Der Komponist Florian Leopold Gassmann (1729-74) büxte in jungen Jahren aus dem elterlichen Haus in Böhmen, um in Italien zum Musiker ausgebildet zu werden, von wo aus er schließlich an den Wiener Kaiserhof Joseph II. gelangte. Mit im Schlepptau hatte er keinen Geringeren als Antonio Salieri. Mit einer komischen Oper, die sich über die „ernste“ Oper lustig macht, gewann Gassmann 1769 die Gunst des Publikums im damaligen Hofburgtheater am Michaelerplatz. Librettist Ranieri de’ Calzabigi (1714-95) scheute dabei keinerlei Klischees, die klassische Opera seria zu parodieren, indem er im Geiste Glucks die Auswüchse sinnloser Koloraturen und übertrieben pathetischer Texte wie die eines Metastasio persiflierte. L’opera seria ist eine Opera buffa, in der aufgezeigt wird, wie eine Oper entsteht und wie sie aufgeführt wird. Die an sich spärliche Handlung über Hierarchien und Eigentümlichkeiten der Künstler, spiegelt sich bereits in deren Namen wider: Der Impresario heißt Fallito (Pleitegeher), der Textdichter Delirio (Rausch, Wahnvorstellung), der Komponist Sospiro (Geächze), der Tenor Ritornello (Orchestervorspiel), die Primadonna Stonatrilla (Falschtrillerin), ihre Rivalinnen tragen den Namen Smorfiosa (Zimperliese) und Porporina (die Purpurrote), der Tanzmeister Passagallo (angelehnt an Passacaglia, Hahnentritt).

Auch die erst am Ende der Oper auftretenden keifenden und streitenden Mütter der Soprane, allesamt von Männern gesungen, tragen bizarre Namen: Bragherona (große Unterhose), Befana (Schreckschraube) und Caverna (die Höhle). Alle Beteiligten dieser Oper versuchen sich ins beste Licht zu stellen, aber die für die Abendvorstellung vorbereitete bzw. geprobte Aufführung der opera seria „L‘Oranzebe“, deren Stoff auf einem Drama von John Dryden (1631-1700) basiert, dessen Szenen aber auch an Metastasios Libretto „Adriano in Siria“ erinnern, wird zum kompletten Desaster. Die Aufführung muss abgebrochen werden und der Impresario flieht in seiner Verzweiflung mit der Theaterkasse. Die Mitwirkenden, sowie Textdichter und Komponist, schwören, sich an sämtlichen zukünftigen Impresari rächen zu wollen.
2015 konnte das Publikum in Wien bereits mit der Oper Gli uccellatori Bekanntschaft mit einer Oper von Gassmann in der Wiener Kammeroper schließen. Im 18. Jahrhundert haben sich das Theater und die Oper über sich selbst lustig gemacht, etwa Carlo Goldoni im „Impresario von Smyrna“ (1760). Zu Vollendung und Abschluss dieser Form der Opernsatire brachte es Gaetano Donizetti mit seinen „Convenienze ed inconvenienze teatrali“. Für das Genre der Oper holten das Teatro alla Scala und das Theater an der Wien in Ko-Produktion ein Werk hervor, das mehr als 250 Jahre alt ist und seit der Uraufführung nie wieder in Wien zu sehen war. Gassmann steht musikalisch zwischen Barock und Klassik. So unterrichtete er den jungen Antonio Salieri auf der Grundlage des Lehrbuches des Kontrapunktes im alten Stil Gradus ad Parnassum (1725) von Johann Joseph Fux (1660-1741) in Komposition. Intendant Herheim entschuldigte Julie Fuchs, aber man hatte nicht den Eindruck, dass sie ihrer Virtuosen Rolle als erste Sängerin Stonatrilla etwas schuldig blieb. Bei der Generalprobe zwei Tage zuvor, hatte sie lediglich die Rezitative gesungen und die Arien wurden von Nikola Hillebrand formvollendet dargeboten. Für die zweite Sängerin Smorfiosa, Andrea Carroll, immer seufzend und leidend, hatte Gassmann noch halsbrecherische Stimmakrobatik vorgesehen, die sie perfekt meisterte. Und Serena Gamberoni als das Nachwuchssternchen Porporina behauptete mit Brachialgewalt eisern ihren Platz. Bleibt noch der einzige, mit einer Leseschwäche ausgestattete und immer höher singen wollende Tenor Josh Lovell als Ritornello, der das Klischee des dummen Tenors idealtypisch verkörperte. Bariton Pietro Spagnoli glänzte als zwischen den Fronten stehender Impresario Fallito in seinen Verzweiflungsausbrüchen über den Librettisten Delirio, Bariton Roberto de Candia, und den Komponisten Sospiro, Tenor Petr Nekoranec, die kein Wort bzw. keine Note ihrer Arbeit streichen wollen.

Bariton Alessio Arduini war in der Rolle des Passagallo bemüht, seine Tanzcompanie ins rechte (Rampen-)Licht zu rücken. Im dritten Akt wich Regisseur Laurent Pelly von der Vorlage ab: Statt einer Unterbrechung durch Zuschauer gab es technische Probleme, das Bühnenbild fiel zusammen und die Solisten sangen weiter. Das Ballett in der Choreografie von Lionel Hoche tanzte unbeirrt einen pas de six im Stil „weiße Schwäne“ und Pellys ironische Kostüme des 18. Jahrhunderts verstärkten die unterhaltsame Atmosphäre. Die in alter Buffotradition mit Männern besetzten Mütterrollen wurden von Tenor Alberto Allegrezza (Braghero-na) und den Countertenören Nicholas Tamagna (Befana) und Filippo Mineccia (Caverna) umwerfend komisch karikiert. An der Spitze seines Ensembles Les Talens Lyriques stand Christophe Rousset, der Gassmanns Position als Glied der Entwicklung zwischen Gluck und Mozart feinfühlig herausarbeitete und deutlich unterstrich. In den Rezitativen wurde er am Cembalo von Korneel Bernolet und am Cello von Emmanuel Jacques vorzüglich unterstützt. Laurent Pelly ist es als Regisseur im schlichten Bühnenbild von Massimo Troncanetti gelungen, die Handlung als Alptraum des Impresarios zu inszenieren, womit er der im Grunde fehlenden dramatischen Struktur einen abwechslungsreichen Rhythmus verleihen konnte. Das Bühnenbild stellt anfangs nur schlichte Räume mit ein paar Sessel und einem Klavier, das herein- und wieder hinausgetragen wird, dar. Im dritten Akt werden dann die Kulissen typischer Barockausstattungen, selbstredend mit dem obligaten Elefanten für das indische Milieu, zitiert. Hier brilliert auch der Chor der Tänzer Carl Kachouh, David Neumann, Marie Charpentier Leroy und Erica Alberini als Rapina sowie die sechs Tänzer Samuel Adam, Samir Bellido, Blaž Cunk, Jordan Deadman, Michael Gross und Filippos Psychogios. Für die einfühlsame und zugleich spannende Lichtregie sorgte Marco Giusti. Obwohl viele Rezitative gestrichen wurden, dauerte die Aufführung über drei Stunden und erhielt dennoch begeisterten Applaus vom Publikum, das die brillante Regie zu schätzen wusste und so dem Abend zu einem triumphalen Erfolg verhalf.
Harald Lacina, 1. März 2026
L’opera seria
Florian Leopold Gassmann
MusikTheater an der Wien
Premiere am 28. Februar 2026
Regie: Laurent Pelly
Musikalische Leitung: Christophe Rousset
Les Talens Lyriques