Gießen: „La traviata“, Giuseppe Verdi

Man könnte meinen, schrieb ich kürzlich, daß gerade ein La traviata-Jubiläum zu begehen ist, so oft wie Verdis Erfolgsstück um Liebe und Leid einer tuberkulosekranken Pariser Kurtisane in dieser Saison deutschlandweit auf den Spielplänen gelistet wird: Innerhalb von wenigen Monaten liefen Premieren in Braunschweig, Detmold, Hagen, Krefeld, Nürnberg, Oldenburg, Würzburg, Wiesbaden und Trier, demnächst folgen noch Bremerhaven, München (Gärtnerplatztheater) und Münster. Es gibt aber kein Jubiläum weit und breit – die Karten verkaufen sich einfach nur gut. Man möchte indes nicht in der Haut eines Regisseurs stecken, dem zu der Handlung noch irgendetwas Neues einfallen soll.

© Christian Schuller

Ute M. Engelhardt, seit dieser Spielzeit Leiterin des Musiktheaters am Stadttheater Gießen, ist etwas Neues eingefallen: Sie ersetzt die tödliche Krankheit Tuberkulose durch den Blick auf die Abhängigkeiten der Titelfigur Violetta. Im Libretto angelegt ist die Abhängigkeit von wohlhabenden Männern. Die Zutat der Regisseurin ist eine Abhängigkeit von Alkohol. Schließlich steht am Beginn der Oper das berühmte Trinklied, bieten rauschhafte Feste der „vom Weg Abgekommenen“ (traviata) eine Flucht vor jener inneren Einsamkeit, die sie in ihrer ersten Arie traurig besingt. Zu Beginn des ersten und dann wieder des dritten Aktes steht ein Bildzitat: Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“. Eine Frau liegt rücklings schlafend auf einem Bett ausgestreckt, Kopf, Schulter und Arm hängen von der Bettkante herunter. Über ihr hockt ein dunkles, koboldartiges Wesen und betrachtet die Schlafende. Bei Füssli ist dieses Wesen ein Nachtmahr. Ute Engelhardt macht die Figur zum dunklen Begleiter Violettas, zur Verkörperung ihres inneren Dämons. Die Aussicht auf eine Beziehung mit Alfredo erscheint vor diesem Hintergrund als Ausweg aus dem Kreislauf von Rausch und innerer Leere danach. Es ist dabei nicht allein, und noch nicht einmal wesentlich, die Intervention von Vater Germont, welche ihr Liebesglück zerstört. Es ist die Abhängigkeit, die Sucht, welche sie immer wieder einholen. Neben der metaphorischen Gestalt des Dämons sind es Flaschen, die ihre Sucht verdeutlichen. Sie stehen um ihr Bett herum, sie quellen aus den vertäfelten, grau angestrichenen Wänden, welche das Einheitsbühnenbild von Sonja Füsti prägen. Es gibt kein Entkommen. Das Ende zeigt Violetta als Gefangene ihrer inneren Zwänge und Sehnsüchte: Die Sterbeszene samt Aussöhnung mit Alfredo findet nur in ihrem Kopf statt. Es bleibt dabei offen, ob die Stimmen ihres Geliebten und seines Vaters in ihren Übergang ins Jenseits hinüberwehen oder ob sie diese in einem finalen Stadium des Deliriums halluziniert.

© Christian Schuller

Dieses Konzept wird plausibel mit erprobten Regiemitteln umgesetzt: Es gibt eingefrorene Bilder, wenn Violetta inmitten einer Partygesellschaft zur Innenschau ansetzt, eindrucksvoll auf die Kulissen geworfene Schlagschatten (auch im Übrigen überzeugende Lichtregie von Konstantin Wassilewskij) und vor allem eine lebendige Personenführung. Der Garant für das szenische Gelingen ist die unter die Haut gehende darstellerische Intensität von Annika Gerhards in der Titelpartie. Sie scheint das Schicksal ihrer Figur, alle trügerischen Höhen und die abgründigen Tiefen mit jeder Faser ihres Körpers zu durchleben. Dazu beglaubigt sie ihr Rollenporträt mit einer staunenswerten musikalischen Leistung, ihre bislang beste seit dem Eintritt in das Gießener Ensemble: Die Koloraturen sitzen perfekt, die Spitzentöne gelingen unangestrengt. Eine breite Palette an Klangfarben steht ihr für den Überschwang des Beginns, die hoffnungsvolle Leidenschaft, den Schmerz des Verzichts und das letzte Aufbäumen am Ende zur Verfügung. Vom Publikum wird sie zu Recht dafür gefeiert. Schon ihretwegen lohnt sich ein Besuch der Produktion.

Sie stellt damit die übrigen Darsteller ein wenig in den Schatten, unter denen es gleichwohl keinen Ausfall gibt. Eleazar Rodriguez bringt für den Alfredo einen virilen, lyrisch grundierten Tenor mit, Grzegorz Pelutis ist mit kernigem Bariton ein autoritätsheischender Vater Germond, Jana Marković als Flora Bervoix und Elisabeth Wrede als Annina gefallen mit ihren runden Mezzosopranen. Opernchor und Extrachor fügen sich spielfreudig und klangsatt ein.

Abgerundet wird die Aufführung durch eine überzeugende Leistung des Philharmonischen Orchesters Gießen. Generalmusikdirektor Andreas Schüller animiert seine gut aufgelegten Musiker zu sphärischen Streicherklängen in den Vorspielen zum ersten und dritten Akt, rhythmisch federnden Ensembleszenen und einer differenzierten Begleitung der Arien mit schönen Instrumentalsoli. Wenige Intonationstrübungen fallen nicht ins Gewicht.

© Christian Schuller

Diese Produktion wirkt geschlossener, lebendiger und ergreifender als manche Repertoire-Aufführung von Verdis Erfolgsstück an weit größeren Häusern. Die Regie biedert sich dem Publikum nicht an, läßt aber das Stück intakt und entwickelt eine plausible und anschauliche Erzählung. Ein Ensemblemitglied ergreift seine Chance und wächst in der Titelpartie über sich hinaus, die übrigen Sängerdarsteller halten mit. Niemand vermißt die Perfektion eines Spitzenorchesters oder den Einsatz von „Star-Sängern“. Aufführungen wie diese vermögen es, auch in der sogenannten Provinz die Kunstform Oper aufblühen zu lassen. Wegen solcher Leistungen muß einem um die Zukunft des Musiktheaters nicht bange sein.

Michael Demel, 15. Februar 2026


La traviata
Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi

Stadttheater Gießen

Besuchte Aufführung: 8. Februar 2026
Premiere: 24. Januar 2026

Inszenierung: Ute M. Engelhardt
Musikalische Leitung: Andreas Schüller
Philharmonisches Orchester Gießen

Weitere Aufführungen: 20. Februar, 5. März, 1. und 5. April, 1. und 24. Mai 2026

Trailer