Ist der Abend ist ein Triumph für die Schauspielerin Christina Huckle, die die Uraufführung von Kassandra fast im Alleingang auf der großen Bühne des Theaters Bielefeld bestreitet, oder für die Figur Kassandra, oder für ihre Schöpferin Christa Wolf? Und was hat das mit dem Opernfreund zu tun? Es ist eine spartendurchlässige Gemeinschaftsarbeit, ausgehend von einer Initiative der Schauspielerin, die Christa Wolfs gleichnamige Erzählung gelesen hat. In der opernaffinen Intendantin Nadja Loschky fand sie eine Unterstützerin, diese wiederum in Yvonne Gebauer eine Mitarbeiterin, um die Erzählung bühnentauglich einzurichten, und in Mathis Nitschke und Stefan Behrisch die Komponisten für das Projekt. Besonders Nitschke war begeistert von dem Projekt, denn er sehnte sich nach Neuem jenseits von reiner Oper beziehungsweise Schauspielmusik. Man war sich schnell einig, dass Christa Wolfs Sprache musikalisch genug ist und keiner Überhöhung durch Gesang bedarf, zumal ihre Protagonistin sich in einem Zustand befindet, in dem Singen ihr nicht mehr möglich ist. Deshalb ist Kassandra eine reine Sprechrolle, unterstützt lediglich von einem Chor, der gelegentlich ihre Erinnerungen verstärkt oder Namen anderer Protagonisten der Orestie skandiert (Chor des Theaters Bielefeld). Ihre Emotionen werden auch vom Solocellisten Mathis Mayr gespiegelt. Diesen Solisten stehen das Orchester und Elektronik gegenüber. Die nicht allzu umfangreiche Komposition schafft freitonal Klangräume und Zeitstrukturen, konfrontieren Kassandra und treiben sie an und bremsen sie ab; elektronische Klänge unterstützen dezent, aber wirkungsvoll den Sprechvortrag. Die klassischen Sparten Schauspiel, Musiktheater und Orchester sind somit gemeinsam gefordert, um die Extreme zwischen der Individualistin einerseits und der Gesellschaft andererseits auszuloten. Was Kassandra nicht erleben durfte – das gegenseitige Aufeinander Hören, die konstruktive respektvolle Zusammenarbeit – hier wird’s Ereignis.

Christa Wolf war unzufrieden mit der Darstellung von Frauen durch Aischylos in dessen Orestie, wo sie zumeist Funktionen bekleiden, aber kaum eine eigenständige Persönlichkeit entwickeln dürfen. Darum schrieb sie in der Zeit des Kalten Krieges mit seiner Hochrüstung und atomaren Bedrohung, während in ihrem Heimatland DDR Menschenrechte und ökologische Vernunft missachtet, eine aktuelle Version der griechischen Hellseherin nicht zuletzt aus feministischer Perspektive. Für sie ist Kassandra kein Opfer des Apoll, sondern mit der Fähigkeit begabt, genau hinzusehen, Zusammenhänge zu verstehen und Schlüsse daraus zu ziehen, womit sie ihre Mitmenschen überfordert. „Kassandra-Rufe“ ist ein gängiger Begriff für Unheilsprophezeihungen, die folgenlos verhallen. 1983 gleichzeitig in beiden deutschen Staaten erschienen, hat das Buch nichts an Aktualität verloren, weshalb seine Umsetzung durch das Theater Bielefeld nach Meinung der Theaterleitung mit seinen erhellenden Formulierungen perfekt in unsere Zeit passt. Gibt es doch genügend Kassandra-Rufe, die vor Machtübernahme der künstlichen Intelligenz, Verlust der Biodiversität, atomarer Kriegsführung und Klimakatastrophe warnen, falls nicht vorher eine neue Pandemie oder das Ende der Demokratie über die Menschheit hereinbrechen.

Das Publikum erlebt an diesem Abend einen gut neunzigminütigen Monolog, in dem die trojanische Königstochter am Tag ihrer bevorstehenden Ermordung ihre Sicht auf den trojanischen Krieg vorträgt, ihre Erkenntnis über die Kriegsgeilheit der Männer und die erzwungene Opferrolle der Frauen, ihre vergeblichen Warnungen und ihr Eintreten für Gerechtigkeit. Christina Huckle steht dafür eine große, runde, offene Wunden und Narben zeigende Spielfläche zur Verfügung, die wiederum auf der Drehbühne steht und somit verschiedene Perspektiven ermöglicht. Huckle befindet sich somit im Mittelpunkt wie in einem Brennglas. Sie geht komplett in der Rolle auf, flößt der ohnehin sprachlich lebendigen Textvorlage noch mehr Ausdruckskraft ein, lebt Kassandras Emotionen szenisch aus und meistert dabei körperlich souverän die Herausforderung der Schräge. Die Sprache stirbt als erstes, heißt es bei Christa Wolf, Bilder sind stärker. Huckles Sprachkunst lässt Bilder entstehen, die Betroffenheit wecken und bei den Zuschauern nachwirken. Geschickt platzierter Bühnennebel und abwechslungsreiche Beleuchtung fördern die Konzentration (Bühne: Katharina Schlipf, Licht: Johann Kaiser-Kranefoed). Nadja Loschky schafft als Regisseurin des Ganzen einen eindrucksvollen Abend.

Allerdings: Auch wenn Bilder stärker sind als Sprache – noch stärker ist Musik, und von daher hätte man sich als Opernfreund davon noch mehr gewünscht. Denn die Bielefelder Philharmoniker unter ihrer Kapellmeisterin Anne Hinrichsen klingen sehr konzentriert und ausdrucksvoll, obwohl, oder vielleicht, gerade weil zu Probenbeginn keine fertige Partitur vorlag, denn das ganze Stück entstand als Work-in-progress. Umso verdienter geriet der heftige Schlussapplaus des Premierenpublikums für alle Beteiligten, besonders natürlich für Christina Huckle.Man muss Wolfs Kassandra nicht gelesen oder den Trojanischen Krieg im Kopf präsent haben, um die Aufführung verfolgen zu können. Eine Anregung, dies nachzuholen, ist sie allemal.
Bernhard Stoelzel, 21. Februar 2026
Kassandra
Mathis Nitschke und Stefan Behrisch
Theater Bielefeld
21. Februar 2026 (Uraufführung)
Inszenierung: Nadja Loschky
Musikalische Leitung: Anne Hinrichsen
Name des Orchesters: Bielefelder Philharmoniker