Nach seinem letzten Dirigat von Hänsel und Gretel im Barmer Opernhaus, der Fledermaus und der Silvesterparty in Berlin dirigierte der österreichische Dirigent und Noch-Generalmusikdirektor hier das Neujahrskonzert. Diese Tradition des Sinfonieorchesters Wuppertal begann wohl 1982 und erwies sich als harmlos im Vergleich zu jener der Wiener Philharmoniker. Deren ökonomisch so erfolgreiches und seit Jahrzehnten weltweit live gehörtes Neujahrskonzert wurde erstmalig von den kurz zuvor in Wien eingefallenen deutschen Nazis verordnet und fand am Silvesternachmittag 1939 als Wohltätigkeitskonzert zugunsten des Kriegswinterhilfswerks statt. Es wurde vom Reichssender München (nicht Wien) u.a. über die angeschlossen Sender Berlin, Leipzig, Königsberg und Böhmen als Teil Göbbels’scher Propaganda ausgestrahlt. Seit 1941 – der Erlös des zweiten Konzerts ging an die NS Massenorganisation Kraft durch Freude – findet es jeweils am 1. Januar statt und wurde erst ab 1947 offiziell „Neujahrskonzert“ genannt. Diese historischen Hinweise sollen uns aber nicht das Konzertvergnügen vermiesen.
Strikt im Tempo mit sehr sparsamer Agogik und ging es flott wie banal los mit der Orpheus-Quadrille von Johann Strauss (Sohn), die nach wenigen Minuten thematisch in der Unterwelt endet. Goldene Zeiten wie im Wien des 19. Jahrhundert – entsprechend der Skulptur des Komponisten im Wiener Stadtpark – waren da noch nicht zu spüren. Jetzt betrat erst mal die neue Oberbürgermeisterin Miriam Scherff die Bühne, begrüßte das Publikum in der vollbesetzten Stadthalle und versuchte, auf die Zukunft der Stadt, wie sie im neuen Wuppertal-Plan erscheint, einzustimmen. Nach dem nervig mehrfach lautstark vorgetragenen Wunsch eines einzelnen Störers nach Musik wünschte sie allen ein frohes neues Jahr und verließ unter starkem Applaus des Publikums die Bühne.
Tahiti Trot ist ursprünglich ein Song aus einem sehr erfolgreichen Broadway-Musical von Vincent Youman. Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) instrumentierte das Werk in einer Dreiviertelstunde. Das Orchesterstück, 1928 in Moskau uraufgeführt, spiegelt mit rhythmisiertem Glockenspiel, gestopftem Blech, Blech- Glissandi dem Jazz der damaligen Zeit, in der sich u.a. Ella Fitzgerald und Dave Brubeck des Musicals angenommen hatten. Nach weichem Schlussakkord setzte zunehmender Beifall ein.
Patrick Hahn ergriff das Mikrofon und erläuterte kurz die Monadologie XXIII von Bernhard Lang (*1957), der die Filmmusik von Stanley Kubricks 2001- Odyssee im Weltraum – also Strauss, Strauß, Ligeti – elektronisch aufspaltet, erneut zusammensetzt und mit Persiflage, Ironie und Wiederholungen auditorische Déjà vue Erlebnisse beim Publikum induziert. So entstanden verfremdete, schräge, bruchstückhafte Kollagen bekannter Themen und das Publikum war wohl nicht unglücklich, diese ursprünglich für ein choreografisches Projekt entstandene Musik nicht tanzen zu müssen. Immerhin gab es Zarathustra mit quieksenden Oboen, stampfendem Rhythmus, Trillerpfeife und Sirenenklang – unterhaltsam und ungewöhnlich. Die Donaustrand Polka von Johann Strauß rauschte schnell vorüber. Musikalisch gefielen seine differenzierteren Carnevalsbilder op. 357 nach der gleichnamigen Operette besser. Bei wunderbarem Trompetensolo und herrlichem Walzer kam erstmals echtes Wiener Musikgefühl auf, das mit starkem Applaus belohnt wurde.
Während des folgenden Umbaus bot der Generalmusikdirektor im Saale dem Publikum Sekt an, hatte aber nicht genug für alle. Vom Orchester folgte – nach dem Tausch der Instrumente gegen Sekt – von der Bühne herunter ein kräftiges Prost Neujahr. Patrick Hahn hatte Kreislers Musikkritiker schon mehrfach zu eigener Klavierbegleitung präsentiert, diese jetzt eigens für dieses Konzert für großes Orchester instrumentiert. Als er, selbst am Flügel, im Wechsel oder zusammen mit dem Orchester sang, kamen Stimmung und reines Vergnügen auf. Erstaunlich wie gut und musikalisch so eine Partitur auch ohne Dirigenten umgesetzt werden kann. Schade, dass der Wiener Schmäh nicht vollständig zu verstehen war – das Publikum war dennoch begeistert.

