagur als Hoffegut wie zuletzt in Schneeflöckchen mit dem scharfen Timbre seines Tenors irritiert. Wunderbar rund singt Sam Park den (als solchen nicht zu erkennenden) Vogelanführer Wiedehopf. Mit der klaren Diktion eines Liedsängers präsentiert Jonathan Macker die Mahnungen des Prometheus. Machtvoll tönt der dunkle Baß von Young Doo Park als Adler und Stimme des Zeus.

Musikalisch kann diese Produktion also überzeugen, szenisch wird man zumindest gut unterhalten, wenngleich man es kurios finden mag, daß eine Inszenierung von „Die Vögel“ ohne Vögel auszukommen meint.

Michael Demel, 2. April 2026


Die Vögel
Oper in zwei Akten von Walter Braunfels

Staatstheater Wiesbaden

Besuchte Premiere am 21. März 2026

Inszenierung: Ersan Mondtag
Musikalische Leitung: Paul Taubitz
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Weitere Vorstellungen: 11. und 16. April sowie 7. Juni 2026

Trailer