Nach der Pause gab es Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski (1839-1881) in einem Remake von Yaron Gottfried (*1968) für Jazz Trio und Orchester. Da wird die Musik Mussorgskis mit Jazz, Latin, Flamenco Rock u.a. aufgeheizt. Gegenüber dem Original fehlen das Ballett der Küken und die Katakomben. Yaron Gottfried – sein Vater war schon Jazz Pianist – wurde in Jerusalem geboren und sammelte als Pianist, Arrangeur und Dirigent Erfahrungen während seines Wehrdienstes im Orchester der israelischen Luftwaffe. Bereits 2014 nahm er sein Mussorgski-Remake auf CD auf. Fast zu schnell begannen diese Bilder aber man badete in edelstem klassischem Jazz. Das Frank Dupree Trio mit Schlagzeuger Obi Jenne und Kontrabassist Jakob Krupp machte sich mit Temperament, sagenhafter Technik und überbordender Spiellust über diese Musik her, musikalisch gemeinsam tief atmend vor allem auch in den solistischen Passagen. Frank Dupree, am Flügel virtuos wie seelenvoll erinnerte in perlenden Passagen gar an Errol Garner. Der Zupf- Kontrabass bewegte sich elegant, souverän und sonor klangvoll in seinen Tiefen und am Schlagzeug wurde höchst differenziert mit Besen und anderem gerieben, mit den verschiedensten Schlegeln und Händen energetisch stark und stärker geschlagen und gewirbelt, Luftschläge und Schenkelklopfen nicht ausgenommen. Jedes Instrumentalsolo wurde begeistert beklatscht. Da wippten die Beine des Schlagzeugers oszillatorisch, im Laufe des Abends bewegten sich auch die Köpfe der Orchestermusiker auf der Bühne im Takt, die Publikumsbeine im Saal ohnehin. Mit Das große Tor von Kiew endetedieser überaus vergnügliche musikalische Spaß und riesiger Applaus führte schnell zu Zugaben.
Da improvisierte das Trio, erweitert um Patrick Hahn als 2. Mann am Flügel, Jazz, wie man ihn immer wieder hören möchte. Frank Dupree entwich dabei mit der doppelten kleinen Handtrommel auf die Bühnenkante. Bei der nächsten Zugabe wurde ihm das Xylophon gebracht, seine Jazzkollegen improvisierten und Patrick Hahn am Flügel sang in Begleitung des Orchesters Kreislers Ich hab ka Lust. Er hatte ka Lust, fand Kranksein z.B. schlecht, blieb gesund wie ein Hecht und leider auch ka Lust Wuppertal nicht zu verlassen. Zur nächsten Zugabe, – der Applaus wollte nicht enden- kamen die Schlagzeuger des Orchesters zusätzlich hinunter, und machten mit. Mit orchestraler Professionalität schlugen sie alle um die Wette. Witz und Humor feierten Triumphe. Zuletzt versprach Patrick Hahn zum Ende zu kommen und liebte an den Flügel gelehnt mit dem Jazz Trio gesanglich-musikalisch besinnlich Kreislers Mädchen mit den drei blauen Augen.
Wenn 2026 so zu Ende geht, wie es hier begonnen hat, dann werden wir uns glücklich schätzen! In Kiew klingt es derzeit nicht nach Mussorgskis Großem Tor, und am Silvestertag war in der Presse zu lesen, dass die Krankenhäuser nicht kriegstüchtig seien.
Johannes Vesper, 3. Januar 2026
Johann Strauss (Sohn): Orpheus Quadrille op. 236
Dimitri Schostakowitsch: Tahiti Trot op. 16
Bernhard Lang: Monadonologie XXII „For Stanley K.“
Johann Strauss(Sohn)“Vom Donaustrande“ Polka schnell op. 356; „Carnevalsbilder“ Walzer op 357
Georg Kreisler/Patrick Hahn: „Der Musikkritiker“
Modest Mussorgsky /Yaron Gottfried: „Bilder einer Ausstellung“ Remake für JazzTrio und Orchester
Historische Stadthalle Wuppertal
1. Januar 2026
Frank Dupree Trio
Patrick Hahn
Sinfonieorchester Wuppertal